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Die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe sind voll, die Wartezeiten der Kunden nehmen zu. (Symbolfoto: dpa)

Handwerker-Mangel

Auf Handwerker warten Kunden im Kreis Gießen bis zu zehn Wochen

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Die Auftragsbücher der Handwerker im Kreis Gießen sind proppenvoll, die meisten Betriebe klagen über Fachkräftemangel. Manche setzen gar Headhunter ein, um Mitarbeiter abzuwerben.

Meldungen über eine sich eintrübende Konjunktur prägen seit Wochen die Schlagzeilen auf den Wirtschaftsseiten, gar von einer nahenden Rezession ist die Rede. Im Handwerk aber, so dürften es all jene sehen, die erst nach Wochen einen Fliesenleger oder Elektriker finden, sieht es anders aus. Offensichtlich hat es nach wie vor goldenen Boden. Dass es zumindest fürs Erste so bleibt, belegt eine Umfrage der Handwerkskammer Wiesbaden.

Doch wie blicken Maler, Maurer und Mechaniker hierzulande in die Zukunft? Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft gibt Auskunft.

Herr Hendrischke, viele Handwerker arbeiten seit Jahren am Limit, die Auftragsbücher sind proppenvoll. Schlägt denn die konjunkturelle Abkühlung in der deutschen Industrie auch aufs Handwerk im Kreis Gießen durch?

Björn Hendrischke:Die Zahlen der Umfrage der Handwerkskammer Wiesbaden spiegeln im Wesentlichen die Rückmeldungen unserer Innungsbetriebe wider, die über eine sehr hohe Auslastung berichten. Die Auftragseingänge sind nach wie vor konstant, und es wird auch aktuell kein Auftragseinbruch erwartet. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die Kreishandwerkerschaft Gießen nicht über konkrete Zahlen für den Landkreis verfügt, da wir keine Konjunkturumfrage bei unseren Innungsmitgliedern durchführen.

Welche Branchen profitieren vor allem von der derzeit guten Konjunkturlage?

Hendrischke:Nach wie vor profitiert das Bauhaupt- und Ausbaugewerbe vom weiter anhaltenden Bauboom infolge niedriger Zinsen. Die allgemein steigenden Preise trüben dabei die Hochkonjunktur nur minimal ein. Aber auch in den anderen Dienstleistungsbereichen des regionalen Handwerks wirkt sich das Niedrigzinsumfeld nach wie vor positiv aus. Die Konsumlaune beschert auch in diesen Bereichen - Lebensmittel, Kfz, Friseure - konstant hohe Umsätze.

Wie beurteilen die heimischen Handwerker ihre Geschäftserwartungen, erwarten sie eine konjunkturelle Eintrübung?

Hendrischke:Die allgemeinen Konjunkturprognosen führen auch bei unseren Innungsbetrieben zu verhaltenen Geschäftserwartungen. Eine zum Teil von Wirtschaftsforschern prognostizierte Rezession würde sich - anders als in der Industrie - im Handwerk aber erst mit einem zeitlichen Verzug konjunkturell niederschlagen.

Stichwort "Auftragsreichweite": Hessenweit liegt diese bei 8,8 Wochen, im Bauhauptgewerbe gar bei über zehn Wochen. Die Kapazitätsauslastung beträgt landesweit 83 Prozent. Die Firmen arbeiten also am Limit, die Wartezeiten der Kunden nehmen zu. Wie ist diesbezüglich die Situation im Kreis Gießen?

Hendrischke:Der überwiegende Teil unserer Innungsfachbetriebe arbeitet insbesondere in den Sommermonaten an der Belastungsgrenze. Das führt in der Tat dazu, dass Kunden mittlerweile bis zu zehn Wochen warten, ehe sich der Handwerker um ihren Auftrag kümmern kann.

Spielt dabei auch der Fachkräftemangel eine Rolle?

Hendrischke:Ja, sogar in erster Linie, schlägt sich der doch in besonderem Maße im Handwerk nieder. Im Kreis Gießen wird die Situation durch die zahlreichen akademischen Ausbildungsangebote noch verschärft. Aber auch Lieferschwierigkeiten bei den Herstellern führen oftmals zu erheblichen Verzögerungen.

In Hessen gelingt es nur zwölf Prozent der Betriebe, neues Personal zu finden. Die gleiche Prozentzahl an Unternehmen verliert sogar Mitarbeiter. Ist das auch ein Problem im Gießener Land?

Hendrischke:Aktuell drückt das regionale Handwerk der Schuh an dieser Stelle am stärksten. Jeder Auftrag, den unsere Betriebe nicht annehmen können, weil Mitarbeiter fehlen, bedeutet letztendlich nicht realisiertes Wachstum. Viele unserer Innungsbetriebe würden gerne Mitarbeiter einstellen, allerdings wird das immer aufwendiger und schwerer.

Zu welchen Gegenmaßnahmen greifen denn die Betriebe?

Hendrischke:Die Not ist zum Teil so groß, dass zum Beispiel im Bereich Sanitär, Heizung und Klima Headhunter beauftragt werden, um Mitarbeiter abzuwerben. So etwas wäre vor fünf Jahren im Handwerk noch undenkbar gewesen.

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