Feuchttücher bilden im Kanal dichte Zöpfe und Stränge und entwickeln sich für Kläranlagen zum Problem.
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Feuchttücher bilden im Kanal dichte Zöpfe und Stränge und entwickeln sich für Kläranlagen zum Problem. 

Corona-Krise

Nach Hamsterkäufen von Toilettenpapier: Kläranlagen wegen Feuchttüchern verstopft - Bürgermeister hat drastischen Vorschlag

  • vonStefan Schaal
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Die Betreiber schlagen Alarm: Kläranlagen im Gießener Land sind zunehmend verstopft. Weil in Supermärkten häufig Toilettenpapier aufgrund von Hamsterkäufen fehlt, greifen Bürger auf Feuchttücher zurück, die sich in Wasser aber nicht auflösen. Lichs Bürgermeister Julien Neubert hat vor diesem Hintergrund einen drastischen Vorschlag.

Eine zähe braune Pampe, deutlich dickflüssiger und dichter als sonst, schleicht im Schneckentempo durch die Kläranlage in Ober-Bessingen voran. Zöpfe aus festen Papier- und Kunststofffasern, Haaren und Fäkalien wickeln sich um Pumpen, Rechen und Trichter.

Kläranlagen in der Region sind derzeit zunehmend verstopft - oder drohen zu verstopfen. Die Ausbreitung des Coronavirus spielt dabei eine wesentliche Rolle. Kommunale Abwasserverbände, Stadtwerke und auch der Landkreis Gießen schlagen Alarm.

Weil herkömmliches Toilettenpapier aufgrund von Hamsterkäufen in Zeiten der Ausbreitung des Virus in Supermärkten häufig vergriffen ist, greifen Menschen zunehmend auf Feuchttücher zurück, die sich in der Kanalisation aber nicht auflösen. Sie verstopfen Pumpen und bringen einzelne Kläranlagen zum Stillstand. Feuchttücher stellen die Anlagen ohnehin vor Schwierigkeiten. Abwasserpumpen seien nun aber einer neuen Belastung ausgesetzt, heißt es von den Verantwortlichen, weil aktuell immer mehr Menschen zuhause bleiben und im Homeoffice arbeiten.

Corona Lich: Sollten Supermärkte Feuchttüber aus Sortiment nehmen?

Lichs Bürgermeister Dr. Julien Neubert erwägt vor diesem Hintergrund einen drastischen Schritt. "Wir appellieren an die Menschen, Feuchttücher in den Abfall und nicht in die Toilette zu werfen", sagt er. "Sollte sich das Problem bei den Kläranlagen aber weiter verschärfen, müssten wir die Leiter von Supermärkten bitten, Feuchttücher aus dem Sortiment zu nehmen."

Den Vorschlag hat Neubert am vergangenen Samstag seinen Kollegen auf einer Versammlung der Rathauschefs im Kreis unterbreitet. Der intakte Betrieb des Abwassernetzes stehe auf dem Spiel.

Noch erklären einige Betreiber von Kläranlagen auf Nachfrage dieser Zeitung, nicht betroffen zu sein, wie beispielsweise der in Gießen ansässige Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke.

"In vielen Kläranlagen kommt es zu Problemen", betont allerdings Louisa Wehlitz, Sprecherin des Landkreises Gießen. "Die Tücher bringen Pumpen und Rechen der Anlagen von kommunalen Abwasserverbänden und Stadtwerken zum Stillstand." Das verursache "einen erheblichen Aufwand und zusätzliche Kosten, weil Personal die Anlagen säubern muss."

Feuchttücher zersetzen sich kaum

Komme es zum Stillstand von Kläranlagen, sei dies nicht ohne weiteres zu beheben, warnt Sabine Bork, Geschäftsführerin des Abwasserverbands Ohm-Seenbach, der für acht Grünberger Stadtteile zuständig ist. Aus Sicherheitsgründen arbeite man derzeit wegen der Ausbreitung des Coronavirus ohnehin im Notbetrieb, momentan sei nur die Hälfte der Mitarbeiter draußen bei den Anlagen im Einsatz. "Wir haben keine Leute, täglich Pumpen und Rechen auseinander zu bauen", sagt Bork. Feuchttücher seien "das schlimmste Problem für alle Anlagenbetreiber".

Anders als herkömmliches Toilettenpapier, zersetzen sich Feuchttücher kaum. Sie bestehen in den meisten Fällen aus einem chemisch bearbeitetem Vliesstoff und enthalten zusätzliche Materialien wie zum Beispiel Weichmacher. Vermischt mit anderen Stoffen in der Kanalisation bilden sich dadurch lange, verfilzte und reißfeste Stränge, die sich in den Pumpen festsetzen und diese zum Stillstand bringen. Insbesondere in kleineren Kläranlagen, wo keine Förderschnecken grobe Stoffe aussortieren, sorgen Feuchttücher für Probleme: Sie schwimmen außerdem an der Oberfläche, verringern so den Sauerstoffaustausch und beeinträchtigen die Biologie der Anlage.

"Die Pampe wird immer dicker", beobachtet Bork, die auch für die Kläranlage in Ober-Bessingen zuständig ist. Fällt ein Pumpwerk aus, kann sich das Abwasser bis in die privaten Keller zurückstauen. "Wenn die Menschen Feuchttücher in die Toilette werfen, schaffen sie sich ein Problem vor der eigenen Haustür", sagt Jochen Becker, Geschäftsführer des Zweckverbands Lollar-Staufenberg. "Besser gesagt: unter dem eigenen Haus."

Das Problem mit Feuchttüchern bestehe ständig, sagt Becker. Man befürchte aber, dass sich die Lage nun verschärfen dürfte. "Feuchttücher sind Abfall, sie gehören nicht in den Kanal. Die Menschen müssen doch nicht auf Körperhygiene verzichten."

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