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Lost Place

Hallenbad Hüttenberg: Warten auf die Abrissbirne - Ungewisse Zukunft

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Ein marodes Dach, ein einsturzgefährdeter Keller, dazu ein undichtes Becken: Das alte Hüttenberger Hallenbad ist verloren, die Frage nach einem Neubau unbeantwortet.

Dunkel ist es hinter den großen Fenstern zur Schwimmhalle. Wo noch vor einem Jahr Schwimmer im warmen Wasser ihre Bahnen zogen, herrscht nun Tristesse: Das Hüttenberger Hallenbad ist zum "Lost Place", einem verlorenen Ort geworden.

1968 wurde der Bau des Sportzentrums begonnen, zu dem auch das Schwimmbad gehört. Damals wollte man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen sollte der Handball gefördert werden, der TV Hüttenberg eine würdige Spielstätte erhalten. So wurde eine Sporthalle inklusive Tribüne für 1600 Zuschauer geplant.

Baubeginn 1968

Zweites Ziel war, der neuen Gemeinde Hüttenberg ein Zentrum zu geben. 1968 schlossen sich die Dörfer Hochelheim und Hörnsheim zu einer Gemeinde zusammen. Auf die Grenze wurde das Sportzentrum mit Schwimmbad und Schießsportanlage gebaut, rund herum entstand in den folgenden Jahren das neue Ortszentrum.

Drittes Ziel war, dass die Gemeinde ein Hallenbad bekam. Dies erforderte jedoch einiges Geschick. Denn ein Sportzentrum mit Schwimmbad und Schießsportanlage würde keine Förderung erhalten. Landrat Werner Best hatte damals die Lösung parat: Die Sporthalle wurde separat errichtet, erhielt so eine Förderung durch das Schulprogramm. Die Schießsportanlage und das Schwimmbad wurden als "Anbau" an die Halle konzipiert.

2,3 Millionen DM kostete damals das gesamte Sportzentrum. Doch mit den Baukosten allein war es nicht getan. Dem Badespaß standen stets die Unterhaltungs- und Personalkosten gegenüber - ein Problem, von dem jede Kommune mit eigenem Schwimmbad ein Lied singen kann.

Trägerverein sprang in die Bresche

Bereits 2012 wurde in Hüttenberg darüber diskutiert, das Bad zu schließen, um so 80 000 Euro Betriebskosten zu sparen. Ein Trägerverein sprang in die Bresche. Er leistete nicht nur seinen Beitrag zum Erhalt des Bades, sondern investierte in den folgenden Jahren in die Technik.

Nicht nur die Hüttenberger nutzten das Angebot, auch aus den Nachbarkommunen kamen viele Badegäste in den Wintermonaten, um im Becken ihre Bahnen zu ziehen. Sie wurden Mitglied im Trägerverein.

Bereits 2012 zeichnete sich ein Problem ab, das jedes Jahr an Brisanz gewann: Das Gebäude selbst wurde zunehmend marode. Besonders im Keller zeigt sich der nagende Zahn der Zeit: Überall fangen Baustützen die Last der Decke ab, der Bereich rund um die Sprungblöcke ist seit Jahren wegen Einsturzgefahr gesperrt. Rostige Rohre, gerissener Beton, dazu Rinnsale, die aus den Wänden entspringen - die Gemeinde könnte es als Kulisse für einen Horrorfilm vermieten.

Kubikmeterweise versickert Wasser

Mit der Angst bekamen es die Kommune als auch der Trägerverein 2018 zu tun: Ein Gutachter errechnete, dass täglich 34 000 Liter Wasser aus dem undichten Schwimmbad im Boden versickern. Da das gechlorte Wasser eine Gefahr für das Grundwasser bedeutet, drohte bereits damals die sofortige Schließung. Bei Messungen wurden jedoch keine Spuren von Chlor im Grundwasser gefunden. Die Zahl wurde später zwar nach unten korrigiert, es blieben jedoch unterm Strich mehrere Kubikmeter Wasserverlust täglich.

In diesem Jahr dann der Super-GAU für den Trägerverein: Zunächst stand Corona einer Schwimmbadöffnung entgegen, dann fand ein Gutachter Schäden an der Dachkonstruktion.

Einsturzgefahr

Die Brettschichtholzbinder sind 16,5 Meter lang, 14 Zentimeter breit und 105 Zentimeter hoch. Auf ihnen ruht die Last des Daches. Einige der Binder sind über Meter gerissen. An der Außenwand ruhen sie auf Stahllaschen. Diese sind bei einigen Bindern komplett verbogen, bei einem sogar gerissen. Der Gutachter hörte bei seinen Untersuchungen, wie die Träger ächzten - wahrlich kein gutes Zeichen.

Die 2006 eingestürzte Eissporthalle in Bad Reichenhall besaß auch eine Dachkonstruktion aus Brettschichtholzbindern, die schadhaft war. Damals starben 15 Menschen. Seitdem will bei Bauwerken dieser Art verständlicher Weise niemand ein Risiko eingehen. Somit blieb der Kommune nur eine Möglichkeit: Das Bad musste gesperrt werden.

Seit Juni steht fest: In diesem Hallenbad wird niemand mehr schwimmen. Das baufällige Gebäude ist verloren, muss demnächst abgerissen werden.

Hohe Neubaukosten

Die große Frage ist derzeit, ob Hüttenberg ein neues Hallenbad bekommt. Die Baukosten dürften sich im Bereich von sieben bis zehn Millionen Euro bewegen. Viel Holz für eine Gemeinde, die bereits über elf Millionen Euro Schulden hat. Eine Grundsteuererhöhung dürfte die wahrscheinlichste Methode sein, um solch ein Projekt zu finanzieren.

Die Gemeindevertreter stimmten im November 2019 bei 19 Ja- und zehn Nein-Stimmen für einen Neubau. Die Bürger zum Hallenbadneubau zu befragen, wurde mehrheitlich abgelehnt. Ein Gemeindevertreter sagte, dass die Kommunalpolitiker gewählt wären, um solche Entscheidungen den Bürgern abzunehmen. Diese könnten ja ein Bürgerbegehren auf den Weg bringen, falls sie selbst darüber entscheiden wollten.

Genau das geschah: Kritiker der Neubaupläne sammelten Unterschriften, um einen Bürgerentscheid zu erreichen. Als klar war, dass die dafür notwendige Quote erreicht war, wurden alle Neubaupläne erst einmal auf Eis gelegt. Dort liegen sie noch immer: Aufgrund von Covid-19 kann der Bürgerentscheid erst am 1. November stattfinden.

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