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Das Vermitteln des richtigen Schreibens zählt zu ihren Hauptaufgaben. Doch dafür haben Grundschullehrer immer weniger Zeit. Die Rahmenbedingungen für die Pädagogen werden immer schlechter. Symbolfoto: dpa

Grundschullehrer

Grundschullehrer haben immer weniger Zeit für ihren eigentlichen Job

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26 300 Grundschullehrer werden 2025 deutschlandweit fehlen. Ein Grund: Die Rahmenbedingungen für Lehrkräfte haben sich immens verschlechtert. Ihre Arbeit wird immer weniger wertgeschätzt.

Das Vermitteln von richtigem Schreiben, Lesen und Rechnen zählt zu ihren Hauptaufgaben, ebenso das Lehren chemischer und biologischer Grundlagen anhand alltäglicher Sachverhalte. Doch für ihren eigentlichen Job haben Grundschullehrer immer weniger Zeit. Ein Grund dafür: Der Anteil der Vermittlung von Bildung und Erziehung hat sich verschoben. Ob Schuhe binden, mit Messer und Gabel essen oder der unfallfreie Toilettengang - "Schule übernimmt heute viel von dem, was früher klassischerweise Aufgabe der Eltern war", sagt Jürgen Vesely, Leiter der Erich-Kästner-Schule (EKS) in Lich und zudem stellvertretender Vorsitzender im Kreisverband des Interessenverbandes hessischer Schulleiter.

Dazu kommt, dass die Erwartungshaltung Lehrern gegenüber steigt. Wenn Bleistift oder Spitzer verschwunden sind, sehen Eltern sie in der Pflicht, ebenso was das "Aufessen" des Frühstücks angeht. Mehr noch: "Man meint uns rund um die Uhr mit persönlichen Angelegenheiten konfrontieren zu können und erwartet eine sofortige Antwort", so Vesely. Gleichzeitig aber werden Anliegen der Lehrer von Eltern vielfach ignoriert, nicht wahrgenommen oder schlichtweg als falsch empfunden, was bei den Pädagogen ebenso als mangelnde Wertschätzung gesehen wird wie die Tatsache, dass Grundschullehrer immer noch schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen.

Doch das ist lange nicht das Ende der Fahnenstange. Inklusion heißt ein weiteres Sorgenkind. "Sie werden keinen Lehrer finden, der sagt, das Konzept ist falsch. Aber es bräuchte andere Rahmenbedingungen", sagt der Rektor. Kinder mit Förderbedarf machen heute laut Vesely einen größeren Anteil aus als früher. Zehn Prozent seien es pro Klasse, und die hätten ganz unterschiedliche Probleme. Die Spanne reicht von unzureichenden Deutschkenntnissen, über Lese-Rechtschreib-Störungen und Dyskalkulie bis hin zu Traumata bei jenen, die aus Krisengebieten nach Deutschland geflohen sind. "Ich fühle mich da oft gar nicht kompetent genug zu helfen", sagt eine Grundschullehrerin aus dem Landkreis, die ihren Namen nicht nennen möchte. "Den Kindern individuell gerecht zu werden, ist kaum noch möglich", bemängelt eine andere. Letztlich seien nicht selten die guten Schüler Opfer dieser Situation. "Die fallen hinten runter." Natürlich sind auch Sozialpädagogen und Förderschulkräfte an den Grundschulen eingesetzt, aber deren Stunden reichten bei Weitem nicht aus, so die Kritik.

Ein weiterer Punkt betrifft die Nachbereitung: "Ich brauche jeden Tag drei, vier Stunden, um die Hefte nachzuschauen", sagt eine dritte Lehrkraft, die anonym bleiben möchte - auch das sei früher Elternaufgabe gewesen. Es nicht zu tun, kommt für keine der Drei in Frage. "Wenn wir unseren Job nicht gut machen, haben die Kollegen an den weiterführenden Schulen ein Riesenproblem." Vesely bestätigt, dass auch die Mitglieder seines Kollegiums vielfach über ihre Wochenstunden hinaus arbeiteten. Weil sie Kollegen vertreten, Dokumentationen schreiben, Elterngespräche führen, sich im Nachmittagsangebot engagieren und zusätzliche Aufgaben (Lehrmittel oder IT-Beauftragte, Schulsportleitung, Koordinatorenfunktionen in den verschiedensten Bereichen) übernehmen müssen. Die Folgen des gestiegenen Arbeitspensums: Viele Lehrer sind überfordert, gestresst und krank. Aber ist das auch ein Grund für den Lehrermangel?

Das Kultusministerium sieht keinen Zusammenhang zwischen den offenbar immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen und dem fehlenden Personal. "Die Zahlen belegen das nicht", sagt auf GAZ-Anfrage Pressesprecher Philipp Bender. Die Studiengänge für Grund- und Förderschule "laufen über", und auch die Aufstockung der Plätze seit 2017 um mehr als 50 Prozent habe bei Weitem nicht ausgereicht, um den Bedarf der Bewerber zu decken, so Bender.

Ursachen für die aktuelle Situation sind nach Auffassung des Kultusministeriums andere. Bender nennt die Zuwanderung, eine so nicht vorhersehbare Geburtenentwicklung, ein ständig steigender Bedarf an Grundschulen sowie eine Binnenbewegung von Lehrkräften, die "enorm zugenommen hat". Was den Verdienst angeht, sind derzeit seitens des Landes keine Änderungen vorgesehen. Die Besoldungserhöhungen in anderen Ländern bezeichnet Bender als "Akt der Verzweiflung". Nach Auffassung des Kultusministeriums ist es "sinnvoller, dieses Geld in Maßnahmen zu investieren, die den Grundschullehrern ihren Berufsalltag erleichtern". Ans ätze dafür jedenfalls gäbe es genug.

Der Licher Rektor bedauert diese Haltung. Eine Besoldungsanpassung wäre in Veselys Augen "zeitgemäß" und würde die Wertschätzung der geleisteten Arbeit ausdrücken. Investitionen in Sachen Arbeitserleichterung würde der Rektor durchaus begrüßen, Vesely: "Wir warten darauf."

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