Auch in Stadt und Kreis Gießen werden Grundschüler ab Montag wieder im kompletten Klassenverband und ohne Abstandsregeln unterrichtet. FOTO: DPA
+
Auch in Stadt und Kreis Gießen werden Grundschüler ab Montag wieder im kompletten Klassenverband und ohne Abstandsregeln unterrichtet. FOTO: DPA

Kontroverse

Grundschule im Regelbetrieb: Experimentierfeld oder verantwortbarer Schritt?

  • Armin Pfannmüller
    vonArmin Pfannmüller
    schließen

Die Gewerkschaft spricht davon, dass Schüler und Lehrer als "Versuchspersonen" dienen, das Staatliche Schulamt sieht die Öffnung als "verantwortbaren Schritt". Nachgefragt bei Schulen und Eltern im Landkreis.

Auf dem Schulgelände gibt es unterschiedliche Ein- und Ausgänge, farbige Markierungen auf dem Boden - eine Referendarin hat sogar einen Hygienefilm für die Kinder gedreht. "Ich war etwas überrascht, als wir die Nachricht erhalten haben, dass ab Montag wieder alle unsere Kinder in der alten Klassenstärke Unterricht haben", sagt Julia Schäfer.

Die Leiterin der Grundschule Großen-Buseck hätte sich gut vorstellen können, bis zu den Sommerferien den Unterricht in kleinen Gruppen mit den bisher gültigen Hygiene- und Abstandsregeln fortzusetzen. "Gerade die Abstandsregeln waren das A und O", betont die Rektorin, die sich darüber freut, wie diszipliniert die Busecker Grundschüler diese eingehalten und sich auch sonst tadellos benommen haben. "Es gibt zurzeit überhaupt keine Streitereien."

Umfangreiche Studie in Baden-Württemberg

Vor zehn Tagen hatte Hessens Kultusminister Alexander Lorz verfügt, dass die Grundschulen ab dem 22. Juni wieder im Regelbetrieb öffnen und dabei auf die Erkenntnisse einer umfangreichen Studie in Baden-Württemberg verwiesen. Demnach erkranken Kinder nicht nur seltener an Covid-19, sie infizieren sich auch weniger mit dem Virus als Erwachsene. Was folgte, war eine Kontroverse zwischen Befürwortern und Gegnern auch hierzulande - mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten auf beiden Seiten.

Darauf, dass jetzt die meisten der rund 230 Grundschulkinder - nur wenige wurden vom Unterricht abgemeldet - wieder "Schulter an Schulter" im Klassensaal sitzen, hätte Rektorin Schäfer gut verzichten können. Allerdings kann sie auch die Eltern verstehen. "Die meisten wollen, dass ihre Kinder wieder jeden Tag zur Schule gehen." Personell kann Schäfer die neue Situation stemmen, da in Großen-Buseck nur wenige Kollegen ausfallen. "Hätten wir im Landkreis höhere Infektionszahlen, wäre ich wesentlich stärker beunruhigt."

"Gemischte Gefühle" in Laubach

Deutlich größere Personalsorgen hat ihre Kollegin Judith Markus von der Laubacher Theodor-Heuss-Grundschule. Die Rektorin blickt der Wiederaufnahme des Regelbetriebs am Montag "mit gemischten Gefühlen" entgegen - auch deshalb, "weil wir große Probleme haben, den Unterricht zu besetzen". Die Schule werde alle Vertretungskräfte einsetzen. Man habe zudem an der Nachbarschule um Hilfe gebeten. Von den etwa 260 Kindern der Grundschule seien etwa zehn Prozent für die beiden kommenden Wochen abgemeldet worden.

Auch Rektorin Markus findet, dass die Schulgemeinde sich gerade an den Unterricht in kleinen Gruppen und die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln gewöhnt hatte. "Alles war gut etabliert. Jetzt gelten die Abstandsregeln im Klassenraum nicht, dafür auf dem Schulhof und in der Betreuung. Machen Sie das mal einem Grundschulkind klar!" Auch wenn weiter eine Reihe von Fragen offen seien, "machen wir das Beste daraus", verspricht die Rektorin.

Leiter des Schulamts kann "Sorgen und Ängste" nachvollziehen

Dass es Eltern und Lehrkräfte gibt, die "mit Sorgen und Ängsten" in die beiden letzten Wochen vor den Ferien gehen, kann Burkhard Schuldt nachvollziehen. "Darauf versuchen wir zu reagieren und zu unterstützen", sagt der Leiter des Staatlichen Schulamts. Gleichwohl hält er die Rückkehr zum Unterricht im kompletten Klassenverband für "richtig und verantwortbar". Die Entscheidung sei im Kultusministerium auch aus Verantwortung für die Kinder getroffen worden, für die es wichtig sei, endlich wieder Unterricht unter gewohnten Bedingungen zu haben.

Schuldt erinnerte daran, dass Eltern, denen die Teilnahme ihres Kindes am Unterricht im Klassenverband zu riskant sei, ihr Kind nicht zur Schule schicken müssten. Allerdings: "Die Unterrichtspflicht ist ausgesetzt, nicht die Schulpflicht. Eltern können nicht einfach 14 Tage früher mit ihren Kindern in den Urlaub fahren." Der Leiter der Schulaufsichtsbehörde räumt ein, dass es an einigen Schulen noch personellen Klärungsbedarf gibt. An den meisten Einrichtungen könne das für die kommenden zwei Wochen beschlossene Konzept jedoch umgesetzt werden. Wenn etliche Lehrkräfte fehlten, weil sie einer Risikogruppe angehörten, so müsse dieses Problem "an den einzelnen Schulen gelöst werden". Schuldt verwies auf die Möglichkeit, den Unterricht durch Vertretungskräfte oder über Personallenkungsmaßnahmen aus Nachbarschulen abzudecken.

Die Kritik der Gewerkschaft GEW, wonach Schüler und Lehrer in den nächsten zwei Wochen als "Versuchspersonen" dienen sollen, weist Schuldt zurück. "Schule ist kein Experimentierfeld", das Ministerium habe angesichts der aktuell geringen Infektionszahlen eine "verantwortbare Entscheidung im Sinne von Kindern und Familien" getroffen. Der Schulamtsleiter erinnert daran, dass es eine Reihe von Berufsgruppen mit einem erhöhten Infektionsrisiko wie Pflegekräfte und Kassiererinnen im Supermarkt gibt.

Zusatzinfo: Das sagt der Vorsitzende des Kreiselternbeirats

Für eine Kombination aus Präsenzunterricht und Homeschooling hatte sich Alexander Spannagel Ende April ausgesprochen, als eine komplette Öffnung der Schulen kein Thema war. Jetzt stimmt der Vorsitzende des Kreiselternbeirats dem Beschluss des Kultusministeriums, den Grundschulunterricht wieder täglich im kompletten Klassenverband zu gewährleisten, "grundsätzlich zu". Er ist aber auch froh, dass er keine Kinder mehr im Grundschulalter hat.

Herr Spannagel, haben Sie Rückmeldungen, wie Eltern im Landkreis darauf reagiert haben, dass Grundschüler ab Montag wieder im Klassenverband unterrichtet werden?

Nach meiner Wahrnehmung ist die Elternschaft ziemlich zwiegespalten. Manche haben ihr Kind schon in der Vergangenheit nicht zur Schule geschickt und bleiben auch in den beiden letzten Schulwochen bei ihrer Haltung. Viele andere sind erleichtert, dass ihr Kind jetzt wieder täglich Unterricht hat und nehmen dieses Angebot auch wahr.

Was erwarten Sie von den letzten beiden Schulwochen?

Ich schaue mit gemischten Gefühlen auf den kommenden Montag. Grundsätzlich stimme ich der weiteren Öffnung zu. Gerade Kinder im Grundschulalter brauchen soziale Kontakte zu Mitschülern. Außerdem haben es in diesem Alter manche besonders schwer, wenn sie nicht regelmäßig gefördert werden. Andererseits steht und fällt vieles damit, wie viele Lehrer am Montag in die Schule kommen.

Wie stehen Sie persönlich zur kompletten Öffnung der Grundschulen?

Ich bin froh, dass ich keine Kinder mehr habe, die im Grundschulalter sind. Und ich bin erleichtert, dass es eine Kann-Bestimmung ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare