+
Mit der linken Hand hält Manfred Henß das Steuer, mit der rechten hebt er eine Kamera durch eine kleine Luke in der Scheibe und drückt ab.

Luftfotografie

Zwischen Abenteuern und Vergnügen - so entstehen Manfred Henß' Luftfotos

  • schließen

Keiner kennt das Kreisgebiet von oben so gut wie Manfred Henß. Der Grünberger fotografiert seit 36 Jahren regelmäßig die Dörfer der Region aus der Luft.

Manfred Henß fliegt in 400 Metern Höhe, als ihn eine fremde Stimme anspricht. Sie erklingt in seinem Kopfhörer, und es ist eine Warnung: Ein anderes Flugzeug nähert sich, es ist noch rund drei Kilometer entfernt. Henß lauscht dem Mann, der für das Kontrollzentrum der Flugsicherung arbeitet und in einem Keller in Langen sitzt. Dann antwortet der 67 Jahre alte Grünberger mit einer Seelenruhe: "Ich bin sofort wieder weg, wollte meinen Kurs sowieso ändern."

Bevor Henß allerdings abdreht, kippt er sein Flugzeug noch einmal nach links in die Schieflage und kurvt über Geilshausen. Mit der linken Hand hält er weiterhin das Steuer, mit der rechten hebt er eine Kamera durch eine kleine Luke in der Fensterscheibe und drückt ab.

Es sind Bilder, die bald darauf in der Gießener Allgemeinen Zeitung erscheinen. Seit 36 Jahren zeigt er den Lesern ihre Heimat aus der Vogelperspektive, auch im Rahmen der Serie "Von oben". Der Blick auf heimische Dörfer aus luftiger Höhe fasziniere ihn, sagt Henß. "Es ist beeindruckend, dass man so viele Details erkennen kann."

Unten, am Boden, auf einem Feld in Ettingshausen, kurz vor dem Start des Ultraleichtflugzeugs: Es ist ein herrlich sonniger Sommerabend. Nebenan weiden Kühe, Grillen zirpen, Spaziergänger sind unterwegs. Henß nimmt seine knapp sieben Meter lange Maschine in Augenschein. 2012 hat er den Zweisitzer auf einer Messe in Friedrichshafen gesehen und wenig später gekauft. "Es war eine Ausstellungs- und Vorführmaschine." Henß tastet die Ruder an der hölzernen Tragfläche ab. Sind sie auch leicht zu bewegen? Sind auch ja keine Risse auf dem mit Glasfasern verstärkten Rumpf aus Kunststoff? Ist außerdem genug Sprit im Tank? 274 Kilo ist das Flugzeug schwer, die beiden Passagiere im Cockpit dürfen zusammen mit dem Sprit etwa 200 Kilo wiegen. Der Reporter setzt sich auf den rechten Platz, die Tasche landet hinten in einem kleinen Stauraum. Henß ruft: "Ziehen Sie auf keinen Fall an dem roten Hebel. Das ist das Rettungssystem mit Fallschirm für den Notfall."

Der Pilot dreht den Zündschlüssel. Nichts. Er versucht es ein zweites Mal - und ein lautes Brummen setzt im Cockpit ein, der 80 PS starke Boxermotor lässt das Flugzeug vibrieren. Henß und der Gastflieger ziehen Headsets auf. Man muss laut in die Mikrofone sprechen, um sich unterhalten zu können, sonst bleibt das Gerät stumm. "Das kann auch von Vorteil sein", sagt der 67-Jährige schmunzelnd. "Wenn man sich nichts zu sagen hat."

Dann gibt der Grünberger Gas, indem er einen länglichen Hebel in der Mitte des Armaturenbretts nach rechts dreht. Auf einem 500 Meter langen Feld wird die Maschine immer schneller. Es ruckelt kaum, die Maschine hebt sanft ab. In großen Flugzeugen drückt es den Reporter in diesem Moment jedes Mal in den Ohren, hier ist davon nichts zu spüren. Einen Augenblick später ist Ettingshausen aus der Luft eine vieleckige Fläche aus Dächern, Straßenkreuzungen und Feldern, die kleiner und kleiner wird.

Drei Ziele hat Henß an diesem Abend: Krofdorf-Gleiberg, Lindenstruth und Geilshausen. Unter anderem will er eine geplante Industriefläche und ein neues Wohngebiet fotografieren. Das Unglaubliche: Nach einer halben Stunde sind alle Bilder im Kasten, und Henß ist wieder im Landeanflug über Ettingshausen. In 1000 Metern Höhe gibt es keinen Stau und keine Umwege. Während unten der Verkehr auf den Bundesstraßen und Autobahnen nur zäh vorankommt, fliegt der Grünberger über die Blechkolonne mit 200 km/h hinweg. Mit sieben Litern Tankstellenbenzin auf 100 Kilometer ist der Flieger sparsamer als so mancher Straßenflitzer.

Vergangene Woche, erzählt Henß, sei er mit seiner Frau nach Wangerooge geflogen. "Wenn es schon so heiß ist", sagt er, und hebt die Schultern. Zwei Stunden waren sie unterwegs, kurz darauf saßen sie im Strandkorb und schauten aufs Meer. Bisweilen besucht er auch Bekannte in Tschechien oder in St. Johann in Tirol. Eine Tankfüllung reicht für rund 1000 Kilometer. "Vor kurzem habe ich mit meiner Mutter einen Ausflug nach Koblenz gemacht." Sie habe den Flug genossen. "Sie ist 90 Jahre alt."

Mit den Füßen richtet der Grünberger die Nase des Flugzeugs. Während er erzählt, schaut er auf eine Art Navi, das immer wieder auch auf mögliche Hindernisse hinweist. Einmal blinkt in dem Bildschirm ein Punkt auf, Henß winkt ab und zeigt nach unten in Richtung Rüddingshausen. "Das sind die drei Windräder."

Wer von oben auf das Kreisgebiet blickt, sieht vor allem eine Farbe: Grün. Klar, überraschend ist das nicht. Und doch kann man sich nicht sattsehen an den Wiesen, Waldflächen und Feldern. Dörfer erscheinen auf dem Flug nur als kurze Zwischenstationen. Nach knapp 40 Minuten fährt Henß wieder die Landeklappen aus. Nur ein leichtes Holpern ist zu spüren, als das Flugzeug wieder den Boden berührt.

Wenige Minuten vorher, noch in der Luft, fragt Henß, wie sich der Flug denn anfühle. "Großartig", ist die Antwort, "keine Probleme". Der Pilot schmunzelt und fragt: "Wollen Sie Probleme haben?" Dann lässt er das Flugzeug für einen kurzen Moment absacken, er kippt es leicht nach links, dann nach rechts. Das Vertrauen in den Piloten ist unerschütterlich, doch leicht mulmig wird einem schon. Plötzlich ist nicht mehr nur unten die Landschaft grün, sondern auch das eigene Gesicht zumindest etwas grünlich. Gleichzeitig aber ist da dieses herrliche Gefühl, scheinbar schwerelos durch die Luft zu fliegen und von oben auf bekannte Orte zu blicken. Genießen. Lachen. Augenschließen. Henß könnte jetzt auch zu einem Looping ansetzen, ein Wort wird dennoch sicher nicht fallen: Stopp.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare