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Goetze

AG Erwachsenenbildung

Wahrheitsanspruch und Toleranz auf dem Prüfstand

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Grünberg (dis). Sind Religiöse von vornherein intolerant? Erhebt nicht jede Religion den Anspruch auf "die" Wahrheit? Was ist, wenn zwei Wahrheitsansprüche aufeinander prallen? Und wie verträgt sich das mit dem Leben in einer pluralen Gesellschaft? Danach fragte Dr. Andreas Goetze (Berlin) im Vortrag "Toleranz statt Wahrheit? Jenseits von Absolutheitsdenken und Beliebigkeit" dieser Tage im Gemeindesaal der evangelischen Stadtkirche Grünberg. Der Referent ist Landespfarrer für den interreligiösen Dialog in der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität Berlin. Er ist seit vielen Jahren im interreligiösen Dialog zu Themen des Nahen Ostens und als geistlicher Begleiter im Bereich Spiritualität engagiert. Er kam auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Erwachsenenbildung Mittelhessen nach Grünberg.

Religion als politischer Faktor

Ökumenepfarrer Bernd Apel wies zunächst auf das Jahresthema der Dekanate Grünberg, Hungen und Kirchberg als Anlass für die Veranstaltung hin: "Gerade beim Thema ›Religiöse Toleranz‹ werden entweder künstliche Grenzen aufgerichtet oder Grenzen überschritten."

Goetze, der 1989 in Palästina war und sich schon früh mit dem Islam beschäftigt hat, wies darauf hin, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Der Rechtsstaat garantiere Religionsfreiheit und gewähre Perspektiven einer spirituellen Toleranz. Die Welt sei näher zusammengerückt und man müsse sie miteinander in Beziehung setzen. Das sei auch für nicht religiös verstehende Menschen wichtig, um in religiösen Fragestellungen sprachfähig in einer globalisierten Welt zu sein. Die interreligiöse und interkulturelle Kompetenz sei in einer wirtschaftlichen und medialen Welt wichtig geworden, weg von Ideologien und hin zur Identitätsbildung. Es stelle sich die Frage nach einer eigenen oder kollektiven Zugehörigkeit - wie bei Menschen mit einer doppelten Staatsbürgerschaft, die ihre Herkunft nicht verleugnen wollen. Religionen seien inzwischen ein politischer Faktor geworden. Menschen seien auf der Suche nach Teilhabe und nach Symbolen, was ein demonstratives Eintreten für eigene Rechte nach sich ziehe. Bedenklich sei in diesem Zusammenhang der zunehmende Antisemitismus, der nicht unbedingt religiöse Ansätze habe. Bekenntnis und Haltung lägen oft auseinander; es bestehe der Wunsch nach Eindeutigkeit. "Nicht überall, wo Religion draufstehe, ist Religion drin", merkte Goetze an. Toleranz mache sich darin bemerkbar, ein Bekenntnis und eine Überzeugung zu haben. Toleranz bedeute aber auch, Fehler des anderen zu entschuldigen. Wichtig sei Respekt und Toleranz als Haltung der Bürger zueinander. Im Anschluss an den Vortrag erfolgte ein reger Gedankenaustausch. (Foto: dis)

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