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So bereitet sich der Kreis Gießen auf eine Rückkehr des Wolfes vor

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Von: Thomas Brückner

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Wölfe verbreiten sich in Deutschland wieder stärker. Auch im Kreis Gießen wurde das Tier zuletzt häufiger gesehen. Weidetierhalter sind alarmiert.

Kreis Gießen - Zumindest laut offiziellen Stellen hat der Wolf im Kreis Gießen noch keine Nutztiere erlegt. Dennoch ist das Interesse an Schutzmaßnahmen groß. Von »Wolfsland« zu sprechen, ginge an der Sache vorbei: Der Vogelsberg ist nicht die Lausitz. Allerdings hat Isegrim des Öfteren bereits vorbeigeschaut. In Unter-Seibertenrod etwa interessierte sich eine sesshafte Wölfin sogar für die Gärten der Menschen - und versetzte ihnen einen gehörigen Schrecken. Das Territorium des Tieres mit dem Laborkürzel GW1166f gilt seit 2021 aber als erloschen. Dafür wurde vor wenigen Wochen im Raum Schotten für eine andere Wölfin der genetische Nachweis geführt.

Letzteres gibt es bisher für den Grünberger Raum nicht. Doch verweisen Jäger auf »Stippvisiten« des Beutegreifers. Der Stockhausener Helmut Nickel, Vorsitzender der Jägervereinigung Oberhessen, verweist auf Aussagen über Begegnungen oder die Entdeckung von Fährten, etwa in Weickartshainer Gemarkung. Vor allem beklagt er die bisher »sieben Risse« von Wildtieren durch den Beutegreifer. Nickel: »Der Wolf muss auf Distanz gehalten werden.« Die Weidetierhalter demonstrierten im vergangenen Jahr sogar gegen den Schutz des Wolfes.

Kreis Gießen: „Der Wolf muss auf Distanz gehalten werden“

»Ab und an kommt er vorbei und schaut nach unseren Zäunen«, scherzt Udo Senczkowski, der mit seiner Partnerin Birgit Aue die Klein-Eichener Hofkäserei betreibt. Tatsächlich haben beide aber noch keinen Wolf gesehen, auch keines ihrer Schafe wurde gerissen.

Bisher. Nicht zuletzt als präventive Maßnahme hat der Kreis Gießen sich entschieden, die Weidetierhalter zu unterstützen. »Und das, bevor der Wolf zum Problem wird«, wie Christian Zuckermann betont. Anlass ist ein Ortstermin bei der Hofkäserei, bei dem der Hauptamtliche Kreisbeigeordnete sowie Katharina Habenicht (Fachdienstleiterin Naturschutz) eine positive Bilanz des Förderprogramms zum Herdenschutz ziehen.

Im Januar gestartet, sind die Mittel von 12 500 Euro bereits ausgeschöpft. Doch soll es 2023 eine Neuauflage des Programms zur »Förderung der Aufrechterhaltung der extensiven Weidetierhaltung im Offenland durch Grundschutzmaßnahmen geben«.

Wölfe im Landkreis Gießen: Mängel am Stromzaun auf der Schafweide

Beim Besuch auf der Schafweide verweist der Naturschutzdezernent auf Beobachtungen, dass Elektrozäune nicht adäquat aufgestellt wurden oder die Stromführung Mängel aufwies. Bei dem Programm gehe es auch um »Wissensinput«. Priorität hat es freilich, die Tierhalter zu sensibilisieren, Konflikten vorzubeugen: »Mit dem Programm verfügt der Kreis Gießen über die einzigartige Möglichkeit, schon jetzt präventive Schutzmaßnahmen zu unterstützen, um auf die Rückkehr des Wolfes bestmöglich vorbereitet zu sein«, reklamiert der Grünen-Politiker.

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Lokaltermin mit (neugierigen) Schafen: Als Vertreter des Landkreises erörtern Katharina Habenicht (UNB) und Naturschutzdezernent Christian Zuckermann mit Birgit Aue und Udo Senczkowski (Hofkäserei Klein-Eichen) das Förderprogramm zum Schutz der Weidetiere vor Wölfen. © Thomas Brueckner

Bis dato haben 24 Halter einen Zuschuss von bis zu 80 Prozent der Kosten erhalten. Die Höhe der Förderung - zwischen 150 und 980 Euro wurden bewilligt - richtet sich nach der Zahl der Weidetiere. Dass das niedrigschwellige Angebot nicht zuletzt dazu diene, extensive Beweidung als wichtigen Beitrag zum Arten- und Biotopschutz im Offenland zu sichern, bat Zuckermann zu beachten.

Wie Habenicht ergänzte, wurde die Förderrichtlinie in Kooperation mit dem Landesbetrieb Landwirtschaft (LHH) und dem Veterinäramt erarbeitet. Der LHH habe auch Gratis-Schulungen angeboten, auf dass die mindestens 90 Zentimeter hohen leichten Elektroknotennetze - Wolfsschutzzäune sind aus massivem Material und 1,5 Meter hoch - fachgerecht aufgebaut werden. Gefördert werden neben Zäunen von bis zu 400 Metern Länge (bei mindestens 160 Tieren) Weidezaungeräte und Batterien.

Gießen: Stromschläge sollen Wolf abschrecken - „Das merkt er sich und lernt daraus“

Udo Senczkowski und Birgit Aue haben die Voraussetzungen erfüllt. Ihre Herde zählt rund 300 Schafe, davon 106 Mutterschafe. Vor fünf Jahren haben sie ihr Hobby zum Hauptberuf erhoben. Die Produkte ihrer Käserei verkaufen sie seither auf Wochenmärkten der Umgebung. Wie Senczkowski beim Lokaltermin erläutert, würde ein Wolf beim Durchschlüpfen einen deftigen Schlag aus der Acht-Kilovolt-Leitung erhalten. »Das merkt er sich und lernt daraus.«

Was aber, wenn Isegrim bereits gelernt hat, über den Zaun zu springen? In diesem Fall, so wieder die Verantwortlichen des Kreises, könne zusätzlich ein Flatterband 30 Zentimeter über dem Euronetzzaun angebracht werden, »Ist ein Wolf hierdurch aber nicht fernzuhalten, sind weitere Schritte mit dem Regierungspräsidium abzustimmen und eventuell Gefahrenabwehrmaßnahmen zu prüfen.«

Wölfe in Deutschland nach 150 Jahren wieder sesshaft

Nach 150 Jahren ohne sesshafte Wölfe gibt es in Deutschland wieder reproduzierende Vorkommen des Beutegreifers. Im Jahr 2000 wurde in Sachsen die erste Wolfsfamilie nachgewiesen. Seitdem nimmt die Population stetig zu. Laut Statusbericht 2020/21 (Erhebung von Mai 2020 bis April 2021 ) wurden der »Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf« (DBBW) hierzulande 157 Rudel, 27 territoriale Paare und 19 territoriale Einzeltiere bestätigt.

Rudel gab es in acht Bundesländern, die meisten in Brandenburg (49), Niedersachsen (35) und Sachsen (29). In Hessen ergab das Monitoring nur den Nachweis eines Paares, aber ohne Reproduktion, sowie drei sesshafte Einzeltiere. Darunter die aus den Medien bekannte Wölfin aus Ulrichstein, deren Territorium aber inzwischen als erloschen gilt.

Nach ersten Ergebnissen zum Monitoringjahr 2021/22 gibt es in Hessen jetzt ein Rudel, zwei Paare und ein Einzeltier. In einem der vier Territorien - Ludwigsau, Rüdesheim, Stölzinger Gebirge und Wildflecken - konnte auch eine Reproduktion mit drei Welpen beobachtet werden. (Thomas Brückner)

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