Von skandalösen Taufengeln in der Hospitalkirche Grünberg

Grünberg (dis). Von den Grünberger Taufengeln handelte ein Vortrag, den Pfarrer Hartmut Miethe anlässlich des Denkmaltages in der Hospitalkirche hielt. Die Holzfiguren, die dort oberhalb des alten Taufbeckens angebracht sind, lösten anno 1717 einen Skandal aus, als Pfarrer Heinrich Christoph Leusler sie in der Stadtkirche aufhängen ließ.

Festgehalten wurde die Geschichte in einem ausführlichen Bericht, den Pfarrer Willi Grünewald anfertigte. Schließlich hatten die Figuren Grünberg viel Spott eingetragen.

Nach Peter Poscharsky, Professor für christliche Archäologie, sind Taufengel menschenähnliche Gestalten mit Flügeln, die das Taufbecken tragen. Fliegende Taufengel wiederum schweben hoch im Kirchenraum und werden mithilfe einer mechanischen Vorrichtung nur zum Taufakt heruntergelassen. Seit dem 5. Jahrhundert werden Engel bei der Taufe Jesu dargestellt, die das Gewand und ein Handtuch halten. Die Verbindung, so Miethe weiter, geht auf das Johannesevangelium zurück, wo der "Engel des Herrn" das heilbringende Wasser bewegt. So sind die Engel auch in lutherischer Tradition Zeugen der Taufe, waren in Zeiten großer Kindersterblichkeit auch als Schutzengel wichtig.

Die Zeit der Taufengel begann wohl nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und prägte den evangelischen Kirchenraum nördlich der Mainlinie fast 100 Jahre lang. Ab 1790 kamen die Figuren wieder aus der Mode und verschwanden allmählich auf den Kirchendachböden, so die Ausführungen des Referenten. Pfarrer Leusler ließ danach ebenfalls das alte, jetzt in der Hospitalkirche befindliche Taufbecken, das für allerlei abergläubische Handlungen gesorgt hatte, zur 200-Jahrfeier der Reformation im Jahr 1717 entfernen und dafür zwei neue "Weiberstühle" aufstellen.

In der frühchristlichen Kunst waren Engel Männer, die ein knöchellanges Gewand trugen. Die Geschlechtsteile ließ man bei den skandalösen Engeln in Grünberg später entfernen.

Neben einer genauen Beschreibung der Ausfertigung der Figuren wird in dem Bericht von Willi Grünewald auch die Ablehnung der Gemeinde geschildert, die sich etwa empörte, dass da die beiden männlichen Engel "Mägdens Schuhe" trugen. So kamen von verschiedenen Seiten oft skurrile Einwände, die darin mündeten, den alten Zustand wieder herzustellen und die Taufengel aus der Stadtkirche zu entfernen. Zumal die Grünberger wegen der Engel zum Gespött der ganzen Gegend geworden waren.

Willi Grünewald fand durch Nachforschungen auch heraus, dass der Engel mit den kurzen Haaren nicht als Taufengel zu verstehen sei, sondern als Engel des Abendmahls, wie aus der Inschrift auf dem Kreuz hervorgehe. Somit habe Leusler der Gemeinde die beiden Sakramente vor Augen führen wollen, die auch nach der Reformation noch praktiziert wurden.

Wer die Grünberger Engel, die zum Stein des Anstoßes wurden, angefertigt hat, ist nicht bekannt. Mit seinen Ausführungen, so Miethe, habe er auch auf die Existenz anderer hessischer Taufengel aufmerksam machen wollen.

Abschließend merkte er an, dass man in Grünberg wohl aus Kostengründen darauf verzichtet habe, die Taufengel wie in anderen Ausfertigungen mit einer geschnitzten Kleidung zu versehen. Eine vollplastische Figur hätte wohl weniger Aufsehen erregt. So verschwanden sie aus der Stadtkirche. Hemdchen und die Tatsache, dass man darunter etwas sehen könnte, hätten vermutlich doch zu sehr zu (weiterem) Spott angeregt. (Foto: dis)

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