+
Das Poesiealbum. FOTO: PM

"Nie treffe Dich Kummer und Schmerz ..."

  • schließen

Grünberg(pm). Wer kennt sie nicht aus der Schulzeit? Fast jeder hatte eines und gab es stolz seinen Freundinnen und Freunden weiter. Heute macht es bereits im Kindergarten die Runde - das Freundebuch oder nostalgischer: das Poesie- album.

"Zu schade zum Wegwerfen", befand dieser Tage die Laubacherin Hannelore Schmidt. Und übergab das besonders schöne, alte Exemplar dem Stadtarchiv Grünberg. Einträgen zufolge nämlich stammte es offensichtlich aus der Nachbarstadt. Nur wer war die ursprüngliche Besitzerin des Poesiealbums? Klar war nur, dass es ein Mädchen mit Nachnamen Jöckel sein musste, das am 19. Februar 1885 zwölften Geburtstag feierte, zu dem der Großvater und Pate im Album gratulierte. Genug Information für Grünbergs Stadtarchivarin Marei Söhngen-Haffer, um mit der Spurensuche zu beginnen.

Über die Kirchenbücher ließ sich die Albuminhaberin rasch als Minna Jöckel, geboren am 19. Februar 1873 in Grünberg, identifizieren. Ihre Eltern waren der 1844 geborene Grünberger Bäcker und Kaufmann Karl Hermann Jöckel und Elisabetha Juliane Jöckel geb. Weller. Über den Heiratseintrag der Eltern vom 19. März 1868 ließ sich schnell auch obengenannter Großvater als der Glasermeister Johann Philipp Weller ermitteln. Auch der Großvater väterlicherseits, Johannes Jöckel V., Bäckermeister und Wirt im Gasthaus "Stern", ist in Minnas Album zu finden.

Viele noch heute in Grünberg bekannte Namen sind darüber hinaus vertreten, etwa in Einträgen von Minnas Mitkonfirmandin Bertha Nephuth oder der Freunde und Verwandten August Peppler, Karl Jöckel, Maria Tröller, Heinrich Sehrt, Emil und Ernst Fuldat und Paula Erb. Sie alle hinterließen die damals üblichen Glück- und Segenswünsche oder nahmen Bezug auf die Freundschaft, wie in folgenden Zeilen von Minnas Freundinnen Auguste Baldus und Thekla Drescher, verfasst 1885 und 1887: "Dein Leben sei fröhlich und heiter!/Nie treffe Dich Kummer und Schmerz/Ein Engel sei stets Dein Begleiter/Und stärke zum Guten Dein Herz - Ich will Dir was ins Album schreiben/Und weiß nicht was/Wir wollen gute Freundinnen bleiben/Gefällt Dir das?"

Auch Minnas älterer Bruder Johannes Ernst Jöckel, der später in Freiburg (Baden) verstarb, und ihre jüngere Schwester Elise verewigten sich 1885 in dem Büchlein.

Fast 20 Jahre später, 1904, erinnerte sich die mittlerweile 31-jährige Minna wohl wieder ihres mit Bildchen reich verzierten Poesiealbums. "Euch, die Ihr uns so freundlich habt quartieret, zum Dank dafür ein Gruß Euch noch gebühret", so lautet der letzte Eintrag von Soldaten, die im Hause Jöckel während eines Manövers einquartiert waren.

Auf verschlungenen Wegen bis nach Laubach gelangt, ist das Album wieder nach Grünberg zurückgekehrt und kann im Stadtarchiv von allen Interessierten eingesehen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare