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Auch Uhrmachermeister Ralf Jöckel kann nun wieder Kunden ohne Corona-Test im Laden bedienen.

Umfrage in Grünberg

Verhaltener Optimismus im Einzelhandel nach Öffnung: „Leute haben Nachholbedarf“

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Seit knapp zwei Wochen ist im Einzelhandel wieder eine Art Normalität eingekehrt. Doch eine Umfrage in der Grünberger Altstadt zeigt: Die Umsätze erholen sich nur zögerlich, der Optimismus der Einzelhändler ist teils noch getrübt.

Grünberg – Abgesehen von den Masken der Flanierenden wirkt es fast, als gehöre Corona der Vergangenheit an. Über den Marktständen auf dem Grünberger Marktplatz lacht am späten Freitagvormittag die Sonne, auch in den Gässchen rundherum herrscht Betrieb, sitzen etliche Menschen an Außentischen der Gastronomie oder schauen im ein oder anderen Geschäft vorbei. Die Stimmung scheint heiter, hier und da wird geplaudert - und viel gelacht.

Seit knapp zwei Wochen sind für den stationären Einzelhandel wieder mehr Freiheiten gegeben. Zwar darf sich, je nach Ladengröße, weiter nur eine begrenzte Zahl von Kunden gleichzeitig in den Geschäften aufhalten. Doch die Kunden können nun auch ohne aktuellen Corona-Test vorbeikommen. »Click & Meet« und »Click & Collect« - auch mit diesen Begriffen müssen sich Händler und Kundschaft zurzeit nicht auseinandersetzen. Herrscht nun also auch im von den Corona-Einschränkungen stark getroffenen Einzelhandel wieder eitel Sonnenschein? Nicht wirklich. Eine Umfrage in Läden in der Grünberger Altstadt zeigt ein vielschichtiges Bild.

Nach Öffnung des Einzelhandels in Grünberg: Viel Betrieb in Schuhläden

In den Schuhgeschäften hat das Personal offenbar alle Hände voll zutun, für einen kurzen Plausch mit der Presse fehle da die Zeit, heißt es mitunter. Auch Marika D‘Amore kann sich am Freitag nicht über mangelnde Kundschaft bei »Schuh D‘Amore« beklagen. »Im Moment sind die Leute sehr kaufwillig, haben ein bisschen Nachholbedarf«, sagt sie. Hier wie auch in anderen Geschäften ist spürbar, wie sehr sich Kundschaft und Beschäftige darüber freuen, nun wieder mehr in Kontakt kommen zu können. Doch D‘Amore bleibt in ihrem Optimismus vorsichtig, zumal in der Region manches Schuhhaus die Krise nicht überlebt habe. »Ich bin skeptisch, was im Herbst kommt«, sagt sie.

Nicht alle Läden waren vom jüngsten Lockdown betroffen, Ausnahmen galten etwa für Waren des täglichen Bedarfs und Lebensmittel. So war es auch beim Feinkostladen »Ambiente« in der Marktgasse. »Heute ist es super«, sagt Inhaberin Jolanta Schmidt, »es ist auch Wochenmarkt, das darf man nicht vergessen«. Ein Großteil jener, die heute in der Grünberger Innenstadt untergwegs sind, gehen ihrem Eindruck nach direkt auf den Wochenmarkt, »manche erledigen unterwegs auch noch etwas in Geschäften«.

Nicht zuletzt dürften auch das gute Wetter und das lange Wochenende den Umsatz an diesem Freitag befördern, der insofern nicht ganz repräsentativ ist. Schmidt ist froh, dass sie ihren Laden während des Lockdowns nicht schließen musste. Und doch, berichtet sie, seien die vergangenen Monate nicht einfach gewesen. »In den letzten ein, zwei Wochen war bei mir wieder ein bisschen mehr los, aber das war längst kein Normalzustand, keine Frequenz wie vor Corona.« Sie habe gerade beim Einkauf zuletzt knapp kalkulieren müssen, damit das Geld auch für Nebenkosten und Miete reicht. »Jetzt muss es sich erst wieder einpendeln«, so Schmidt.

Nach Öffnung des Einzelhandels in Grünberg: Mehr Normalität

Auch vor der nun erfolgten Wiederöffnung des Einzelhandels unter halbwegs normalen Bedingungen war Einkaufen kein Ding der Unmöglichkeit. Doch mit Hürden wie Voranmeldung, Corona-Schnelltest und Verkauf nur an der Ladentür hätten sich viele Kunden schwer getan - da scheinen sich viele Einzelhändler in Grünberg einig zu sein. »Auch bei ›Click & Collect‹ ohne Test hatten viele Hemmungen und manche haben gesagt: Ich will die Ware gern anfassen«, berichtet der Inhaber eines Eisen- und Haushaltswarenhandels. Da er Produkte des »erweiterten täglichen Bedarfs« vertreibe, habe er in der ersten Lockerungsstufe schon Mitte Mai wieder den Laden öffnen dürfen, einige Tage früher als viele andere Geschäfte. Er könne sich unterm Strich nicht beschweren.

Juwelier und Uhrmachermeister Ralf Jöckel berät in seinem Geschäft gerade eine Kundin. »Es kommen noch zu wenige«, antwortet er auf die Frage, wie es zurzeit läuft. »Ein halbes Jahr Schließung ist einfach zu lang.« Sein Umsatz liege nun maximal bei 50, 60 Prozent des Niveaus vor Corona. Viele seiner Kunden seien in höherem Alter, »aber inzwischen hat auch der letzte gemerkt, dass man Waren auch im Internet kaufen kann«. Wenn es um Reparaturen gehe, kämen manche dann aber mit online gekauften Artikeln zu ihm - da merken viele letztendlich doch, was sie am Händler vor Ort haben.

Nach Öffnung des Einzelhandels in Grünberg: Verunsicherung bei manchen Kunden

Am Eingang der Buchhandlung Reinhard steht Inhaber Friedrich-Wilhelm Reinhard hinter vier Einkaufskörben. Sie deuten an, dass es nach wie vor eine Mengenbeschränkung für die Anzahl der Kunden gibt. »Brauche ich einen Test?«, fragt eine Frau, die im Begriff ist, das Geschäft zu betreten. Reinhard verneint - doch die Frage zeigt, dass die wechselnden Regeln und Öffnungsschritte auch für viel Verunsicherung gesorgt haben. »Wegen dieser uneinheitlichen Regeln in den Ländern war die Bundesnotbremse wichtig«, findet Reinhard, nun sei die Perspektive klarer.

Die Buchhandlung durfte bereits im März wieder öffnen, wurde laut Inhaber insofern dem Lebensmittelhandel gleichgestellt. Der jüngste Lockdown habe ihn jedoch härter getroffen als jener im vergangenen Frühjahr, »diesmal lag sowohl das Weihnachts- als auch das Ostergeschäft drin«. Und nun? Von reißendem Absatz beim Ladenverkauf kann auch hier zurzeit keine Rede sein. Die Kundenfrequenz sei noch recht mau, sagt Reinhard, »es gibt mehr Bedarfsdeckung als Bedarfsweckung«. Wie meint er das? »Es gibt wenige Kunden, die wirklich bummeln und schauen. Lange war Einkaufen auf das beschränkt, was man unbedingt braucht, es gibt noch eine gewisse Zurückhaltung. Neulich sagte eine Kundin: Einkaufen muss man neu lernen.« Und dieser »Lernprozess« wird womöglich nicht nur in Grünberg noch einige Zeit dauern.

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