Tatort Bahnhofstraße in Grünberg: Am 22. November 1979 ist Luise W. in ihrer Wohnung tot aufgefunden worden - gefesselt und erstickt. FOTO: TB
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Tatort Bahnhofstraße in Grünberg: Am 22. November 1979 ist Luise W. in ihrer Wohnung tot aufgefunden worden - gefesselt und erstickt. FOTO: TB

Raubmord vor 41 Jahren in Grünberg

Mysteriöser Tod einer Rentnerin

  • vonRedaktion
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Vor 41 Jahren geschieht in der Grünberger Bahnhofstraße ein Verbrechen, das Bestürzung auslöst: Die Polizei entdeckt die Leiche der 70-jährigen Luise W. Sie ist qualvoll erstickt.

Als die Leiche von Luise W. Ende November 1979 in ihrer Wohnung entdeckt wird, gehen Kriminalpolizei und Gerichtsmedizin davon aus, dass die Frau schon seit mehreren Tagen tot sein muss. Der Verwesungsprozess ist schon entsprechend fortgeschritten. Wer ist das Opfer? In Grünberg war die ältere Dame als eine einsame, sonderbare und geistesgestörte Person bekannt. Seit Tagen hatte sie nun nicht mehr ihren Briefkasten geleert und ihre Zeitung abgeholt. Zwei Frauen, die an dem Haus Renovierungsarbeiten vorbereiten wollen, ist das aufgefallen, sie verständigen die Polizei.

Die Rentnerin ist eine Einzelgängerin. Sie lebt allein in dem Haus, spricht so gut wie nie mit anderen Menschen und gilt seit Jahren als sonderbar. "Die alte Frau hat uns schon immer sehr leid getan", sagt eine Nachbarin, als sie vom mysteriösen Tod der Witwe erfährt. Sie soll unter Verfolgungswahn leiden und Dämonen sehen. Mehrmals täglich besucht sie die katholische Kirche, sucht oft den Pfarrer auf, um sich mit ihm auszutauschen.

280 D-Mark erbeutet

Doch wer kann einer alten Frau so ein Leid zufügen, warum musste sie sterben? Einige Nachbarn behaupten, Luise W. könnte trotz des verfallenen Zustands ihres Hauses wohlhabend gewesen sein. War es also ein Raubmord? Wie später ans Licht kommt, wurden 280 D-Mark und Silberbesteck aus ihrer Wohnung gestohlen. Doch wer tötet für so eine geringe Beute ein scheinbar wehrloses Opfer?

Die Polizei gibt nur einen Tag nach dem Fund der Leiche einen Fahndungserfolg bekannt: Der 20-jährige Roland W. aus Grünberg wird festgenommen und legt ein Geständnis ab. Ein 29-jähriger Mittäter, Peter S., ist zunächst noch verschwunden, kann einige Tage später aber auch verhaftet werden. Auch er gesteht.

Die Ermittler werfen den beiden Männern vor, den Überfall auf die alleinstehende Luise W. am Wochenende vor der Tat gemeinsam in einer Gaststätte geplant zu haben. Ihr Motiv soll Habgier gewesen sein, beide stecken in finanziellen Schwierigkeiten.

Opfer in eine Decke gewickelt

Die alte Frau schläft, als die Täter in ihre Wohnung eindringen. Als das Duo sämtliche Schränke durchsucht, wacht das Opfer auf und schreit. Einem der beiden Männer beißt sie in die Hand. Daraufhin wickeln sie die Rentnerin in eine Wolldecke ein und knoten diese zusammen. Sie fesseln die Frau an Händen und Füßen. Mit ihrer kargen Beute von knapp 300 D-Mark fliehen sie und teilen das Geld. Einige Tage später kehrt Roland W. noch einmal zurück an den Tatort - Luise W. liegt noch immer regungslos auf ihrem Bett.

Im Oktober 1980 beginnt für die Täter der Prozess. Ihnen wird der gemeinschaftliche Mord an Luise W. zur Last gelegt. Eine Kernfrage lautet: Wann genau waren die Angeklagten in der Bahnhofstraße? Denn um den Tatzeitpunkt gibt es widersprüchliche Angaben. Nach ersten Aussagen der Täter wollen sie die Rentnerin in der Nacht zum Dienstag überfallen haben, vor Gericht soll die brutale Tat plötzlich einen Tag zuvor begangen worden sein. Doch der Staatsanwalt ist sicher: Luise W. wurde in der Nacht zu Dienstag überfallen.

Wer hatte die Idee?

Als Indiz wertet er die Tatsache, dass Roland W. am Montagabend in einer Diskothek in der Grünberger Innenstadt Hausverbot erhält, weil er eine Zeche vom Vortag nicht begleichen kann. Am Abend darauf, also nach dem Überfall, hat er seine Schulden plötzlich begleichen können.

Auch die Frage, wie die alte Dame gefesselt wurde, nimmt großen Raum vor Gericht ein. Entgegen ihren ersten Geständnissen wollen die Angeklagten ihr Opfer nur an den Händen, aber nicht an den Füßen gefesselt haben. Denn aufgrund der zusammengeschnürten Füße konnte die Rentnerin die Wohnung nicht mehr verlassen und starb einen qualvollen Erstickungstod.

Widersprüchliche Angaben machen die beiden Männer auch zu der Frage, wer von ihnen die Idee zu dem Überfall hatte. Roland W. gibt an, sein Bekannter habe ihn gefragt, ob es stimme, dass Luise W. Geld zu Hause und "nicht alle Tassen im Schrank" habe.

BGH lässt Revision zu

Peter S. indes betont, es habe sich um einen Vorschlag seines Komplizen gehandelt, und er sei erst von ihm zum Mitmachen überredet worden. Er selbst habe das spätere Opfer überhaupt nicht gekannt. Einig sind sich die Beschuldigten einzig und allein in dem Punkt, dass sie vor der Tat ziemlich angetrunken waren.

Für zusätzliche Verwirrung im Prozess sorgen diverse Zeugenaussagen. Ein 27-Jähriger soll vor Gericht einen Gastwirt als Anstifter zum Mord an der Witwe bezeichnet haben. Dafür muss sich dieser im Januar 1982 selbst wegen falscher uneidlicher Aussage und falscher Verdächtigung vor Gericht verantworten. Er wird schließlich freigesprochen. Auch der Gastwirt selbst spielt als "Zeuge wider Willen" eine undurchsichtige Rolle im Hauptverfahren.

Doch all das ändert nichts an der Schuld der Angeklagten. Am 4. November 1981 verurteilt die Jugendkammer des Gießener Landgerichts Peter S. wegen Raubmordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe und Roland W. zu acht Jahren Jugendstrafe. Der Verteidiger von Peter S. legt Revision gegen das Urteil beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe ein - mit einem Teilerfolg, die Mordaffäre wird neu verhandelt. Allerdings geht es lediglich um die Höhe des Strafmaßes. Der Anwalt moniert, dass beide Täter zum Tatzeitpunkt erheblich alkoholisiert waren, dieser Zustand aber nicht als verminderte Schuldfähigkeit gewertet wurde. Beide Männer sagen aus, vor der Tat "Unmengen an Bier getrunken zu haben". Von "23 Bier und einer halben Flasche Sekt" spricht Peter S.. Für ihn endet der Revisionsprozess mit 15 Jahren Freiheitsstrafe statt lebenslänglich, für Roland W. ändert sich nichts.

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