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EU-Parlamentarier Häusling.

"Es muss sich was ändern"

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Grünberg (kjg). Die so simplen Wörter "an" und "in" machen in diesem Fall den entscheidenden Unterschied. "In der Landwirtschaft wird wenig verdient. An der Landwirtschaft wird viel verdient. Wir haben keine sieben Jahre mehr Zeit." Das waren die Worte des Grünen Europaparlamentariers und Biobauern Martin Häusling aus Nordhessen. Häusling, Spitzenkandidat der hessischen Grünen für die Wahl zum Europaparlament, war am Montag in Grünberg auf einer von seiner Partei initiierten Veranstaltung zu Gast. Es ging um den Film "So schaffen wir die Agrarwende" (SWR/Arte). Im Grunde ging es um die Grundausrichtung der Landwirtschaft.

Die Macher des Films haben ein Jahr lang Landwirte in Deutschland und Frankreich begleitet und in einem Dokumentationsfilm deren Suche nach Alternativen festgehalten. Im Mittelpunkt standen die Fragen "Welche Alternativen gibt es zur industriellen Landwirtschaft?" Und: "Ist bio für alle möglich?" Gezeigt wurden Konzepte, etwa wie der Bauer Sven Wilhelm seinen Gemüseanbau erfolgreich auf Bioanbau umstellt oder aber, wie Michael Reber versucht, durch speziellen Humusdünger die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen. Die Filmemacher glauben, dass ohne eine Änderung der Subventionsregeln der EU und des Kaufverhaltens der Verbraucher die Agrarwende nicht zu schaffen sei.

Es ist ein Film, der bewegt und Fragen aufwirft, auch am Montag bei den Besuchern in Grünberg.

Jahr für Jahr erhalten Europas Landwirte 58 Millionen Euro Subventionen. Davon profitieren in erster Linie Großunternehmen. Die Bauern, sagte Häusling, werden in ein System gedrängt, das es ermögliche, dass die Europäer in Neuseeland günstiger anbieten können als die Neuseeländer selbst: "Wir Europäer drücken unsere Preise durch. Inzwischen haben wir die Hälfte der Insekten und die Hälfte der Bauern verloren." Ein weiteres Beispiel sei die konventionell erzeugte Milch. Zu DM-Zeiten gab es 66 Pfennige bei 20 Kühen, heute sind es 32 Cent bei 100 Kühen. Die allgemeine Preisentwicklung, das größere Unternehmensrisiko und das Mehr an Arbeit werden nicht honoriert.

Der Konsens am Montag in Grünberg: Es muss sich etwas ändern. Der Umgang mit Lebensmitteln muss ein anderer werden. Die Zahlen sind erschreckend: Jährlich wandern weltweit 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel in den Müll. Das sind 30 Prozent aller Lebensmittel. Weitere 30 Prozent können nicht verwertet werden, weil die Transportwege und die Kühlketten nicht passen. Zwei Drittel des Getreides wird als Tierfutter verwendet, um Fleisch zu produzieren. Der Fleischkonsum muss reduziert, am besten halbiert werden. Die Erde könnte zwölf Milliarden Menschen bei einer gemüsereichen Nahrung ernähren. Auch das war eine der Feststellungen am Montag in Grünberg.

Die Landwirtschaft, so waren sich alle einig, sollte wieder von fairen Preisen leben können, und das, was sie für die Umwelt und die Natur tut, auch bezahlt bekommen. Es muss nicht alles "bio" sein, aber eine ressourcenschonende Erzeugung der landwirtschaftlichen Produkte ist notwendig. Der ökologische Landbau muss seinen Markt finden. Seine Bauern müssen Unternehmer werden und sich selbst um die Vermarktung ihrer Produkte kümmern. Die Umstellung auf die ökologische Landwirtschaft ist kein Zuckerschlecken, aber konventionell geht es in die Sackgasse.

Häusling sagte, er erwarte, dass sich die Politik den Fakten stelle und umdenke. Das bedeutet unter anderem, dass Subventionen nicht nach der Größe des bäuerlichen Unternehmens, sondern nach dessen Leistung für Nachhaltigkeit, Umwelt und Natur gezahlt werden. Die Politik müsse Vorgaben machen und auf deren Einhaltung achten. Die Düngemittelverordnung müsse endlich umgesetzt werden, um Strafzahlungen von 881 000 Euro pro Tag an die EU zu vermeiden und das Nitrat aus dem Trinkwasser zu halten. Deshalb sollten auch die Tierzahlen sich an den Flächen orientieren.

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