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Meist reichte es bis in den Oktober

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Von: Alexander Geck

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Blick in den Eiskeller an der Alsfelder Straße. © Red

Grünberg (age). Der einzige begehbare Eiskeller in Grünberg war bis vor Kurzem nicht nur verschlossen. Auch das Schloss selbst war nicht zu öffnen, da es von einem abgebrochenen Schlüssel blockiert war. Das wurde beim Ortstermin deutlich. Stadtführer Dr. Werner Faust ist es zu verdanken, dass die Tür nun wieder zu öffnen ist - und damit auch das heutige Adventskalendertürchen.

Seine Geschichte führt weit in die Vergangenheit.

»Stopf mit Eis den Keller voll, wenn das Bier gelingen soll«, ist ein überlieferter Spruch der Bierbrauer. Denn untergäriges Bier wurde und wird bei acht Grad Celsius vergoren und gelagert. Zwei, später drei Brauereien gab es auch in Grünberg. Um die niedrige Temperatur das ganze Jahr über zu gewährleisten, lagerte man das dazu notwendige Eis in Felsenkellern.

Drei davon gibt es in der Gallusstadt. Der eingangs erwähnte befindet sich zusammen mit einem zweiten an der Alsfelder Straße. Die beiden in den Fels gehauenen Gewölbe wirken schon etwas unheimlich. In das hintere kommt so gut wie kein Tageslicht. Lediglich ein schmaler Lichtschacht lässt einen Schimmer durch. Dort fühlt man sich gewissermaßen unter Tage, von der Außenwelt fast gänzlich abgeschnitten. Die Kälte ist innen durchdringender als wenige Meter vor dem Eingang.

Aufzeichnungen des Verkehrsvereins Grünberg ist zu entnehmen, dass die Keller vor dem Einlagern umfassend gelüftet wurden, damit die Steine und Felsen, die den Kellerraum umgaben, eine möglichst niedrige Temperatur bekamen. Nach der Einlagerung wurde das Eis mit Stroh abgedeckt und so haltbarer gemacht. Das Schmelzwasser lief dabei über kleine Rinnen nach außen, um Schimmelbildung zu vermeiden.

Das Eis wurde am Eisteich im Baumgartenfeld gebrochen. Ab 1930 gab es drei Getränkehändler, die sich das Eisrecht teilten: Peppler, Horst und die heute noch bestehende Firma Riedmann. Mit langblättrigen Schrotsägen wurde das Eis bei Frostperioden im Winter nach einem genauen Zeitplan mit dreitägigen Abständen aus dem Teich gesägt. In der Zwischenzeit bildete sich das Eis mit einer Stärke von acht bis zehn Zentimetern neu.

Stadtführer Faust erinnert sich: »Wir nannten es Gummi-Eis, weil sich die Eisfläche durchbog, wenn wir darauf herumliefen.« Bis Oktober habe das eingelagerte Eis meist gereicht. Um 1950 wurde die Eisproduktion dann eingestellt, nachdem die Wasserqualität im Eisteich durch das Einleiten von Abwässern schlecht geworden war und mit dem Aufkommen von Kältemaschinen andere Kühlmöglichkeiten vorhanden waren.

Der unheimlich anmutende Felsenkeller hatte offensichtlich auch seinen Reiz. Faust selbst war vor gut 65 Jahren das letzte Mal im Eiskeller. Als kleiner Junge kletterte er mit seinen Freunden dereinst immer wieder einmal über den verschütteten Zugang in den Keller. Der war wie bei dem benachbarten Keller nach dem Krieg von den Amerikanern aus unerfindlichen Gründen gesprengt worden. Die Gewölbe blieben allerdings unversehrt. Für die findigen Buben war das also ein Abenteuerspielplatz erster Güte.

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