G. Christ-Kagoshima
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G. Christ-Kagoshima

"Meinen Schülern bringe ich ›Veronika, der Lenz ist da‹ bei"

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Grünberg/Kawasaki(tb). Die Corona-Pandemie hat den Alltag aller auf den Kopf gestellt. Nicht nur hierzulande. An dieser Stelle gewähren Menschen, die aus dem Gießener Land stammen, mittlerweile aber in anderen Ländern eine Heimat gefunden haben, Einblicke in ihren neuen Alltag. Heute: Gabriele Christ-Kagoshima. Die 69-Jährige stammt aus Grünberg, seit 1992 lebt sie in Kawasaki, knapp 30 Autominuten von Tokio entfernt.

Frau Christ-Kagoshima, wie verläuft Ihr Tag normalerweise?

Unterschiedlich. Meistens: frühstücken, arbeiten im Haushalt, am frühen Nachmittag Vorbereitung auf den Unterricht. Entweder einer der sieben Privatschüler kommt zu uns, oder ich fahre zu ihnen und unterrichte dort. Hin- und Rückfahrt mit der U- und S-Bahn: zwei Stunden. Ich gebe pro Tag einmal Unterricht, in Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache, drei Tage die Woche - außer sonntags.

Und wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?

Im Prinzip genau so, aber ohne die Hin- und Herfahrerei. Ansonsten: mehr sitzen, spazieren gehen, um fit zu bleiben. Einkauf steht nur alle drei Tage an. Wir gehen grundsätzlich nur mit Mundschutz aus dem Haus. Das aber hat man in Japan schon immer getan, sobald es Pollenflug gibt, besonders im Frühling. Und bei jeder Grippewelle, um in den dicht besetzten Zügen sich und andere zu schützen. Die Klimaanlagen dort sind die besten Virusverteiler. Allerdings öffnen sich alle Zug- und Bustüren automatisch, sodass man nichts anfassen muss. Zur Begrüßung schüttelt man sich auch nicht die Hände, sondern verbeugt sich. So ist Abstand halten kein Problem, was nun aber auch an den Kassen oder beim Gespräch mit Nachbarn gilt. Ich unterrichte jetzt über Skype. Die Materialien mailen die Schüler bearbeitet zurück. Ich bringe ihnen auch Lieder zum Stressabbau bei, "Veronika, der Lenz ist da" oder "Wenn der Frühling kommt".

Was vermissen Sie am meisten?

Den persönlichen Kontakt und die Gespräche mit Freunden und Bekannten, etwa sonntags nach dem Gottesdienst und auch diesen selbst, in der Gemeinschaft in der Kirche. Ebenso das Frauenfrühstück einmal im Monat. Ferner den Besuch bei einer Freundin, den Frauentreff, die Singkreise für japanische und deutsche Volkslieder. Schließlich den Flug nach Sapporo, wo wir eine Zweitwohnung haben, und das Treffen mit Freunden dort alle zwei Monate.

Was ist positiv?

Durch den Wegfall der Fahrzeiten habe ich mehr Zeit für Dinge, die ich gerne mache. Zum Beispiel lesen von Büchern oder Zeitungen, stricken, häkeln, spazieren gehen in unserem Wohnpark. Auch für Dinge, die notwendig sind - etwa mein Zimmer entrümpeln, putzen, aufräumen, nachdenken und Wichtiges dazulernen.

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