_084018_4c
+
_084018_4c

Interview

Kreisfeuerwehrverband wird 75 - »Wir sind kein Auslaufmodell«

  • VonPatrick Dehnhardt
    schließen

Vor 75 Jahren wurde der Kreisfeuerwehrverband Gießen (KFV) gegründet. Warum der Kreisfeuerwehrtag unersetzlich ist und welche Strukturen sich verändern müssen, erklärt Lothar Theis.

Seit 75 Jahren gibt es den Kreisfeuerwehrverband. Einige Kritiker sagen, er wäre ein Auslaufmodell. Irren sie sich?

Ja. Wir sind eine starke Interessenvertretung für unsere Feuerwehren. Auf Kreisebene können wir gezielt und schnell mit unserem breit aufgestellten Vorstandsteam unterstützen. Damit sind wir kein Auslaufmodell, sondern ein zuverlässiger Partner an der Seite der Feuerwehren und deren Fördervereine.

Da schwingt durchaus ein »Aber« mit....

Am Beispiel der zunächst aus unserer Sicht falschen Eingruppierung der Einsatzkräfte bei der Impfpriorisierung und der langsame Reaktion des Verbandes wird deutlich, dass unser Verbandswesen insgesamt schneller und agiler werden muss. Die aktuellen Verb andsstrukturen sind nicht mehr zeitgemäß.

Wie sehen diese Strukturen derzeit aus?

Wir haben drei Bezirksfeuerwehrverbände in Hessen und darüber den Landesfeuerwehrverband (LFV) mit Präsidium, F euerwehrausschuss und einer Vielzahl an Fachausschüssen. Den Deutschen Feuerwehrverband möchte ich in der Betrachtung mal außen vor lassen. Das sind viel zu viele Akteuer, um schnell agieren zu können.

Das Problem ist erkannt. Wird sich daran nun etwas ändern?

Der LFV hat die »Arbeitsgruppe Zukunft« ins Leben gerufen, um einen Reformprozess anzustoßen. In der AG sitzt unser Vorsitzender Michael Klier, bringt unsere Ideen und Anregungen dort ein.

Der Kreisfeuerwehrverband Gießen hat bereits auf anderen Ebenen Veränderungen angestoßen...

Wir hatten zur Anerkennung ehrenamtlicher Arbeit ein Positionspapier verfasst, dass sei nerzeit in der Landes- und Kreispolitik auf großes Interesse stieß. Es hat unter anderem dazu geführt, dass dieses Ehrenamt bei Bewerbungen in der Kreisverwaltung positiv berücksichtigt wird.

Ist der Kreisfeuerwehrtag noch zeitgemäß?

An diesem Tag können sich alle Feuerwehrangehörigen im La ndkreis Gießen auf der kameradschaftlichen Ebene austauschen. Nichts kann den persönlichen Kontakt von Menschen untereinander ersetzten. Das gilt im Bereich der Gefahrenabwehr noch umso mehr. Deswegen ist der Kreisverbandstag weiterhin sehr wichtig. Dabei ist es egal, ob es klassisch mit Kundgebung und Festzug abläuft oder mit alternativem Konzept wie zuletzt in Inheiden.

Gab es auch schon Ideen für ein digitales Angebot?

Wir haben unseren Feuerwehren nach der Absage des diesjährigen Kreisfeuerwehrtages in L aubach das Angebot eines »Digitalen Kreisfeuerwehrtages« im Spätherbst unterbreitet. Dies wurde durch unseren Verbandsausschuss mehrheitlich nicht angenommen.

Bereits 2020 fiel der Kreisverbandstag in Queckborn aus. Die örtliche Feuerwehr hatte ein umfangreiches Programm vorbereitet. Wie hat der KFV sie nach diesem Rückschlag unterstützt?

Wir sind eine starke Gemeinsch aft und lassen unsere Mitglieder nicht im Stich. Der Kreisfeuerwehrverband hat dem Förderverein Queckborn sämtliche Kosten, die im Rahmen der Vorbereitung mit der Ausrichtung des Kreisfeuerwehrtages entstanden sind, finanziell ersetzt. Wir möchten auch zukünftig Fördervereine finden, die bereit sind, eine solche Großveranstaltung für die Feuerwehren im Landkreis Gießen auszurichten.

Ein Festzelt für mehrere tausend Gäste aufzustellen, zudem die Organisation - da schrecken immer mehr Feuerwehrvereine zurück. Wie schwer ist es, Ausrichter zu finden?

Es ist eine Herausforderung für die gastgebende Wehr. Darum gilt es, frühzeitig Unterstützung durch den Verband zu geben. Auch die Übernahme von Teilen der wirtschaftlichen Risiken wird immer wichtiger. Mit den Feuerwehren Nieder-Bessingen (2022) und Grünberg (2023) stehen die nächsten beiden Ausrichter bereits in den Startlöchern.

Der KFV macht aber noch mehr als nur den Gastgeber des Kreisverbandstages auszusuchen, oder?

Wir machen für unsere Feuerwehren solche Seminar-Angebote, die von der Landes- bzw. Kreisfeuerwehrschule nicht angeboten werden. Mit Technical Rescue Mittelhessen haben wir die Seminare »Türöffnung« und »Flipchartgestaltung« angeboten, mit der B-F-T wollen wir wieder ein Wärmebildkameratraining am ehemaligen Bundeswehrdepot in Alten-Buseck ausrichten. Insgesamt passen wir das Seminarangebot regelmäßig an den Bedarf der Feuerwehren an.

In den Freiwilligen Feuerwehren leisten sehr viele junge Menschen ihren Dienst. Berufsleben und Familiengründung oder Umzug können dazu führen, dass sie inaktiv werden. Wie kann man diese Menschen wieder für die Arbeit in den Feuerwehren - und sei es auch nur aktiv im Feuerwehrverein - zurückgewinnen?

Flexibilität ist das Zauberwort der Zukunft. Starre Struk turen in der Feuerwehr gehören der Vergangenheit an. Wir müssen die Menschen mit ihren Möglichkeiten einbinden. Dann ist auch eine Verbindung zwischen Ehrenamt, Familie und Beruf möglich. Zusätzlich sollten wir die Träger der Feuerwehren, die Städte und Gemeinden, dabei unterstützen, Anreize zu schaffen, damit gerade Feuerwehrangehörige aus junge Familien der Dienst in der Feuerwehr erleichtert wird. Ich kenne viele, die nach einem Umzug in die Feuerwehr im neuen Ort eintreten. Dadurch gehen sie der Feuerwehr nicht verloren.

Was sehen Sie als größte Herausforderung in den kommenden Jahren auf den KFV zukommen?

Die aktuell wohl größte Herausforderung ist die Corona-Pandem ie, die seit März 2020 weltweit herrscht. Dies hat zu massiven Einschränkungen im Übungs- und Ausbildungsbetrieb geführt, die erst in den Sommermonaten gelockert werden konnten und dann erneut im Herbst und Winter 2020/2021 eingeschränkt werden mussten. Sowohl die Feuerwehren als auch der Verband mussten sich auf diese neue Situation einstellen.

Wie sahen die Folgen konkret aus?

Alle Veranstaltungen, die das Miteinander stärken, mussten abgesagt werden. Deswegen ist es jetzt umso wichtiger, dass die Feuerwehrkameradinnen und -kameraden im Landkreis zusammenstehen und weiterhin gemeinsam für die Sicherheit der Gesellschaft sorgen. Weitere Themen, die uns jetzt und in Zukunft beschäftigen werden, sind unter anderem die Digitalisierung in den Einsatzabteilungen und Fördervereinen, gesellschaftliche Veränderungen und die Mitgliedergewinnung beziehungsweise -bindung. Dabei ist der Ausbau einer Anerkennungskultur wichtig.

Lothar Theis (56) ist seit seinem 14. Lebensjahr in der Feuerwehr aktiv. 24 Jahre nahm er dabei Leitungsfunktionen wahr, 15 Jahre war er der Grünberger Stadtbrandinspektor. Als Stellvertreter von Michael Klier steht er an der Spitze des Kreisfeuerverbandes Gießen. In diesem sind die 18 kommunalen Feuerwehren mit ihren 94 Ortsteilwehren und Schutzbereichen, die vier nicht-öffentlichen Feuerwehren und die 108 Fördervereine organisiert. pad/FOTO: FP

Der Festzug des Kreisfeuerwehrtags 2019 in Nonnenroth. Für den Kreisfeuerwehrverband ist die Veranstaltung unersetzlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare