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Hochkarätige Matinee am zweiten Advent: Robert und Angelika Atzorn lesen im voll besetzten Grünberger Kino heitere und nachdenkliche Geschichten zur Weihnachtszeit. FOTO: FP

Kopfkino mit Tiefgang

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Grünberg(fp). Die Geschichte eines vergessenen Weihnachtsgeschenkes gehörte zu den heiteren Erzählungen, die Robert und Angelika Atzorn am Sonntagvormittag im ausverkauften Grünberger Kino zum Besten gaben. Das Schauspielerehepaar entführte die Zuhörer auf eine Reise durch den Advent und das Fest der Liebe. Doch nicht nur Heiteres stand im Mittelpunkt: Die Geschichte deutscher und englischer Soldaten an einem Weihnachtsabend während des Ersten Weltkrieges stimmte zum Nachdenken an. In Grünberg lasen die Atzorns zunächst aus Liebesbriefen, welche die Pianistin Clara Wieck an ihren späteren Ehemann Robert Schumann schrieb. Deren Vater Friedrich Wieck akzeptierte die Verbindung nicht. In ihren Briefen beteuerten beide gegenseitig ihr Treue und stete Liebe.

Ein Abend im Kriegsjahr 1914

Die nächste Schilderung: Ein Ehepaar besuchte einen Juwelierladen - der Frau gefiel ein Ring, doch der wurde nicht gekauft. Die beiden verließen das Geschäft, später kehrte der Mann zurück und erwarb den Ring. Das Bargeld reichte nicht, er bezahlte mit der Kreditkarte. Froh über seine Geistesgegenwart, frühzeitig ein Weihnachtsgeschenk für seine Frau gefunden zu haben, nahm er den Ring mit ins Büro - und vergaß ihn dort. Nach ein paar Wochen prüfte der Mann seine Kontoauszüge und wusste nicht mehr, warum ein Juwelier Schnoderer einen stolzen Betrag abgebucht hatte. Er rief seine Frau an und fragte nach, ob sie ihn aufklären könne. Danach war nicht mehr daran zu denken, das Geschenk an Heiligabend weiterzugeben.

In einer amerikanischen Weihnachtsgeschichte zeigten Robert und Angelika Atzorn auf, wo der Überfluss und gegenseitige Neid enden können. In diesem Fall gipfelte der immerwährende Versuch, den Nachbarn zu übertrumpfen, in Organspenden. Die Zuhörer erfuhren danach von dem berühmten Leitartikel, den Francis Church am 21. September 1897 in der "New York Sun" veröffentlicht hatte. Die achtjährige Virginia O’Hanlon hatte angefragt, ob es einen Weihnachtsmann gebe. Sie vertraue der Zeitung, weil diese immer die Wahrheit schreibe. Freunde hatten ihr erklärt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Es folgten Briefe, die J. R. R. Tolkien ("Der Herr der Ringe") an seine Söhne schrieb. Er erfand Geschichten, weil er aus ärmlichen Verhältnissen stammend, die Wunschzettel seiner drei Söhne nicht erfüllen konnte.

Ergriffen waren die Zuhörer von einem Erlebnis, das deutsche und englische Soldaten im Ersten Weltkrieg in Flandern hatten. In den Schützengräben, in denen erbittert gekämpft wurde, herrschte zu Weihnachten 1914 plötzlich ein nicht verabredeter Waffenstillstand. Die Gegner sangen Weihnachtslieder und gaben sich statt Gewehrschüssen gegenseitig gute Wünsche mit.

Die verschiedenen Typen der Weihnachtsbaumkäufer, die Geschichte des Krippenspiels "Wie man zum Engel wird", Botschaften zum 24. Dezember über Radio Norddeich und das Gedicht "Weihnacht zur See" von Joachim Ringelnatz rundeten die Lesung des Paares ab.

Zum Auftakt hatte Bürgermeister Frank Ide die Atzorns und das Publikum begrüßt. Ide dankte der OVAG, die in Verbindung mit dem Literarischen Zentrum Gießen die Reihe "LeseLand Gießen" aufgelegt hatte, sowie der Inhaberin des Grünberger Kinos, Edith Weber. Diese dankte ihrerseits dem Ehepaar Atzorn für den vergnüglichen Vormittag.

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