Filmkritik

Kinokritik: Auf der Jagd – wem gehört die Natur?

  • schließen

"Wem gehört die Natur?" – die Dokumentation setzt sich intensiv mit der Jagd auseinander. Unser Kinokritiker Sascha Jouini bewertet den Film als herausragend.

Schon allein die faszinierenden Landschafts- und Tieraufnahmen machen diesen Film sehenswert. Die Kameraperspektiven sind recht abwechslungsreich; besonders beeindruckt das stimmungsvolle Alpenpanorama. Gleichermaßen überzeugt die inhaltliche Ebene. Regisseurin Alice Agneskirchner lässt in der Dokumentation Jäger, Förster und Waldbesitzer ebenso wie eine Wildbiologin und Wolfsbeauftragte zu Wort kommen. Die Problematik: In deutschen Wäldern werden Wildtiere immer weniger geduldet, der Tourismus und Schutz des Baumbestandes haben Vorrang. Einige Tierpopulationen gehen zurück.

Deutschland von Nutzwald dominiert

Ein Großteil der deutschen Waldfläche ist Nutzwald, da leuchtet ein, dass verschiedene Interessen aufeinanderprallen. Beispielsweise sieht manch Jäger die Rückkehr der Wölfe skeptisch. Die Wolfsbeauftragte beobachtet die Raubtiere und wirbt in der Bevölkerung für Akzeptanz. Seltenheitswert haben die Nahaufnahmen zweier Wölfe auf Beutejagd.

Breiten Raum nehmen die Interviews mit Jägern ein. Während einer von ihnen das Jagen als Urtrieb begreift und sportlichen Ehrgeiz entwickelt, betonen die meisten seiner Kollegen im Einklang mit dem Tierschutz zu handeln. Eine Ausnahme bildet ein Jäger, der sechs Schüsse benötigt, um ein flüchtiges Tier zu erlegen.

Ansonsten wird deutlich, dass nicht unbedingt ein Widerspruch zwischen Naturverbundenheit und dem Töten von Rehen oder Hirschen liegen muss, gilt es beim Jagen doch, die Lebensweise des Wildes zu verstehen und es möglichst schmerzarm zu erschießen. In Massenviehhaltungsbetrieben wie Schlachtanlagen geht es mitunter gewiss qualvoller zu.

Volksbräuche eher akzeptiert

Den deutschen Jägern gegenübergestellt werden sechs Ureinwohnerinnen Kanadas, Angehörige der Algonquins, die sich auf eine alte Tradition berufen. Eine von ihnen sagt, es sei nicht Glück oder Können, Wild zu erlegen, vielmehr gebe das Tier dem Jäger sein Leben, wenn es sich ihm nähere. Agneskirchner beabsichtigt am Beispiel der Ureinwohnerinnen die Frage aufzuwerfen, weshalb die Jagd eher akzeptiert wird, wenn sie im Zusammenhang mit Volksbrauchtümern geschieht.

Ganz anders wirkt die streng reglementierte Sphäre in den bayerischen Alpen. Waldsanierer errichten Schutzgerüste und setzen Pflanzen aus, um die Lawinengefahr zu verringern. Förster legen die Abschussquote anhand der Verbissrate von Bäumen fest. Die Gams fresse die jungen Baumtriebe und gefährde eine nachhaltige Waldentwicklung. In Schutzwaldgebieten darf die Bergziege ganzjährig gejagt werden. Jäger bezweifeln indes solch gravierende Auswirkungen und befürchten die Ausrottung der Tiere. Allerdings drohen bei Nichterfüllung der Abschussquote Geldstrafen und Revierentzug´– eine komplizierte Gemengelage.

Im Ganzen nähert sich die Regisseurin der komplexen Thematik auf differenzierte, vorurteilsfreie Weise. Die herausragende Dokumentation liefert viele Hintergrundinformationen, ohne den Laien mit Details zu überfordern, und regt zum Nachdenken an über einen wichtigen Lebensraum. Sascha Jouini

*

"Auf der Jagd" läuft bis Mittwoch jeweils um 20 Uhr im Kino Grünberg. Zusätzliche Vorstellungen finden am Samstag und Sonntag um 17.30 Uhr statt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare