1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen
  3. Grünberg

Nach Flucht aus dem Iran: Ein Weihnachten in Freiheit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Brückner

Kommentare

tb_sahar_141221_4c
Die Eheleute Sahar Ghanbari und Mehdi Faramarzi Pirus mit ihren Töchtern Haja und Hana. © Thomas Brueckner

Für Mehdi Faramarzi Pirus und Sahar Ghanbari ist Weihnachten nicht nur das Fest der Freude über die Geburt Jesu. Im Iran aufgewachsen, als Christen unterdrückt, waren sie 2015 unter Lebensgefahr geflohen. In ihrer neuen Heimat Grünberg freuen sie sich, Weihnachten als Christen frei feiern zu dürfen. Auf ihrem Wunschzettel ganz oben: Eine sichere Zukunft in Freiheit, für sich und ihre Kinder.

Grünberg - Ein milder Herbsttag im September war ein Tag der Freude für die evangelische Kirchengemeinde Laubach, nahm sie doch die kleine Haja in ihre Reihen auf. Man darf sicher sein: Noch viel, viel mehr freuten sich ihre Eltern, Mehdi Faramarzi Pirus und Sahar Ghanbari.

Getauft wurde ihr zweitgeborenes Kind von Pfarrer Jörg Gabriel. Gewissermaßen Ergebnis einer Zufallsbekanntschaft: Der 35-jährige Iraner arbeitet als Hausmeister, sein Arbeitgeber ist der Eigner des Alten Rathauses neben Laubachs evangelischer Kirche.

»Ich habe ihn angesprochen, als er zu uns zum Beten kam«, erzählt Gabriel. Es sollte nicht das letzte Gespräch sein. Das Ende vom Lied: Mehdi und Sahar, die sich im Iran bereits vorm Standesamt das Jawort gegeben hatten, ließen sich von Gabriel kirchlich trauen und ihre Haja taufen. Mit handwerklichen Kenntnissen gesegnet, packt er mit an, wenn es in der Kirche was zu richten gilt, ist ein gern gesehener Helfer der Küster. Gabriel: »Wie sagt man so schön: Er ist gut integriert.«

Christliche Gemeinschaft im Iran lebte in Angst vor der Geheimpolizei

Das gilt auch für seine Sprachkenntnisse: Als Faramarzi in seiner Wohnung im Grünberger Stadtteil Queckborn erzählt, wie er und seine damalige Freundin zum Christentum kamen, braucht es nur ein-, zweimal das Übersetzungs-Programm seines Smartphones. Aufgewachsen sind beide in Kermanschah, einer Stadt nahe der irakischen Grenze. Über Mariam, eine Frau aus der Nachbarschaft, kam er als 13-Jähriger erstmals in Kontakt mit einer kleinen christlichen Gemeinschaft, deren Treffen in Privaträumen und stets in Angst vor der Geheimpolizei stattfanden.

Wie er betont, sei es nicht allein das Interesse an der Religion gewesen, weswegen es ihn zu den Bibellesungen und Gesprächsabenden zog, sondern die dort erfahrene Höflichkeit und vor allem die Toleranz.

»Einmal Muslim, immer Muslim!« - mit dieser kurzen Formel bringt er die Staatsräson des Mullah-Regimes auf den Punkt. Er erzählt, wie ihn der Beamte auf dem Arbeitsamt in harschem Ton fragte, wieso er Jeans trage, sich keinen Bart stehen lasse. Oder wie die Polizei ihn verhörte, nach seiner Verbindung zu einem »Ungläubigen« fragte. Oder wie seine Freundin für ein Jahr ihre Ausbildung zur Maskenbildnerin unterbrechen musste, da man bei der Eingangskontrolle ihre Bibel entdeckt hatte.

Grünberger Ehepaar aus dem Iran geflohen: „Wir wollten unseren Kindern ein Leben in Diktatur ersparen“

Freilich harmlose Repressalien, da doch zwei ihrer Freunde plötzlich nicht mehr zu den Treffen kamen. »Von dem einen haben wir sechs Jahre, bis zum Schluss, nichts mehr gehört.« Im April 2015 reifte endlich der Entschluss zur Flucht. Sah sich das Paar - inzwischen verheiratet - doch zunehmend der Gefahr ausgesetzt, verhaftet zu werden. Sich und ihren ungeborenen Kindern mochten sie ein Leben in der Diktatur ersparen.

Ein Verwandter brachte die beiden, zwischen Kartons auf einer Lkw-Ladefläche versteckt, in die Türkei. »Den Grenzern hat er gesagt, er hätte Schnaps dabei, der ist streng verboten.« Gegen ein Bündel Dollar hatten sie nicht nachgeschaut. Per Handy kontaktierten sie nun die Schlepper, die sie Richtung Ägäis brachten. Insgesamt kostete die Flucht 10.000 Dollar. »Ich habe gutes Geld verdient, andere müssen dafür im Iran ein ganzes Leben arbeiten.« Alles Hab und Gut hatten sie dafür verkauft.

Ein Bus brachte das Paar zum Ziel nahe der Küste. Die Schlepper zwangen den Iraner und drei andere Flüchtlinge, den schweren Motor aus dem nächtlichen Versteck zum Schlauchboot zu tragen. »Eine ganz Stunde dauerte das, einer der besoffenen Helfer hielt mir eine Pistole an den Kopf: ›Lauf weiter!‹« Das Boot sollte 25 Personen Platz bieten. Er zählte durch, es waren 50. »Los, rein, da hinten ist Griechenland«, habe einer der Türken geschrien. »Entweder gehen wir oder wir sterben«, habe Sahar zu ihm gesagt. Sie gingen. Das überladene Boot legte ab, als einzige Orientierungshilfe gaben ihnen die Schlepper auf den Weg: »Haltet auf den Leuchtturm von Lesbos zu!«

Flüchtlinge aus dem Iran: „Unser Wunsch ist das unbefristete Bleiberecht“

Der Mann am Ruder verstand das nautische Handwerk nicht, der Kahn drehte sich bald im Kreis. Zum Glück war ein alter afghanischer Fischer dabei, der sie auf Kurs brachte. Die Rettung - zumindest fürs Erste. Denn auf halbem Weg, mitten in der Nacht, setzte plötzlich der Motor aus. Kinder schrieen, Wasser schwappte über die Bordwand. »Da habe ich den Todesengel gesehen.«

Doch kamen zwei gute Engel, auf Jetskis. Sie gehörten zur griechischen Küstenwache, funkten ein Schiff an, das alle an Land brachte. Von Lesbos aus schafften sie es schließlich bis nach Deutschland. »Viele haben uns hier sehr geholfen«, blickt der junge Mann zurück.

In vier Tagen werden er, Sahar und die Töchter Hana und Haja in der neuen Heimat Weihnachten feiern. Nicht viel anders als ihre Nachbarn in Queckborn und die Mitglieder ihrer Kirchengemeinde in Laubach. Der Christbaum gehört dazu, gutes Essen auf dem Tisch, an dem man sich in Festtagsgarderobe niederlässt. Die Geschenke für die Töchter, Spielzeug vor allem, gibt es allerdings erst am ersten Feiertag. Zu den Bräuchen hierzulande ein nur kleiner Unterschied. Ein großer dagegen dies: »Unser Wunsch ist einzig ein unbefristetes Bleiberecht, damit wir und unsere Kinder in Sicherheit und Freiheit leben können.« (Thomas Brückner)

Auch interessant

Kommentare