Holocaust-Gedenken mit Musik und Texten in Grünberg

Grünberg (tb). Ein Hakenkreuz, eingeritzt in den Lack eines Zigarettenautomaten, hatte vor 28 Jahren bei Hartmut Miethe Erinnerungen an eine eindrückliche Reise wachgerufen. 1977 war das gewesen, als er als Theologiestudent Auschwitz besucht hatte.

Die Erinnerungen hat er, seit nun 13 Jahren Pfarrer in Grünberg, in kurze Verse gefasst. Drei davon waren am Dienstag in der Stadtkirche zu vernehmen; sozusagen autobiografischer Prolog des Holocaust-Gedenkens, zu der die ev. Gemeinde aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz geladen hatte.

Mit lyrischen Texten und Orgelklängen sollte die Erinnerung an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte wachgehalten werden. Unterlegt mit Bildprojektionen an der Seitenwand des Kirchenschiffs: das Tor zum KZ Auschwitz, das Foto eines Kindes in Häftlingskleidung, mit kurzgeschorenen Haaren, Worte einer Gedenktafel.

Kantorin Ulrike Sgodda-Theiß spielte passende Synogalmusik des 19. Jahrhunderts, etwa von Louis Lewandowski (1821-1894). Allesamt Werke jüdischer Komponisten, geprägt von einem liberalen Judentum und daher "angepasst" an evangelische Zeremonien und Riten. So erklärte es Miethe, den – wie er meinte – überraschend zahlreichen Zuhörern. Und ebenso, dass viele dieser Werke mit der Zerstörung der Synagogen in Vergessenheit gerieten. Am Anfang las Miethe aus seinen Texten, animiert durch die Entdeckung des Nazi-Symbols am Kippenautomat.

"Ankunft" heißt eines der Gedichte: "Schon mehrmals gesehen, die einlaufenden Züge/im Fernsehen/und jetzt den Schienenstrang unter den eigenen Füßen/Das Nimmer-Wiedersehen-Tor/wie dem Adler gleich/mit ausgebreiteten Schwingen/An der Architektur ist kein Schuldspruch möglich."

Vermächtnis weiter aktuell

Zu den weltweit bekannten Holocaust-Überlebenden, die ihr Leiden in Worte fassten, zählt der 1928 in Rumänien geborene US-Publizist Elie Wiesel. 1944 hatten ihn die Nazis, wie Hunderttausende anderer Juden, aus Ungarn ins KZ Auschwitz, später nach Buchenwald verschleppt. Miethe zitierte Zeilen aus dessen Gedicht "Die Nacht begraben", als "vielleicht bekanntester Erinnerung an die Gottesverlassenheit in Auschwitz": "Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat. Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer aufzehrten.

(...) Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie."

Am Dienstagabend zu Wort kam auch Edith Stein. Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft, konvertierte sie 1922 zur katholischen Kirche und wurde 1933 Karmelitin. 1942 kam sie im KZ Auschwitz-Birkenau um. Miethe las aus ihrem Werk "Kreuzeswissenschaft": "Sie (die Seele) wird völlig in Dunkelheit und Leere versetzt. Es bleibt ihr gar nichts anderes mehr, woran sie sich halten könnte, als der Glaube."

Schließlich der Appell, den Holocaust-Überlebende, als "die letzten Augenzeugen", am 25. Januar 2009 verfasst hatten. Endend mit den Worten: "Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen. Dies sei unser Vermächtnis." Ein Appell, der, wie nicht nur Miethe meinte, nichts von seiner Berechtigung verloren hat.

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