Gewitterjäger

Wie es ein Grünberger in die "New York Times" geschafft hat

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Schon als Junge war Jonas Piontek aus Grünberg von Gewittern fasziniert. Inzwischen hat er sich mit Naturfotos einen Namen gemacht. Die Gewitterjagd ist aber auch gefährlich.

Wenn es in Deutschland blitzt und donnert, ist die Ruhe nach dem Sturm meistens nicht allzu fern. Gewitter sind hierzulande eher seltene Phänomene. Doch es gibt Orte auf der Erde, wo sie zum Alltag gehören – wie der Maracaibo-See im Nordwesten Venezuelas. An weit über 100 Nächten im Jahr ziehen dort die berüchtigten "Catatumbo-Gewitter" auf. In ihrer Gewaltigkeit stellen sie alles in den Schatten, was am Himmel über Deutschland hin und wieder aufblitzt.

"Das kann manchmal über zehn Stunden gehen. Hier jagst du das Gewitter – dort jagt das Gewitter dich", sagt Jonas Piontek. Er weiß, wovon er spricht: Bereits zum dritten Mal war der gebürtige Grünberger im November in Venezuela, um das Naturschauspiel hautnah zu erleben. Für etwa 20 Nächte weilte er dort, zwar nicht allein, aber in aller Abgeschiedenheit. Geschlafen hat er währenddessen kaum. "Das ist ein Abenteuer – nichts für einen entspannten Urlaub."

Als Wetterfotograf hat sich Piontek inzwischen einen Namen gemacht: Für das Format "Great Big Story" hat ihn schon der US-Sender CNN begleitet, seine Gewitterjagd in Venezuela in eine Dokumentation aufgenommen. Und eines seiner beeindruckenden Fotos zierte schon die "New York Times". Dass er über ein gutes Auge verfügt und ein talentierter Fotograf ist, hat er bereits vor einigen Jahren während eines Praktikums bei der Gießener Allgemeinen gezeigt.

Blitz und Donner machen vielen Menschen Angst, sind für sie ein Grund, sich drinnen unter der Decke zu verkriechen. Bei Piontek ist das ganz anders: Gewitter ziehen ihn magisch an.

Ich will die zerstörerische Schönheit einfangen

Jonas Piontek

Bewegt haben ihn in Venezuela aber nicht nur die imposanten Eindrücke am Himmel, sondern auch die harte Realität am Boden: In dem südamerikanischen Staat tobt ein Machtkampf zwischen dem sozialistischen Präsidenten Maduro und Oppositionsführer Guaidó, der inzwischen von vielen Regierungen als Interimspräsident anerkannt wird. Das an Bodenschätzen und touristischen Zielen so reiche Land verarmt mehr und mehr, Sicherheits- und Versorgungslage sind prekär, "Die Leute verdienen kein Geld – oder es ist am nächsten Tag nichts mehr wert", berichtet Piontek. Teils herrschten "anarchische Zustände, jeder macht, was er will". Erschrocken zeigt er sich vor allem davon, wie die Umwelt leidet. Teils sei die Ölförderung schlagartig eingestellt worden, ohne sich über Hinterlassenschaften Gedanken zu machen: "Die Vögel, der See, die Palmen – alles ist voll mit Öl." Ein einzigartiges Ökosystem stehe vor dem Kollaps.

Und mitten in dieser angespannten Lage kommt ein junger Mann aus Europa ins Land, um Gewitter zu filmen und zu fotografieren. Wie haben die Venezolaner das aufgenommen? "Die Leute finden es super", sagt der nun in Heuchelheim lebende Piontek. "Manche sagen: ›Schön, dass jemand mal etwas Schönes über unser Land berichtet.‹" Auf Instagram hat er Fotos von den Gewittern in Venezuela veröffentlicht und will auch für die politische und soziale Situation dort sensibilisieren. Rund 100 000 Menschen folgen ihm auf der Foto-Plattform im Internet bereits.

Tornado bei Lumda

Inzwischen ist Piontek 23 Jahre alt, seine besondere Leidenschaft begleitet ihn seit etlichen Jahren. "Ich bin schon immer fasziniert von der Natur gewesen, gerade von Extremen wie Vulkanen, Wirbelstürmen, Gewittern." Vulkanausbrüche hat Mittelhessen freilich schon seit sehr langer Zeit nicht mehr zu bieten, doch Extremwetterlagen gibt es auch hier manchmal zu beobachten. Der Grünberger erinnert sich an einen Tornado, der 2010 bei Lumda tobte, "einer der stärksten, die es in den letzten Jahren in Deutschland gab".

Piontek stieß auf ein Forum für Unwetter-Interessierte im Internet. Er meldete sich an und fand Mistreiter aus Mittelhessen, mit denen er nun mehrmals im Jahr unterwegs ist. "Jetzt fahren wir auch mal ins Ausland, wenn es was Geiles zu chasen gibt."

Er und sein Team gehören zur in Deutschland nicht allzu großen Szene der "Stormchaser", also der "Sturmjäger". Hierzulande, schätzt er, gebe es vielleicht eine Handvoll Gruppen, die gezielt Gewitter und Stürme jagen. In den USA seien es deutlich mehr. "Da denken sich manche: ›Ich fahre da hin und verkaufe die Bilder für eine Million.‹ Manchmal gibt es dort Staus von Sturmjägern auf den Autobahnen."

Piontek gibt Wetterdaten weiter

Piontek findet hingegen wichtig, nicht nur an den eigenen Profit zu denken. Er will die Erkenntnisse aus den Sturmjagden auch der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen: Er hat sich bei dem internationalen Netzwerk "Skywarn" zertifizieren lassen und gibt aktuelle Wetterdaten weiter, wenn er unterwegs ist. Diese Informationen können dann zum Beispiel helfen, Unwetterwarnungen möglichst genau auszusprechen.

Seine Brötchen verdient Piontek als Fotograf und Mediengestalter, allein von Gewitter- und Sturmbildern kann er (noch) nicht leben. Inzwischen kennt er sich auch mit Meteorologie aus. Mit seinem Sturmjäger-Team gleicht er Wettervorhersagen mit Live-Daten ab, um in Echtzeit zu erfahren, wo es gerade blitzt und donnert. Wenn sie, oft über Nacht oder mehrere Tage am Stück, unterwegs sind, gibt es eine feste Aufgabenteilung: Einer fährt, einer verfolgt die Wetterdaten. Piontek ist oft Navigator und versucht, möglichst direkte Routen zu den Gewittern aufzuzeigen.

Fast von Blitz getroffen

Mitunter kann diese Leidenschaft auch gefährlich werden. Piontek erzählt von einer Schreckensnacht bei Rodgau vor circa drei Jahren: "Wir waren etwa 20 Kilometer von dem Gewitter entfernt, als es im Dunkeln plötzlich direkt über uns blitzte. Dann ist fünf bis zehn Meter vor uns ein Blitz eingeschlagen. Wir haben alle einen Stromschlag gekriegt." Ein weiteres Beispiel: Einmal waren sie kaum in das schützende Auto eingestiegen, als ein Blitz einschlug. "Es hört sich an, als würde direkt neben deinem Kopf jemand schießen. Du spürst die Hitze, bist erst einmal einen Moment blind." Unterm Strich sind die Unwetter-Jäger in beiden Fällen mit dem Schrecken davon gekommen – und haben sich dadurch nicht von ihrem waghalsigen Hobby abbringen lassen.

"Ich will die zerstörerische Schönheit einfangen", sagt Piontek über seine besondere Leidenschaft. Gibt es auch Gewitter-Momente, in denen es ihn nicht nach draußen zieht? "Als ich aus Venezuela zurückkam, hat es hier gewittert. Da dachte ich: Och ne, jetzt nicht in den Regen." Doch das wird bei ihm wohl die Ausnahme bleiben.

Info

Mehr im Internet

Wer mehr über die Eindrücke von Jonas Piontek von den Gewittern in Venezuela erfahren möchte, kann sich seinen Kurzfilm auf Youtube ansehen: "Catatumbo Lightning – The Neverending Storm". Weitere Kostproben bietet er auf Instagram (@jonaspiontek) und auf seiner Internetseite.

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