Ein Grünberger in der Gascogne: Burkhard Mraz. FOTO: PM
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Ein Grünberger in der Gascogne: Burkhard Mraz. FOTO: PM

"Zuhause in der Ferne"

Wie der Grünberger Burkhard Mraz sein Glück in der Gascogne fand

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Der Liebe wegen sagte Burkhard Mraz seinem Grünberg "Adieu". Gerade mal "drei Brocken Französisch" im Gepäck, folgte er an einem Herbsttag 1975 seiner Danielle und wurde Winzer. Zurück will "Monsieur Mraz" nicht mehr.

Grünberg - "Zarte 20" war Burkhard Mraz, als er am 1. Oktober 1975 loszog, um in Frankreich das Glück zu suchen. 1400 Kilometer entfernt, in Grünbergs Partnerstadt Condom, 70 Kilometer von Toulouse entfernt, sollte er es finden.

Der Gedanke an eine Rückkehr, so versichert der heute 64-Jährige im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen, sei ihm nie gekommen. Was auch daran liege, dass das Leben in der 7000-Seelen-Gemeinde Condom in vielem dem in "Grimmich" gleiche: "Es ist auch hier gemütlich", wählt Mraz eine Beschreibung, die es nur im Deutschen geben soll. Familie, Freunde und die kleinstädtische Gemeinschaft hätten auch einen hohen Stellenwert. Und Integration funktioniert auch dort am besten in den Vereinen: Viele Jahre hat sich Mraz im Sportverein engagiert, saß am Schreibpult, während die Söhne Jean-Philippe und Sylvain dem Basketball hinterherjagten.

Lauer Sommernacht auf dem Wartturm

Apropos: Wie kam es überhaupt dazu, dass aus dem Grünberger ein "halber Franzos’" geworden ist? Bei einer privaten Feier hatte er die junge Französin Danielle kennengelernt, die als Au-pair im Haushalt der Familie Pracht arbeitete, als angehende Fremdsprachensekretärin ihre Deutschkenntnisse verbessern mochte. So richtig gefunkt haben soll es dann in einer lauen Sommernacht auf dem Grünberger Wartturm, wohin er seine Liebste zum Tête-à-Tête eingeladen hatte.

Um es kurzzumachen: "Lago", so sein Spitzname, brach Ende September 1975 seine Zelte in der Heimat ab, folgte Danielle nach Frankreich. "In einem halben Jahr bist du wieder hier", riefen ihm seine Freunde nach. Sie sollten sich irren. "Gut", gibt Mraz zu, "ein Risiko war es schon. Ich konnte nur drei Brocken Französisch und kaum mehr Englisch."

Nicht nur angenehme Seiten

Die erste Zeit in der Ferne hatte nicht nur angenehme Seiten. Dass er sich ein Zeitlang in Danielles Zimmer im Mädchenwohnheim der Universität von Tarbes verstecken musste, zählt noch zu den eher lustigen Episoden. "Dani brachte mir heimlich das Essen, dafür passte ich auf die Katze auf."

Mit der Ausbildung fertig, nahm sie eine Stelle bei Aerospatiale an. Der erste Umzug von Tarbes, gelegen im Pyrenäenvorland, nach Paris stand an. Zuvor aber, am 24. April 1976, gaben sich der Oberhesse und die Südfranzösin das Jawort. Beim Grünberger Unternehmen "T&N" hatte Mraz Elektromechaniker gelernt, also bewarb er sich bei Ericson in der Seine-Metropole. Trotz bescheidener Sprachkenntnisse überzeugte er beim Einstellungstest: "Den Fehler in einem Schaltschrank hatte ich auch so ruck-zuck gefunden. "

Weitere Stationen folgten, etwa bei Grundig France. Der Radio- und TV-Hersteller versetzte Mraz 1980 ins triste Grenzgebiet zum Saarland. "Nichts wie weg!", waren sich die Eheleute einig. 1982 bot sich die Gelegenheit mit dem Einstieg in den landwirtschaftlichen Betrieb der Schwiegereltern in Condom. Der gelernte Elektromechaniker sagte Ja, absolvierte eine Ausbildung zum Diplom-Landwirt, Fachrichtung Weinbau und Kelterkunde. Acht Jahre später zog sich Danielles Vater zurück, Marz übernahm das Gut, das neben Weizen- und Sonnenblumenfelder einen 13 Hektar großen Weinberg umfasste. Als Kind, erzählt er nun, habe er beim Heumachen geholfen und da schon Spaß an der Landwirtschaft gehabt.

Im Hochsommer gibt's immer noch Bier

Wie alle Oberhessen eher dem Bier zugetan, hatte er damals, inzwischen 15 Jahre in Frankreich, längst Geschmack am edlen Rebensaft gefunden. Bei ihm Zuhause kommen meist die Erzeugnisse der Winzergenossenschaft Condom auf den Tisch. Ausnahmen aber bestätigen auch hier die Regel: "Im Sommer, wenn es bei uns schon mal 45 Grad hat, greife ich schon mal zu einem kühlen Blonden."

Und dann sogar mit dem Geschmack der alten Heimat, auf den längst nicht nur Mraz steht. Über die Winzergenossenschaft verkauft Lago jedes Jahr 40 Kisten und 20 Fässchen "Licher" . Ein Gegengeschäft. Weine der Genossen, etwa den "Colombard", bietet er bei Besuchen in Grünberg feil. Stilgerecht mit Baskenmütze, steht er auch diesmal in der Vorweihnachtszeit im Edeka.

Den (bisher) früheren Renteneintritt im Nachbarland nutzend, ist Mraz seit vier Jahren bereits Rentner. Die Weinberge hat er verpachtet, er genießt den Ruhestand, hat seine Freude an der Familie, zu der auch drei Enkelsöhne gehören. "Dani und ich machen es uns gemütlich", sagt der 64-Jährige. Seit rund 30 Jahren besitzt er die französische Staaatsbürgerschaft, fühlt sich aber noch als halber Deutscher. So sehen es auch die Menschen in seiner neuen Heimat: "Regardez, voici l’allemand!", begrüßen sie ihn manchmal im Café. Oder "Regardez, voici Lago!". Letzteres sei für Franzosen leichter auszusprechen als Burkhard. Ziemlich regelmäßig besucht er Freunde und Verwandte in Grünberg. Nach wenigen Tagen aber zieht es ihn wieder zurück in die Gascogne. Vor allem wegen der Familie. Doch nicht nur: "Du fährst nur fünf Kilometer und schon siehst du die Hügel der Pyrenäen Ein schönes Land ist das."

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