Grünberg: Weitere Förderung des Bundes für Streetworker?

Grünberg (tb). Nach drei Jahren ist Schluss: Im Dezember läuft das vom Bund geförderte Projekt der Aufsuchenden Jugendarbeit in Grünberg aus. Auf dass der beim Internationalen Bund angestellte Dipl.-Pädagoge Jürgen Otto seine Arbeit fortsetzen kann, bedarf es der Bewilligung. eines neuen Projektes durch Berlin.

Dem Sozial- und Kulturausschuss stellte Grünbergs erster Streetworker am Dienstag seine Ideen vor. Titel des neuen Projektes: "Musik macht Kultur – durch Musik und Kultur zur Anerkennung". Über die Bewilligung der 50 000 Euro Bundesförderung entscheidet das Land. Dass daher "Lobbyarbeit" in Wiesbaden "sehr wichtig ist", das gab Bürgermeister Ide v. a. den Ausschussmitgliedern mit "Parteianschluss" mit auf den Weg.

Wie Otto vor dem Ausschuss erläuterte, würden die Jugendlichen eigene Musik produzieren. Die Voraussetzung dafür ist gegeben: Im Juz in der Londorfer Straße ist in den letzten Jahren – auch mit privatem Equipment Ottos – ein Studio entstanden, in dem die Teenager bereits mit Erfolg eigene Stücke aufgenommen haben, etwa während eines Rap-Workshops. Klar, dass wiederum Jugendthemen im Fokus stünden. Und nicht minder, so Dipl.-Pädagoge Otto, die "Auseinandersetzung mit der eigenen Migrationsgeschichte". Ist doch die Ausgangslage bzw. die Zielgruppe die gleiche wie 2011, als der heute 47-Jährige nach Lich in Grünberg seine "Aufsuchende Jugendarbeit" aufnahm.

Zur Zielgruppe zählt demnach die in Grünberg relativ große Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund, meist Kinder von Spätaussiedlern, aber auch Einheimische. Die Ist-Situation sei, so formuliert es Otto, nach wie vor durch "überdurchschnittlich viele Familien mit multiplen Problemlagen" sowie "durchschnittlich schlechtere Bildungsabschlüsse" geprägt. Davon nicht zu trennen sei ein "hohes Frustrationspotenzial", was zu erhöhter Gewaltbereitschaft und erhöhtem Drogenkonsum führen könne.

Teil der Konzeption für das neue Projekt sind im Weiteren "interkulturelle Seminare". Dabei sollen Fragen behandelt werden wie: "Was ist meine Kultur? Warum verstehe ich andere Kulturen nicht?" Einbinden will Otto hier alle am hiesigen Integrationsnetzwerk "aktiv Beteiligten", sofern sie denn einen Bezug zur Altersgruppe haben. Also Erzieher, Lehrer, die Polizei und andere, die einen Beitrag zur Integration leisten könnten.

Weiter Otto grundsätzlich: "Im Rahmen des Projektes soll die Förderung der Willkommens- und Anerkennungskultur nicht nur durch die Einbindung der jungen Migranten erfolgen, sondern auch durch die interkulturelle Öffnung/Schulung möglichst vieler Akteure im Bereich der Integrationsarbeit."

Hauptadressaten des neuen Projektes aber wären natürlich die Jugendlichen selbst: In gemeinsamen Musikproduktionen von Migranten und Einheimischen sieht Otto auch die Chance, Vorurteile abzubauen und das Voneinander-Lernen zu fördern. Erfahrungen aus den Rap-Workshops der letzten zwei Jahren zeigten, dass Musik ein sehr geeignetes Feld sei, Lernverhalten einzuüben – und ebenso ein Ventil, um "Frust abzulassen."

"Geht nur über Aufbau von Vertrauen"

Seine Hoffnung geht auch dahin, dass so das Bild der Migranten in der Öffentlichkeit verbessert werden kann, dass die an den Musikproduktionen teilnehmenden Teenager – geplant sind mehrere Gruppen – zum Vorbild für andere werden. Unabhängig von der Bewilligung des "Neustarts" mit dem Musikprojekt, die aufsuchende Jugendarbeit wäre damit nicht passé, auch fürderhin würde Jürgen Otto Jugendliche an ihren Treffpunkten abseits des Juz ansprechen.

Thema am Dienstag war auch Bilanz des bisherigen Wirkens Ottos, mit dem seit rund zwei Jahren in Grünberg die offene um eine aufsuchende Jugendarbeit ergänzt wird. Dies als weiterer Beitrag, Teenagern aus schwierigen sozialen Verhältnissen den Weg in die Gesellschaft zu ebnen.

Seither ist Jürgen Otto als "Streetworker" zwischen Brunnental, Rondell und Diebsturm unterwegs, um sich der Jugendlichen anzunehmen, ihnen durch Gespräche und Unterstützungsangebote zu helfen, trotz aller Hindernisse im sozialen Umfeld ihren Weg auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt zu machen. Vor dem Ausschuss machte er eines vor allem deutlich: "Aufsuchende Jugendarbeit ist keine ordnungspolitische Maßnahme. Es geht nur über den Aufbau von Vertrauen – was nicht immer funktioniert, aber immer wieder." Wie er sagte, sei es durchaus gelungen, viele Jugendliche von der Straße zu holen, heißt dazu zu bewegen, ins Juz zu kommen. Ein harter Kern komme regelmäßig und – besonders positiv – engagiere sich stark, etwa beim Festival "Bring Anna mit".

Dass Verstöße gegen die Regeln im Jugendzentrum (Jugendschutzgesetz, Drogen) nicht toleriert würden, stellte er aber auch klar.

"Nicht jeder, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, kommt aus einer kaputten Familie. So einfach ist die Welt nicht", hatte der Sozialarbeiter in einem GAZ-Portrait zur Halbzeitbilanz klargemacht. Dennoch und wie oben erwähnt: Viele seiner Grünberger "Klienten", das Verhältnis beziffert Otto mit 15:10, stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Daher als Integrationsprojekt anerkannt, erhielt "Grünberg" seit 2011 für drei Jahre eine Förderung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Höhe von 50 000 Euro.

Darauf hofft Otto auch jetzt. Voraussetzung für eine erneute Bundesförderung wären auch jetzt wieder die Komplementärmittel der Stadt in Höhe von 10 000 Euro. Zu erwarten steht, dass Grünbergs Kommunalpolitiker dieses Geld wiederum bereitstellen werden. Die bisherige Arbeit Ottos fand zumindest im Sozialausschuss ungeteiltes Lob.

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