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Seit 1222 mit Stadtrechten ausgestattet und Wohnort für über 6000 Menschen: Grünberg. In der Bildmitte das Wahrzeichen, der Diebsturm, angeschnitten unten links das Baumgartenfeld, oben rechts der Ziegelberg.

Von oben

Grünberg von oben: Fachwerk, wertvoller Whiskey und herbe Verluste

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Grünberg, auf das wir heute blicken, ist herausragend. Wenigstens im Wortsinn, liegt doch die Altstadt auf einem Hochplateau. In Zeiten, als Krieg noch Handwerk war, ein strategischer Vorteil. Dachte sich auch Thüringens Landgraf und baute 1186 dortselbst eine Burg - als Schutz vor den Mainzer Bischöfen. Nicht der einzige Irrtum in der Geschichte Grünbergs.

Nur neun Jahre nach Erbauung der Grünberger Burg, 1195, wurde sie bereits von dem Mainzern zerstört. Doch war sie rasch wieder aufgebaut und eine größere, umgebende Siedlung gleich mitgeplant. Die Lage am Handelsweg Frankfurt-Leipzig vor allem sorgte für Wohlstand. Schon um 1300 platzte die Stadt aus allen Nähten, entstand im Süden die "Neustadt".

Knapp 650 Jahre später betritt dort "Oma Dern" den Laden von Karl Schmierer und verlangt "zwä Pond Botter". Die Frau hinterm Tresen: "Das heißt jetzt Kilo!" Darauf Oma Dern: "Sät mer naut mie Botter?!"

Für die Anekdote verbürgt sich einer, der seine Grimmicher kennt. Dr. Werner Faust (73), 1983 bis 2004 Bürstmeister beim Gallusmarkt. Mit der "Bürsterei" werden Zugezogene in den Kreis der originären Grünberger aufgenommen. Soll man noch mehr sagen? Nein, der Gallusmarkt, anno 1481 von Kaiser Friedrich III. (da noch zweifüßig unterwegs) gestiftet, kennt ein jeder. Selbst der Bundespräsident Steinmeier: Als Student in Gießen hat er hier gefeiert.

Bekannt ist dieser Ort auch für seine Klöster. Das älteste war jenes der Antoniter aus dem 12. Jahrhundert, wo sich heute das "Schloss" befindet. Unweit davon das der Franziskaner, dessen Speisesaal heute Kulturstätte ist. Dann noch jenes der Augustinerinnen, wo sich seit 2007 das ausgezeichnete Museum mit seiner Dauerausstellung zum Amazonas-Forscher Theo Koch (1872-1924) befindet. 1526 endete dieses Kapitel, ward Grünberg lutherisch. Und bald auch Universitätsstadt - wegen der Pest lagerte erst Marburg, später auch Gießen ihre Alma Mater für einige Jahre aus.

Grünberg steht auch für eine technische Pionierleistung: Schon 1419 wurde Trinkwasser vom Brunnental 60 Meter den Berg hinauf gepumpt. Im heutigen Naherholungsgebiet war dereinst freilich selten Zeit zum Müßiggang. Auch nicht in der 1936 abgerissenen "Holzmühle". Aus der entstammt Georg A. Dickel. 1840 wanderte er aus, wurde Kaufmann in Nashville, um 30 Jahre später vom Pferd zu stürzen und an den Folgen zu sterben. Sein Schwager, Besitzer einer Destille, benannte einen Whisky nach ihm. "Den gibt’s bis heute", erzählt Faust. Nur ab und an gönnt er sich ein Glas. Eine Flasche "George Dickel" kostet um die 50 Euro.

Wie der Zahnarzt i.R. anfügt, gab es im Brunnental in noch älterer Zeit Gerberei-Werkstätten. Die nutzten Holzasche, denn dank der alkalischen Reaktion lösten sich die Haare von den Tierhäuten. "Da kommt der Name Äschersbach her", vermutet Faust. Sicher aber dürfte sein, dass das Tal wegen des Gestanks damals kaum Erholung bot.

Fünf Liter Bier - jeden Tag

Um doch noch einmal auf den "Gallmärt" sprechen zu kommen: Verabreicht wird an diesen Tagen "Schusterpech", ein Kräuterschnaps. Der Name erinnert an die größte Zunft der Stadt: "Um 1860/70 hatte es nicht weniger als 120 Schuhmacher", weiß Faust. Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich dann die ersten von vier Webereien an. Auch dank des Eisenbahnanschlusses 1869 ging es, nach der Auswandererwelle, wirtschaftlich wieder bergauf mit Grünberg.

Aus der jüngeren Geschichte muss der 13. März 1945 erwähnt werden: Bombenangriffe zerstörten damals das Bahnhofsviertel, 150 Menschen starben - auch die Großmutter von Werner Faust.

Seither herrscht wieder Frieden im Land. Anlass zu verbalen Scharmützeln aber gabs’s zuhauf. Etwa bei der Gebietsreform. Oder bei der Altstadtsanierung Ende der 60er: Erste Pläne sahen den Abriss der halben Rabegasse vor. Ein Irrtum, der zum Glück korrigiert wurde. Im Ergebnis stellt sich Grünberg heute als Fachwerkjuwel dar, als begehrter Wohn- und Einkaufsort.

Ein herber Verlust jedoch ist zu beklagen: "Früher war am Marktplatz jedes zweite Haus eine Gastwirtschaft", erzählt Faust. Darunter die "Sonne" (heute Metz). "Um 1860 lud der Laubacher Graf den Wirt, genannt Born-Jöckel Louis, ein, sein Bier zu probieren. Jöckels Urteil: ›Wenn mer vier, fünf getrunke hast, und einer haut einem noch en Humpe uff de Kopp, dann durmelt mer." Das gräfliche Gebräu muss also eine leichte Plörre gewesen sein. Anders soll das bei den Produkten der zwei Grünberger Brauereien gewesen sein, die vor 150 Jahren jedem Bürger im Schnitt vier bis fünf Liter Bier lieferten - täglich. Aus alten Unterlagen gehe auch hervor, dass die Brauhäuser jeden Tag frisches Wasser erhielten - das Badehaus am Winterplatz nur alle 14 Tage. "Gut", sagt Faust. "Man muss halt Prioritäten setzen."

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