Vergessener Ort

Grube »Otto«: Verborgenes Relikt des Erzbergbaus

Wie vielerorts in Oberhessen, so wurde einst auch in der Grube »Otto« in Lehnheim Erz gefördert. Sie ist eine der wenigen Abbaustätten, die bis heute vollständig offen sind. Von den Zeitläufen unberührt geblieben, unzugänglich im Wald gelegen, birgt die Grube bis heute ihre Geheimnisse.

Erst in den 1960er-Jahren endete ein für die Region bedeutsames Kapitel der Wirtschafts- und Sozialgeschichte: der Abbau von Eisenerz. Gerade zu Beginn der industriellen Erschließung der Vorkommen im 19. Jahrhundert hatte er der verarmten Landbevölkerung ein etwas besseres Auskommen beschert. Allein die in Essen gegründete Gewerkschaft »Louise« betrieb im westlichen Vogelsberg rund 25 Gruben, wo meist im Tagebau Brauneisenstein gefördert wurde.

Eine davon fand sich in Lehnheim: die Grube »Otto«. Doch anders als viele Relikte des regionalen Bergbaus - zu erwähnen sind hier vor allem die Freizeit- und Wochenendgebiete - ist sie zum vergessenen Ort geworden. Kein Wunder: Haushohe Fichten, dichtes Unterholz, acht Meter hohe Steilwände schotten die einstige Abbaustätte von der Außenwelt ab.

Großvater in der Schürfkommission

»Mein Großvater gehörte zur Schürfkommission«, erzählt Karl-Heinz Wilhelm. Lehnheims ehemaliger Ortsvorsteher, Jahrgang 1938, kann sich noch gut an dieses Kapitel Dorfgeschichte erinnern. In 1940ern hatte sich besagte Kommission der »Verdachtsfläche«, einen Kilometer südlich von Atzenhain gelegen, angenommen. Oberflächennahe geologische Untersuchungen wurden in Auftrag gegeben, Erkundungsschächte angelegt.

Die Hoffnung, eine Lagerstätte mit ausreichend hohem Eisengehalt zu finden, erfüllte sich. Und so fanden bis zu 30 Arbeiter in der Grube »Otto« Lohn und Brot. Im Gedächtnis haften geblieben ist Wilhelm auch der Unfall, als ein Mann vom Bagger an die Grubenwand gedrückt und tödlich verletzt wurde.

Als die Grube ausgeerzt war, füllte sie sich mit Grundwasser. Nicht minder die Stollen, die zur Erkundung der Lagerstätte, in Frostzeiten auch zum Abbau in den Hang getrieben wurden. Einer der Gänge, erzählt der 82-Jährige, berge bis heute ein stählernes Relikt: »Eine Diesellok hat man dort einfach drin stehen lassen.«

Eingehend mit dem Erzbergbau in seinem Dorf befasst hat sich Reiner Diemel, nachzulesen in Band 2 der »Lehnheimer Hefte«. Wie er seiner Abhandlung vorweg schickt, wurde auch hier weit vor der Industrialisierung nach Erz geschürft. Flurnamen wie »Eisenbühl« zeugten davon. Bedeutung aber habe der Bergbau erst mit der Grube »Otto« erlangt.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1870, als ein Friedrich Schmidt bei der großherzoglichen Bergbehörde einen »Mutschein« (Erlaubnis zum Bergbau) beantragte und wenig später tatsächlich Eisenerz gefunden wurde.

Offenbar jedoch keine so vielversprechende Fundstätte wie in Nachbarorten, denn erst 1944 begann die planmäßige Erschließung, ließ die Gewerkschaft »Louise« 69 Erkundungsschächte ausheben. Ergebnis: Immerhin 228 000 Tonnen abbauwürdigen Gesteins wurden wenige Meter unter der Erde erwartet.

Lok bis heute im Stollen

1949 bis 1952 begannen die Vorarbeiten, wurde für die Grube und die Transportseilbahn zur Erzwäsche Mücke der Wald gerodet. Einige Festmeter kamen zusammen. Aus dem Erlös, so Diemels Recherchen, bezahlte die Gemeinde Teile der Ortskanalisation.

Der eigentliche Abbau nahm 1954 Fahrt auf. Ein Bagger trug zunächst die bis zu fünf Meter hohe Abdeckung des Erzstoßes ab. Ein Gleis ward angelegt, der Abraum in Muldenkipper verbracht und von einer Diesellok zur Halde gefahren. Die Lagerstätte hatte eine Mächtigkeit von acht bis zehn Metern und erstreckte sich über 50 Meter. Den Abbau besorgte der Fahrer eines Hochlöffelbaggers- stets begleitet von einem zweiten Kollegen, der laufend mit dem Abschmieren der Bolzen und Buchsen beschäftigt war.

Der Baggerlöffel reichte nur acht Meter hoch, so dass zuweilen ein Kantholz »angebaut« wurde, um den Rand des Geländeeinschnitts zu erreichen, Unfälle durch abstürzendes Gestein zu vermeiden.

Dieselloks beförderten nun das Roherz in Zügen mit je elf Wagen zur Seilbahn. Von dort gelangte es zur Verarbeitung in die Wäsche in Mücke. Endpunkt war der nahe Bahnhof.

Per Seilbahn zur Erzwäsche nach Mücke

Erst 1968 verließen dort die letzten Güterzüge mit dem Erz der umliegenden Gruben die Station, Ziel waren die Hütten an Lahn, Dill und Ruhr. Oft brauchte es zwei Dampfloks, um die Steigung am Lehnheimer Wald zu überwinden.

Dort freilich, in der Grube »Otto«, ruhte schon seit dem 30. August 1957 die Arbeit. Das Vorkommen erwies sich letztlich als zu gering, auch war das Erz, da von tonartigem Zersatz umgeben, schlecht waschbar. Zunächst geplant, kam es doch nicht zur Einschlämmung und Aufforstung. Und so fristet die Grube »Otto« bis heute ihr Dasein - abgeschottet und fast vergessen von der Außenwelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare