Neben der "Wurzelbürgerbürsterei" fester Bestandteil des Gallusmarkt-Frühschoppens: Der Bürstmeister nimmt die Verwaltung auf die Schippe. Im Vorjahr ernannte Gerd Lippert (l.) Bürgermeister Frank Ide zu Grünbergs erstem "Klimabotschafter" - samt Froschmütze als Zeichen der Würdigung. ARCHIVFOTO: OV
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Neben der "Wurzelbürgerbürsterei" fester Bestandteil des Gallusmarkt-Frühschoppens: Der Bürstmeister nimmt die Verwaltung auf die Schippe. Im Vorjahr ernannte Gerd Lippert (l.) Bürgermeister Frank Ide zu Grünbergs erstem "Klimabotschafter" - samt Froschmütze als Zeichen der Würdigung. ARCHIVFOTO: OV

"Gebürstet wird nach alter Sitte ..."

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Grünberg(pm/tb). "Stell dir vor, es ist Gallusmarkt-Frühschoppen und keiner geht hin! Gibt’s nicht? Gibt’s doch", heißt es eingangs einer Pressemitteilung, mit der die Stadt Grünberg an diese Tradition erinnern möchte.

Vorweg: Es dies nicht das erste Mal, dass der "Gallmärt" und damit auch der Frühschoppen ausfällt. Zuletzt war der Zweite Weltkrieg die Ursache. Davor war es das Poliovirus: 1932 grassierte die Epidemie in ganz Deutschland, gab es allein 3700 registrierte Fälle von Kinderlähmung. Das Risiko einer Ausbreitung, auch hier u.a. per Tröpfcheninfektion möglich, erschien den Grünbergern zu groß. So wie in diesem, von der Corona-Pandemie geprägten Jahr.

Eigentlich würden die Grünberger heute ihren Gallmärts-Frühschoppen feiern. Auch wer ihn noch nie besucht hat, weiß zumindest eins: "Da wird ›gebürstet‹." Aber was bedeutet das? Antworten von Bürstmeister Gerd Lippert:

Den Frühschoppen als Bestandteil des Gallusmarktes gibt es seit über 100 Jahren. 1926 wurde er erstmals "urkundlich" erwähnt, da in seinem Rahmen ein Konzert stattfand. 1930 ist dann von "Wurzelbürgern" die Rede. Männer, die sich ihrer Heimatstadt sehr verbunden fühlten. Sozusagen Vorläufer der Gallusmarktkommission, die bis heute den Markt mit Unterstützung der Stadt organisiert.

Seit fast 70 Jahren wiederum ist die "Original Grimmicher Wurzelbürgerbürsterei" Bestandteil des Frühschoppens - und ein überregionales Alleinstellungsmerkmal. Anfang der 50er hatten sich die Kommissionäre überlegt, wie man Zugereiste, offiziell und nach außen sichtbar, in die Mitte der Grimmicher aufnehmen könnte. So entstand die Idee der "Wurzelbürgerbürsterei". Nur drei Bedingungen hat(te) ein Bürstkandidat zu erfüllen: Er muss zugezogen sein, sich ehrenamtlich engagieren und er, sie oder es sollte "unner die Leu gieh", sich also in der Stadt sehen lassen.

Um die Auswahl der Kandidaten kümmert sich der zehnköpfige Bürstausschuss der Gallusmarktkommission. Diesem steht der Bürstmeister vor, der fürs offizielle Frühschoppenprogramm verantwortlich zeichnet. Jährlich trifft sich der Ausschuss in geselliger Runde und berät über geeignete Kandidaten. Dabei ist man dankbar für Hinweise aus Vereinen, Institutionen und der Bevölkerung. Da der Gallusmarkt eine unpolitische Veranstaltung ist, spielt das Engagement in Parteien bei der Auswahl keine Rolle.

Bürstmeister - kein gewöhnlicher Job

"Die Bürstmeister (m/w/d) werden von der Gallusmarktkommission berufen, das ist kein Job, für den man sich bewerben kann", heißt es im Weiteren. Bis heute haben fünf Männer das Amt übernommen: Lui Bausch (1951-1955), Heinrich Schmidt jr. (1956-1962, 1964), Erhard Zimmer (1965-1971 und 1973-1983), Dr. Werner Faust (1983-2004) und Gerd Lippert (seit 2005). 1963 hatte Karl Schmierer, 1972 Günther Siek die Vertretung übernommen.

Den Bürstmeistern wird die Ehre zuteil, die Kandidaten drei Prüfungen zu unterziehen. Neben der "Identifizierung" ("Bist doa doas? - Joa, doas seyn aich sealbst") gilt es einen Mundartwitz zu verstehen. Dann die schwierigste Aufgabe: Der Kandidat muss einen hochdeutschen Satz in Grünberger Platt übersetzen. Hat er bestanden, wird er mit drei Bürstenstrichen über den Rücken in den Stand der "originären Grimmicher" berufen.

Zuvor aber berichtet der Bürstmeister gerne und spitzfindig über die ein oder andere Begebenheit aus Stadt und Land. Nicht selten werden dabei Politik und Verwaltung auf die Schippe genommen.

Die Bürsterei, im Anschluss wird stets das "Gallusmarktlied" gesungen, gibt es bereits seit 1951. Nächstes Jahr, so bleibt zu hoffen, stehen bereits die Kandidaten Nr. 288 bis 291 auf der Bühne. Für Fragen oder Anekdoten hat Bürstmeister Lippert immer ein offenes Ohr: Tel. 01 51/57 95 20 52 oder g.lippert@t-online.de.

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Der Grünberger Musiker Martin Philippi hat, als Trost für den ausgefallenen Markt, mehrere Arrangements des "Gallusmarktliedes" verfasst. Darunter eine "Helene-Fischer-Version". Guckst und hörst du im Netz: https://gallusmarkt- gruenberg.de.

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