Blick in Grünbergs Rabegasse: Die Insolvenz des traditionsreichen Modehauses Steinmetz-/Pepperone hat eine schmerzhafte Lücke gerissen. FOTO: TB
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Blick in Grünbergs Rabegasse: Die Insolvenz des traditionsreichen Modehauses Steinmetz-/Pepperone hat eine schmerzhafte Lücke gerissen. FOTO: TB

Digitalisierung als Chance sehen

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Grünberg(tb). Das Leiden des stationären Einzelhandels begann nicht erst im Frühjahr. Die Corona-Krise, darin sind sich die Experten einig, hat es allenfalls verstärkt. Denn Onlinehandel und überteuerte Mieten haben zuvor bereits viele Geschäfte an den Rand des Ruins getrieben, das Virus gab da nur den Ausschlag. Zu beobachten ist dies aktuell auf Deutschlands größter Einkaufsmeile, der Frankfurter "Zeil", wo Ketten wie Esprit und Zara dichtmachen.

Vorteil: Abseits der Oberzentren

Gut, Grünberg ist nicht Frankfurt, die Herausforderungen aber ähneln sich. Wie sollte die Kommunalpolitik darauf reagieren? Wie stehen die Chancen für die Geschäfte in der Altstadt, wo es - zwar weniger als andernorts, aber eben doch - Leerstände gibt, erst in jüngerer Zeit zwei Modegeschäfte und ein Blumenladen dichtgemacht haben und durch Büros ersetzt werden?

Nur zwei von vielen Fragen, die sich der Werbegemeinschaft, aber auch den Stadtvätern stellen. Um Antworten zu erhalten, hat die Kommune bei der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung mbH (GMA) ein Einzelhandelskonzept in Auftrag gegeben. Monika Kollmar stellte es soeben den Stadtverordneten vor.

Vorweg: Abseits der Oberzentren Gießen, Wetzlar und Marburg gelegen, sieht die Autorin des Konzepts die Kommune mit ihren traditionellen Versorgungsfunktionen fürs Umland noch relativ gut aufgestellt. Der Corona-Krise kann die Dipl.-Geografin sogar Gutes abgewinnen - doch nur für jene Einzelhändler, die beim viralen Digitalisierungsschub mitmachen und neue Umsatzquellen generieren.

In der ganzen Großgemeinde, so ein Ergebnis der Bestandsaufnahme Mitte des Vorjahres, waren rund 90 Einzelhandelsbetriebe - fast ein Viertel in der Altstadt ansässig - mit einer Verkaufsfläche von 26 000 Quadratmetern am Start. Erzielter Umsatz: rund 68 Millionen Euro. Neben Lebensmittelmärkten - nicht nur an der Peripherie, wie Kollmar Grünbergs Politiker lobte - gebe es noch zahlreiche inhabergeführte Geschäfte, die ein breit gefächertes Sortiment an Textilien, Schuhen, Optik oder auch Pflanzen böten, gebe es auch noch ein gutes gastronomisches Angebot. Dazu Filialen von Lebensmittel- und Textildiscountern, einen Baumarkt sowie vom nächsten Jahr an einen Drogeriemarkt. "All das macht Grünberg auch als Wohnstandort attraktiv." Klar, es gebe Angebotslücken, doch die Ansiedlung von Märkten für Elektronik/Media, Spielwaren oder Möbel sei für Kleinstädte schon lange illusorisch, dass die Stadt einmal 100 Prozent ihrer Kaufkraft vor Ort werde binden können, ausgeschlossen. Dennoch lautet ein Rat der Marktforscher: "Im Umfeld noch etwas stärker für Grünberg werben." Zumal die Altstadt allein mit ihren kleinteiligen Strukturen und Fachwerkkleinoden ein Magnet sei.

Nach Kollmar auch in dem Mittelzentrum im Ostkreis ein Problem: die Nachfolgeregelung für inhabergeführte Läden. Hier sollte die Kommune Unterstützung organisieren. Wie die GMA-Mitarbeiterin grundsätzlich ebenso die Erstellung eines städtebaulichen Entwicklungskonzept als folgenden Schritt anregte; denn somit bekomme die Politik ein Steuerungsinstrument an die Hand, könne etwa für bestimmte Sortimente die Standorte festlegen.

Geringere Online-Affinität

Nicht überraschend schließlich die Erkenntnis, dass ohne schnelles Internet oben skizzierte "unerwünschte Entwicklungen" nicht zu lindern wären, der Handel vor Ort also nicht im weltweiten Netz zu fischen vermöge. Apropos: Kollmar zufolge ist die "Online-Affinität" auf dem Land noch weniger stark als in Großstädten ausgeprägt. Für sie ein weiteres Argument für weiterhin gute Chancen Grünbergs als Einkaufsstadt und die Erwartung einer stabilen Nachfrage.

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