Der Kinderschutzbund berichtet, dass sich seit Beginn der Corona-Krise ein Viertel mehr Kinder und Eltern an Sorgentelefone wendet.
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Der Kinderschutzbund berichtet, dass sich seit Beginn der Corona-Krise ein Viertel mehr Kinder und Eltern an Sorgentelefone wendet.

Interview mit Therapeutin Jutta Becker

"Große Lust auf Alltag": Wie sich Corona auf die Psyche von Kindern auswirkt

  • vonStefan Schaal
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Seit acht Wochen sind Kitas und Grundschulen geschlossen. Kinder vermissen ihre Freunde und sehen nur noch ihre Familien. Wie wirkt sich die Pandemie auf ihre Psyche aus? Ein Interview mit Jutta Becker vom Verein für psychosoziale Therapie aus Laubach.

Die Corona-Pandemie löst Ängste und Sorgen aus. Können Sie beschreiben, welche Ängste derzeit Kinder umtreiben?

Über die Corona-Pandemie läuft extrem viel in den Medien. Plötzlich dürfen Kinder Oma und Opa nicht mehr sehen und der Alltag ist stark verändert. Kinder reagieren sehr sensibel. Wenn sie eine Situation nicht verstehen oder wenn zum Beispiel der Großvater erkrankt, dann reagieren manche mit großer, übertriebener Sorge - hin und wieder sogar mit dem Gedanken, in irgendeiner Weise verantwortlich zu sein. Ab einem gewissen Alter haben Kinder auch Angst, sich selbst anzustecken oder davor, dass Verwandte erkranken oder sogar sterben.

Wie nehmen Eltern ihrem Kind derartige Sorgen?

Kinder erzählen gerne im Spiel. Eltern sollten mit ihren Kindern spielen, reden, Ängste ansprechen und natürlich auch vermitteln, dass sie nicht verantwortlich sind. Sehr hilfreich ist es, Kindern konkrete Handlungen, das heißt Vorkehrungen anzubieten, wie man sich schützen kann. So lernen Kinder, mit dieser abstrakten Angst umzugehen. Es ist erstaunlich, wie drei Jahre alte Kinder die Situation verstehen und mir im Gespräch erzählen: "Wir müssen zum Schutz vor Corona jetzt ganz

oft die Hände waschen."

Wobei das Schwierigste für Kinder vermutlich nicht ist, die Pandemie zu verstehen oder sich Regeln wie das verstärkte Händewaschen anzueignen, sondern die Isolation.

Ja, wir sind eben alle soziale Wesen. Es ist einfacher, wenn Kinder Geschwister haben und wenn sie im häuslichen Umfeld nicht allein sind. Aber ich stelle in vielen Fällen auch fest, wie kreativ Familien mit der Situation umgehen.

Nennen Sie Beispiele.

Kinder schreiben kleine Briefe, malen Bilder und werfen diese dann bei ihren Freunden in den Briefkasten. Ich kenne Großeltern, die Kasperle-Videos für ihre Enkel erstellen. Kinder sehen ihre Freunde aus der Kita im Videochat. Das ist nicht dasselbe wie ein persönliches Treffen, aber es sind soziale Kontakte. Gleichzeitig erleben Kinder neue Formen von Begegnung und Solidarität. Wenn Nachbarn füreinander Einkäufe erledigen. Beim Spazieren grüßt die Familie Menschen, die man noch nie gegrüßt hat und kurze Gespräche ergeben sich. Das sind für Kinder prägende Erlebnisse.

In vielen Familien dürfte es funktionieren, Ängste mit Kindern anzusprechen. In der Krise sind aber manche Eltern auch überfordert.

Für solche Fälle gibt es die Beratungsstellen und Jugendämter, Krisentelefone sind durchgängig erreichbar. Wir haben ja nicht aufgehört zu arbeiten. In den ersten Wochen des weitgehenden Kontaktverbots haben wir die Familien, die wir betreuen, telefonisch oder per Video beraten. Inzwischen beginnen wir auch wieder mit persönlicher Beratung - mit Maske und mit Abstand.

Wie ist die Situation für Kinder aus sozial benachteiligten Familien?

Sicherlich schwieriger. Ein Beispiel ist das Homeschooling. Es gibt Familien, die sich keinen Computer leisten können, der vom Bund beschlossene Zuschuss von 150 Euro reicht dafür nicht aus. Hier haben Kinder aus benachteiligten Familien nicht die gleichen Chancen und Möglichkeiten, die andere haben.

Ist die Situation für Kinder auf dem Land anders als in der Stadt?

Die nachbarschaftliche Gemeinschaft ist im ländlichen Raum stärker. Und für Familien ist es unproblematisch, draußen auf Feldern oder im Wald Erholung zu finden. Das kommt sowieso in vielen Familien häufig zu kurz. Bewegung ist unglaublich wichtig. Kindern fehlt die Bewegung in der Schule, mit Freunden und auch in Sportvereinen. Wenn es sich zeitlich einrichten lässt, dann könnten Eltern mit ihren Kinder mittags auch mal eine kleine Radtour unternehmen.

Wovon also hängt es maßgeblich ab, wie Kinder die für Familien durchaus anstrengende Zeit erleben?

Unsere Erfahrung zeigt, dass die Bewältigungsstrategien der Kinder wesentlich davon abhängen, wie Eltern mit der Situation umgehen. Wenn Eltern optimistisch sind, können auch Kinder optimistischer mit der Situation umgehen.

Der Kinderschutzbund berichtet, dass sich seit Beginn der Corona-Krise ein Viertel mehr Kinder und Eltern an Beratungsstellen wendet. Beobachten Sie auch diese Entwicklung?

Wir sehen zwei Entwicklungen. In Familien, in denen vor der Krise bereits Konflikte, Suchtprobleme, psychische Krankheiten oder häusliche Gewalt geherrscht haben, verschärfen sich die Probleme in der Isolation. Aber ich beobachte unter meinen Klienten auch viele Kinder, die sehr gut mit der Situation umgehen. Manche empfinden die Zeit als Entschleunigung.

Ist für Kinder aktuell die Gefahr gestiegen, Opfer von Gewalt zu werden?

Zumindest steigt die Gefahr, dass Gewalt in der Familie nicht so schnell aufgedeckt wird. Lehrer und Erzieher haben derzeit wenig Einblick in die Situation der Kinder. Nachbarn sind gefragt, Kontakt aufzubauen, sozial aufmerksam zu sein und auch Stress und Geschrei wahrzunehmen. Sollte man sich unsicher sein, wie Beobachtungen einzuschätzen sind, kann man sich an Beratungsstellen und das Jugendamt wenden.

Die Akademie für Kinder- und Jugendmedizin warnt vor "langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit" von Kindern durch die Einschränkungen wegen Corona. Teilen Sie die Befürchtung?

Das lässt sich pauschal nicht so beantworten. Es gibt Kinder, die unfassbar flexibel sind und sich an umwälzende Situationen gut und relativ leicht anpassen. Sie arrangieren sich erstaunlich schnell, auch in anderen schwierigen Phasen, wie wenn sich die Eltern trennen oder wenn die Familie in eine andere Stadt umzieht. Dies ist nicht bei jedem Kind der Fall, andere leiden sicherlich mehr unter der momentanen Situation. Inwiefern dies langfristige Auswirkungen hat, müssen wir beobachten und dementsprechend reagieren. Ich glaube aber nicht an eine Kausalität, dass acht Wochen Corona-Krise Kinder nachhaltig belasten.

Wir reden bisher vor allem über kleinere Kinder. Wie gehen Pubertierende mit der Corona-Krise um?

Aus meiner Beobachtung unproblematischer, auch etwas rebellischer. Pubertierende treffen sich mit Sicherheit heimlich mal mit Freunden. Und über Videochats kommunizieren sie sehr selbstverständlich. Bisher haben wir die Beobachtung, dass diese Altersgruppe mit der Corona-Krise und der Isolation scheinbar weniger Probleme hat.

Beobachten Sie in Familien die Rückkehr zu alten Geschlechterverhältnissen?

In Teilen ja, das muss ich bestätigen. Wenn es um die Suche nach Kinderbetreuung geht, beobachte ich, dass das Homeoffice des Mannes manchmal anscheinend hochrangiger angesehen wird als das der Frau. Aber gleichzeitig bin ich auch mit Familien in Kontakt, in denen sich die Partner gleichberechtigt und kreativ arrangieren. Dann übernimmt von fünf Uhr morgens bis zum Mittag der Vater die Betreuung der Kinder, danach die Mutter. Nicht zu vergessen die vielen Familien, in denen besonders die Frauen in sogenannten systemrelevanten Berufen tätig sind.

Plädieren Sie für eine schnelle Öffnung der Kitas und Grundschulen?

Die Lust unter den Kindern, wieder in den Alltag zu gehen, ist groß. Meiner Meinung nach wäre es aber unrealistisch zu glauben, dass sich Kinder im Kita- oder Grundschulalter streng an die Abstandsregeln halten. Die Kinder freuen sich auf ihre Freunde und wollen spielen und im Kontakt sein. Das kann man ihnen nicht zur Last legen. Wenn der Kita-Betrieb wieder losgeht, müssen wir damit rechnen und dann auch damit leben, dass die Kinder Kontakt haben.

Jutta Becker (44) ist als Beraterin beim Verein für psychosoziale Therapie in Laubach tätig. Ihre Beratungsstelle hat auch ein Corona-Krisentelefon eingerichtet. Experten sind erreichbar unter der Nummer 01 51 / 56 20 08 27. Speziell für Kinder und Jugendliche gibt es im Kreis die "Nummer gegen Kummer" des Vereins "Eltern helfen Eltern". Unter der Nummer 11 61 11 ist es möglich, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr anonym und kostenlos mit einem Berater über Sorgen jeglicher Art zu reden.

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