Kontaktlose Zustellung: Der Grünberger Buchhändler Fritz Reinhard unternimmt seit der Corona-bedingten Schließung seines Ladens des Öfteren Spaziergänge, steckt die per Internet eingegangenen Bestellungen persönlich in die Briefkästen. FOTO: TB
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Kontaktlose Zustellung: Der Grünberger Buchhändler Fritz Reinhard unternimmt seit der Corona-bedingten Schließung seines Ladens des Öfteren Spaziergänge, steckt die per Internet eingegangenen Bestellungen persönlich in die Briefkästen. FOTO: TB

Corona-Krise

Wie ein Buchhändler aus Grünberg die Krise angeht

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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In Zeiten von Corona wird so mancher zum Stubenhocker. Ein gutes Buch kann da helfen. Der lokale Buchhandel sorgt mit Internetshops für Lesefutter. Dass dennoch die Umsätze einbrechen, gerade den "Kleinen" der Ruin droht, erklärt Buchhändler Reinhard aus Grünberg..

Am Abend des 17. März musste Fritz Reinhard, Eigentümer der "Grünberger Bücherstube", sein Geschäft in der Marktgasse absperren - ohne erstmals zu wissen, wann er es wieder öffnen darf. Die Dynamik der Corona-Pandemie macht wenig Hoffnung, dass die "Allgemeinverfügung" zur Schließung nicht systemischer Geschäfte so bald aufgehoben werden könnte.

Reinhard und sein Team allerdings konnten rascher als andere auf die neue Lage reagieren: Denn seit vielen Jahren bereits setzt die Buchhandlung auf die "neue" Technik. Die Lesergemeinde trifft sich bei Facebook, erhält per Newsletter Empfehlungen zu Neuerscheinungen, kann auf der Website die komplette Angebotspalette durchstöbern und Bestellungen aufgeben, entweder fürs Abholfach im Geschäft oder aber per Versand.

Über die sozialen Medien finde derzeit ein reger Austausch statt, erzählt der 57-Jährige beim Spaziergang durch Grünbergs sonnendurchflutete Gassen. Kunden wie auch das Bücherstube-Team tauschten Empfehlungen aus, seien es nun Neuerscheinungen oder Klassiker, die in Zeiten der Pandemie in Erinnerung gebracht werden. Nicht zuletzt in Literatursendungen in Funk und Fernsehen.

Dessen freilich bedarf es bei dem gelernten Sortimentsbuchhändler nicht. Auf dem menschenleeren Marktplatz bringt er etwa das Gespräch auf Boccaccios "Decamerone". Jene berühmte Novellensammlung über zehn junge Menschen, die im 14. Jahrhundert vor dem Schwarzen Tod in eine florentinische Villa fliehen.

Und natürlich kommt Camus’ "Die Pest" aufs Tapet. Reinhard sieht sehr wohl aktuelle Bezüge, auch wenn der Roman zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt: die Bewahrung von Menschlichkeit in Zeiten der Katastrophe.

"Über die sozialen Medien", fährt er fort, "erreichen wir immerhin 1600 Leute." Viele nutzten die bei Facebook geposteten Lesetipps, orderten jetzt verstärkt online. In Woche eins nach der Schließung zählte er über 50 Bestellungen, statt der nur 14 im Vorjahreszeitraum. Nachgefragt wird meist Belletristik, auch Sach- und Kinderbücher.

Doch auch wenn sich das Geschäft etwas in Richtung Internet verlagert, den Verlust an "analogem Umsatz" macht das nicht mal ansatzweise wett. Für den März, der "nur" zur Hälfte weggebrochen ist, schätzt der Buchhändler den Verlust bereits auf 25 Prozent. "Doch was kommt danach?"

Und das in einer Situation, da die großen Player seit Langem schon die Margen gedrückt hätten. "Grundsätzlich sind die im Buchhandel nicht groß. Und je kleiner ein Geschäft, umso kleiner die Handelsspanne. Bei den Versandbestellungen übers Internet, im Augenblick die einzig praktikable Lösung, halbiert sich die Marge noch mal. Wir müssten also rechnerisch den doppelten ›normalen‹ Umsatz machen, um das gleiche Ergebnis zu erzielen." Illusorisch.

Die Corona-Krise setzt somit "noch einen drauf", verschlimmert die in Zeiten von Amazon & Co. ohnedies schwierige Lage für die komplette Branche, meint der gebürtige Soltauer. Er erinnert an die Insolvenz des Buchgroßhändlers KNV vor Jahresfrist, an die Belastungen der Verlage durch Nachforderungen der Verwertungsgesellschaft Wort. Und jetzt also noch die Pandemie, die zuerst der Leipziger Buchmesse - die wie "Frankfurt" den Buchhandel stets ins öffentliche Bewusstsein rücke und Interesse an Literatur wecke - den Garaus machte. Um dann die Schließung der Fachgeschäfte zu erzwingen.

Wohl dem, der in dieser extremen Situation über Rücklagen verfügt. Viele Kollegen, gerade kleine Buchhandlungen, verfügten nicht über dieses Polster, ihnen drohe der Ruin, warnt der Grünberger. Da bleibe nur zu hoffen, dass es mit der versprochenen raschen Hilfe des Staates tatsächlich was wird. "Am Montag bereits werden die Gehälter der Angestellten fällig."

In der "Bücherstube" sind es vier Mitarbeiter, die sich nun noch intensiver in den virtuellen Austausch der "Lesegemeinde" einklinken. Ebenso wie viele Kunden, die sich zudem solidarisch zeigen mit der Bücherstube und appellieren: "Lass deinen Klick in deiner Stadt." Oder, wie ein anderer postete: "Online-Bestellungen bei den großen Steuervermeidern finanzieren nicht unsere Krankenhäuser."

Reinhard freut sich über diese Unterstützung. Nicht nur da viele der "Präsenzkunden" jetzt per Internet der Bücherstube die Treue halten. "Manche haben sogar ihre Rechnungen vor Fälligkeit bezahlt."

Sagt’s und setzt den Spaziergang fort in Richtung Hintergasse und Condomer Straße. So wie oft in diesen Tagen, denn in der Kernstadt Grünberg liefert Reinhard die Bestellungen meist persönlich aus. Die Umschläge landen selbstverständlich kontaktlos im Briefkasten.

Nur: Besagtes Werk, das besagter Camus 1947 veröffentlichte, wird bis auf Weiteres nicht darin sein. "Die Pest" kriegt man auch in Grünberg nicht, der Roman ist landesweit seit Wochen ausverkauft.

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