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Harald Sellner und Dirk Bender (v. r.) erläutern in der Stadtmühle Landrätin Anita Schneider die historische Dreikolbenpumpe.

Bildung und Erlebnis im Brunnental

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Grünberg (tb). Anno 1419 war es, als den Grünbergern ein buchstäbliches Joch von den Schultern genommen wurde: Fortan wurde das Quellwasser aus dem Brunnental in die Stadt hinauf gepumpt. Durch zweieinhalb Zentimeter starke Rohre aus Blei bzw. Zink gelangte es ins 50 Meter höher gelegene Brunnenhaus am Winterplatz und weiter durch nun hölzerne Leitungen zum Laufbrunnen am Marktplatz. Die schwere Arbeit der Wasserträger war damit passé.

Hohes Maß an Ehrenamt

Zum 600-jährigen Jubiläum der "Grünberger Wasserkunst" hat sich der Verkehrsverein einiges vorgenommen: Seit jeher "Kümmerer" des Brunnentals, möchte man bei einem Investitionsvolumen von immerhin 403 000 Euro das Kleinod zum "Bildungs- und Erlebnisort" machen (die GAZ berichtete).

Ein ambitioniertes Joint-Venture mit der Stadt, in das die Ehrenamtler schon viel Freizeit gesteckt haben - und schon sehr lange auf den Startschuss warten. Jetzt aber kann es losgehen, liegt doch die Bewilligung einer EU-Förderung von 200 000 Euro vor. Überbracht wurde der Bescheid bei einem Lokaltermin von Dr. Gudrun Müller-Mollenhauer vom Amt für den ländlichen Raum. Die beim Lahn-Dill-Kreis angesiedelte Behörde ist zuständig für die Vergabe der Mittel aus dem LEADER-Programm zur Stärkung ländlicher Regionen.

Dass der Geduldsfaden schon strapaziert wurde, räumte Bürgermeister Frank Ide ein. Doch habe es sich gelohnt: Dank der Fördermittel "können wir jetzt noch etwas mehr machen." Wie die nachfolgenden Redner dankte er den Ehrenamtlern des Verkehrsvereins, zuvörderst der Arbeitsgruppe "Wasserkunst", sowie Dirk Bender, der die Restaurierung der alten Dreikolbenpumpe in der Stadtmühle gesponsert hat. Namentlich erwähnte Ide auch Arnulf Kuster, der seit Jahren zum Thema veröffentlicht.

Angesichts der rund 50 Prozent Förderquote habe sich das Warten gelohnt, sekundierte Landrätin Anita Schneider. Sie gehört zugleich dem Lenkungsausschuss des Vereins "Gießener Land" an, der die Förderung beantragt hatte. "Hier wird Geschichte von Ehrenamtlichen am Leben gehalten", nannte Schneider als Grund dafür, dass Grünberg sogar das Maximum an Förderung erhalte. Hat doch der Verkehrsverein das Projekt nicht nur kreiert, er wird auch für Pflege und Unterhaltung seiner Bausteine sorgen.

Dass hier nicht nur ein Erlebnisort, sondern auch ein Bildungsort entstehe, nannte die Landrätin als zweiten Grund der Höchstförderung. Sie kann sich daher eine Kooperation mit der KVHS vorstellen. Mit der TKS ist das bereits vereinbart. Wie Schneider sah es auch Kurt Hillgärtner, Vorsitzender des Vereins Gießener Land: Für ihn entsteht hier eine neue Attraktion für den "Tourismusstützpunkt" Grünberg - und nicht minder für Einheimische.

Gelegen mitten in der Natur, kann dieser "Bildungs- und Erlebnisort" sogar auf handfeste Zeugnisse historischer Wasserversorgung zurückgreifen: Als da etwa wären die Wasserwerke, das Quellenhäuschen, die Pumpen oder das "Brunnenhaus am Berg".

Das Projekt "Handwerkliche Wasserkunst" besteht aus vier Säulen: In der Stadtmühle bzw. im Maschinenhaus wird das Info-Zentrum unterkommen. Gezeigt wird hier unter anderem eine Skizze zur (technischen) Entwicklung der Wasserversorgung (siehe Foto oben). In der Stadtmühle dürfte die 109 Jahre alte Dreikolbenpumpe ein "Hingucker" werden, mit der ein Wasserspielplatz vor der Tür betrieben werden soll. Eher was für die Erwachsenen ist das Kneippbecken nebenan.

Dritte Säule ist der "Historische Wasserweg". Auf sechs Pulttafeln wird erläutert, wie das Lebenselixier dereinst auf den Berg gelangt. Auf neun Tafeln erfährt der Wanderer auf dem "Naturerlebnisweg", warum das Brunnental ein wertvolles Geo- und Biotop ist, welche landschaftlichen Besonderheiten es birgt. In Kooperation mit dem NABU wurden dafür bereits 71 Quellen kartiert.

Die Aufträge vergibt die Stadt als Träger und Cofinancier der Maßnahme. Bis auf das mit rund 200 000 Euro veranschlagte Hauptprojekt an der Stadtmühle (Spielplatz, Kneippbecken, Parkplatz) sollen die anderen Abschnitte noch dieses Jahr beauftragt werden. 2020 aber dürfte alles fertig werden. Für Harald Sellner, Vorsitzender des Verkehrsvereins, wäre das dann das "i-Tüpfelchen" nach Jahren der Vorarbeit. (Foto: tb)

Ein Element des geplanten Info-Zentrums im Brunnental: Eine beleuchtete Tafel, die die Entwicklung der Grünberger Wasserversorgung der letzten 600 Jahre veranschaulicht. Klar: Die Technik wurde fortwährend an die aktuellen Entwicklungen angepasst.(Schaubild: Sellner)

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