Der Job sei nichts für labile Persönlichkeiten, sagt Benjamin Molitor. FOTOS: PM
+
Der Job sei nichts für labile Persönlichkeiten, sagt Benjamin Molitor. FOTOS: PM

"Mord verjährt nicht"

Wenn die Blutspur ins Bad führt: So arbeitet ein Tatortreiniger im Kreis Gießen - Bank wollte ihm wegen Corona 10.000 Atemschutzmasken abkaufen

  • vonStefan Schaal
    schließen

Benjamin Molitor ist hart im Nehmen. Wenn im Kreis Menschen sterben und Blutlachen aus Teppichen beseitigt werden müssen, säubert häufig er die Wohnung. Auch nach Morden wird er gerufen. Molitor, der ein Büro in Grünberg hat, ist Tatortreiniger. Der Beruf verlangt ihm einiges ab: Er muss penibel sein - und sensibel im Gespräch mit Angehörigen.

Eine weiße Hülle umgibt Benjamin Molitor. Die Finger stecken in drei Schichten aus Handschuhen. Eine Atemschutzmaske bedeckt Mund und Nase, eine große Brille die Augen. Molitor steckt in einem weißen Schutzanzug. "Mit dem kann man baden gehen", sagt er. "Man würde nicht nass werden." In dieser Montur betritt Molitor eine Wohnung, in der ein Mensch ermordet worden ist.

Ein halber Liter getrocknetes Blut bedeckt im Wohnzimmer das Sofa. Eine dunkelrote Spur führt über Teppiche, Kacheln und eine Treppe bis nach oben ins Bad. Das Opfer muss sich mit letzter Kraft hochgeschleppt haben, hier hat sein Kampf um das eigene Leben geendet. Mittlerweile ist die Leiche längst hinausgetragen worden, die Ermittler haben ihre Arbeit in der Wohnung beeendet. Molitor erledigt nun die Drecksarbeit. Molitor ist Tatortreiniger.

Mit einem Kollegen nimmt der 37-Jährige, der von einem Büro in Grünberg aus arbeitet, die Wohnung in Augenschein. Ein Mann ist erstochen worden. Es ging um 4000 Euro, das Opfer war 89 Jahre alt. Vier Monate ist der Mord schon her, die Polizei hat die Wohnung erst jetzt freigegeben. Überall in der Wohnung sind kleine schwarze Flecken zu sehen - Überbleibsel der Ermittler, die nach DNA-Spuren gesucht haben. Hat der Job als Tatortreiniger Molitors Blick auf die Menschen verändert? "Jo", sagt er wortkarg. "Nicht zum Guten." Er schüttelt den Kopf. "Wegen 4000 Euro."

Wenn der Tatortreiniger auf Krätze trifft

Molitor wird häufig nach Suiziden gerufen. In der Regel wisse er gar nicht, was in der Wohnung passiert ist. "Nur wenn die Leute etwas erzählen."

Mit einem Wattestäbchen nimmt er an mehreren Stellen der Wohnung Abstriche vor. Kann sein, dass er das Gesundheitsamt verständigen muss. Kürzlich hat er an einem Tatort Krätze festgestellt. "Wir mussten alles desinfizieren", erzählt er. Jedes Möbelstück habe er einzeln in Folie eingepackt und hinausgetragen. "Ein Riesenaufwand", erzählt er. "Es waren 30 Quadratmeter. Das Räumen hat eine Woche gedauert."

Leichenflüssigkeit durch Boden gesickert

Ein stechender süßlicher Geruch liegt in der Wohnung. Alles, was in diesen Räumen an eine schreckliche Tat erinnert, soll Molitor aus den Möbeln, aus dem Teppich, aus den Tapeten hinaus bekommen. Und irgendwie auch aus den Köpfen der Angehörigen.

Molitor erzählt von einem Fall, als ein Opfer sechs Wochen tot in seiner Wohnung gelegen hat. Die Leichenflüssigkeit sei in die Wohnung darunter gesickert. "Der Mann hat 100 Kilo gewogen", sagt Molitor. "In diesem Menschen waren 80 Liter Wasser. Das ist ne ganze Badewanne, die da ausläuft."

Sensible Gespräche mit Angehörigen

Molitors Handy vibriert. Nicht etwa die Tatort-Melodie erklingt, wie in der Serie "Der Tatortreiniger" bei der Hauptfigur "Schotty". Im Gegensatz zu "Schotty" greift Molitor übrigens nicht auf eine Vielzahl von Reinigungsmitteln zurück. Er trägt Desinfektionflüssigkeit auf, Lösungsmittel für das Blut, meistens Wasserstoffperoxid. Dann dröhnt ein Dampfsauger. "Damit geht so gut wie alles weg", sagt Molitor. Jede halbe Stunde legt er eine Pause ein. Die Arbeit in voller Montur ist körperliche Schwerstarbeit.

Zu Begegnungen mit Angehörigen der Opfer kommt es selten. Doch bisweilen trifft Molitor auch auf Brüder, Kinder, Schwestern oder Ehepartner des Opfers in der Wohnung. Molitor hat dann schwierige, sensible Gespräche zu führen. "Kommen Sie", sagt er dann bisweilen, wenn Angehörige in Tränen aufgelöst vor ihm stehen. "Geben Sie mir die Hand. Wir gehen ein Eis essen." In manchen Fälle gehe es nicht anders, sagt Molitor. Eines aber ist ihm dabei wichtig. "Ich bin kein Psychologe. Ich kann nur die Folgen wegmachen." Er meint die sichtbaren Folgen, vor allem Blutspuren nach Todesfällen.

"Es ist halt, wie es ist"

Molitors Auftraggeber sind Privatpersonen, Hausverwaltungen, hin und wieder auch der Weiße Ring, nie die Polizei. Hat eine Leiche eine Woche lang in einer Wohnung gelegen, "dann muss man eigentlich die ganze Bude wegschmeißen", sagt Molitor. Die meisten Kunden aber bitten ihn, die Wohnung zu retten. "Auch wenn der Laminatboden aufgequollen ist und gar nicht mehr zu reinigen ist." Man könne bei einem Auftrag auch mal 2000 Euro verdienen, sagt er. Er werde stundenweise bezahlt. Doch für die Ausrüstung gingen schnell 50 000 Euro drauf.

Molitor ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann. Von seinen Erfahrungen im Beruf berichtet er nüchtern, in leisem Tonfall. Einmal, erzählt er, sei ein Opfer mit offener Halsschlagader durch Küche und Wohnzimmer gerannt, habe literweise Blut verloren. Molitor traf auf ein Blutbad. "Es ist halt, wie es ist", sagt er. 

Spuren brutaler Taten

Der Job sei nichts für labile Persönlichkeiten. Seine Kollegen schickt er zweimal im Jahr zur Untersuchung zum Psychologen. Und er selbst? "Ich bin beisammen", sagt er. "Wenn’s mir schlecht geht, hebe ich früh genug die Hand."

Molitor wirkt so ruhig, dass die Frage aufkommt: Ist die Tatortreinigung für ihn ein ganz normaler Reinigungsjob? Er schüttelt den Kopf. Nein, sagt er. Anhand der Spuren könne man sich oft den Ablauf der Tat zusammenreimen. Einmal sei er in eine Wohnung gerufen worden, in der ein Mann auf brutale und blutige Weise sein Leben verloren hat. Molitor seufzt leise auf. "Vor einer Rauputzwand." Drei Stunden lang habe er den Dampfreiniger im Einsatz gehabt. "Überall waren kleine Gehirnfetzen."

Ziel: Ausbildungsberuf Tatortreiniger

Der aus Mainz stammende Molitor ist eigentlich Maschinenbauer. Mit dem Rucksack ist er in der ganzen Welt herumgereist, war in einer Firma für Walzwerke in Hangzhou in China für die Qualitätskontrolle zuständig. 2009 kehrte er in die Heimat zurück und stieg bei einem Freund in einer Entrümpelungsfirma ein. In dem Unternehmen verdient er sich noch heute seine Brötchen. Kürzlich hat er einen neuen Auftrag angenommen. Der Kunde betreut eine Person, die in der Badewanne und auf den Boden das große Geschäft entrichtet hat. Auch in diesem Fall rückt Molitor aus. Am Ende hat er zehn Säcke Kot abtransportiert.

Benjamin Molitor

Zu den Entrümpelungsjobs sind mit den Jahren mehr und mehr Aufträge der Tatortreinigung hinzugekommen. Molitor hat sich zum staatlich geprüften Desinfektor ausbilden lassen, ein Arzt und ein Experte aus der Gebäudereinigung geben ihm Ratschläge. Eine Ausbildung zum Tatortreiniger gibt es noch nicht. Das will Molitor aber ändern. "Mal schauen, ob wir etwas mit der Handwerkskammer hinbekommen." Ein halbes Jahr an Lehrgängen könnte aus seiner Sicht für die Vermittlung der Grundlagen schon reichen.

"Es ist belastend, ohne Frage"

Wenn der Tatortreiniger die gesäuberte Wohnung am Ende verlässt, können Angehörige wieder die Räume betreten, ohne dass Blut oder andere Spuren sie an die tragische Tat erinnern. Sein Beruf hat so auch eine soziale Dimension.

Dennoch muss die Nachfrage erlaubt sein: Kommt Molitor wirklich zurecht mit dem Job? Er atmet durch. "Es ist belastend, ohne Frage." Er lacht leise, es klingt wie ein Keuchen.

"Ich räume nur auf und revidiere die Folgen"

Am Ende ist kein Tropfen Blut mehr im Bad zu sehen, in dem der 89 Jahre alte Mann gestorben ist. Der Tatort ist gereinigt. Molitor legt die Schutzkleidung in ein Desinfektionsbad. "Ich will nicht mit verseuchtem Zeug in die nächste Wohnung gehen." Auf die Frage, was er in dem Beruf gelernt hat, sagt er trocken: "Dass man stirbt. Das lernt man ganz schnell." Molitor erfährt in seinem Beruf, wie traurig und wie brutal das Sterben sein kann. Er lasse das nicht an sich herankommen. "Ich kann ja nichts dafür. Ich hab den Mord ja nicht begangen. Ich räume nur auf und revidiere die Folgen."

Wegen Corona: Bank wollte Tatortreiniger 10.000 Atemschutzmasken abkaufen

Anfang Februar winkte Benjamin Molitor das Geschäft seines Lebens. Die chinesische Nationalbank meldete sich bei ihm und wollte ihm 10 000 Atemschutzmasken abkaufen, zum Schutz der Mitarbeiter in Frankfurt vor dem Coronavirus. 30, 40 Euro pro Maske bot ihm die Bank an. "Der Preis ist egal", hieß es. Normalerweise kauft Molitor die Masken für 1,50 Euro ein. "Das wäre fast eine Viertelmillion Euro Gewinn gewesen." Er habe bei Händlern und Herstellern angerufen. Doch ohne Erfolg. Sonst habe er 3000 Masken auf Lager, diesmal nicht. "Es wäre zu schön gewesen. Ich habe mir in den Allerwertesten gebissen."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare