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Als in Grünberg noch Bier gebraut wurde

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Von: Thomas Brückner

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Grünbergs Marktplatz 1926 mit dem Hotel »Hirsch«, an das heute nurmehr eine vergoldete Büste mit Geweih erinnert. Bis Anfang der 1920er Jahre wurde hier Bier gebraut. Rechts davon der »Goldene Adler«, bis in die 1980er von der Familie Jungmann geführt. © Thomas Brueckner

Dünnbier kam schon des Morgens auf den Tisch - auch für die Kinder. In der heutigen Folge unserer Serie »Vergessene Orte« stehen die Brauereien in Grünberg im Fokus.

Die Tradition des Brauens reicht in Oberhessen, nicht gerade von der Sonne und römischer Weinbaukunst verwöhnt, bis ins Mittelalter zurück. Die meist bitterarmen Bauersfamilien deckten oftmals ihren Bedarf selbst. Dazu brauchte es wenig: Gerste, Hopfen, Wasser und ein paar Grundkenntnisse im Mälzen und Maischen. Im Vergleich zum oft verunreinigten Wasser aus Ziehbrunnen war Bier gesünder, der Gärvorgang vernichtete weitgehend Keime und Bakterien. . Auch schmeckte es besser.

Stadt gab neues Brauhaus in Auftrag

Für Grünberg nun wird - neben den »Selbstversorgern« - für 1446 eine städtische Brauerei urkundlich erwähnt. Belege für eine erste Lieferung nach Frankfurt finden sich gar schon fürs Jahr 1350. Leider sei ihr Standort nicht mehr zu ermitteln, wie Friedel Hedrich als ehemaliger Betreuer des Stadtarchivs in einer Abhandlung aus 2007 bedauert.

Anfang des 18. Jahrhunderts hatte der Magistrat dann das neue, noch heut erhaltene Brauhaus am Winterplatz errichten lassen.

Grundlage für jedes gutes Bier ist gutes Wasser. Das gab es reichlich im nahen Brunnental, von wo aus das kostbare Nass ab 1419 in die Stadt hinauf gepumpt wurde. Aus dem noch heute erhaltenen Brunnenhäuschen nebenan bezog das Brauhaus sein Wasser. Wie der Heimatkundler Dr. Werner Faust bei Stadtführungen gern zum Besten gibt, hatte die Herstellung des »Gerstensaftes«, von dem in der Gallusstadt sogar drei Sorten produziert wurden, für die Grünberger erste Priorität: Das benachbarte Badehaus musste warten, wenn der Sudkessel gefüllt wurde. Also galt in Grünberg, in Abwandlung des bekannten Ausspruchs eines Rumpelstilzchen: »Heute brau ich, morgen bad ich ...«

Benötigte Gerste und auch den Hopfen lieferten damals die Felder rundum, Flurnamen wie der Hoppeberg Richtung Göbelnrod bezeugen dies.

Das Brauhaus übrigens hatte keinen größeren Keller, also war dieses Bier zum raschen Verzehr bestimmt. War doch einmal eine Lagerung vonnöten, nutzte man den Eiskeller im Brunnental nahe der Stadtmühle, wie Harald Sellner, Vorsitzender des Verkehrsvereins Grünberg, gegenüber dieser Zeitung zu berichten weiß.

Anders als das Haus am Winterplatz, wo man sich gegen Entgelt auch selbst sein Bier brauen lassen konnte, ist der »kleine Bruder« kaum mehr bekannt: In der Barfüßergasse 40, gegenüber der heutigen Bäckerei, befand sich ein zweites, kleineres Brauhaus, das bis zum Abriss 1760 in Betrieb war. Sellner: »Es hat vermutlich schon vor 1700 bestanden, allerdings sind die Eigentumsverhältnisse ungeklärt.«

Einem Bescheid der Stadt aus 1748 ist zu entnehmen, dass die Betreiber 39 Gebräu »a vier Achtel« (rund 15 Liter) zu versteuern hatten; etwa ein Viertel der Menge des großen städtischen Brauhauses. Für jedes Gebräu waren 13 Albus (knapp ein halber Gulden) und vier Pfennige zu entrichten. Hinzu kam ein halber Gulden »Mauergeld« für den Erhalt der Stadtbefestigung ( eine Idee für die Gegenwart, da die Stadtmauer teuer zu sanieren ist? ).

Märkte sorgten für Nachfrage

Ebenso in Vergessenheit geraten sind die drei weiteren Grünberger (Haus-)Brauereien. Eine befand sich in der Rabegasse 18. In der Gaststätte Burkardt, genannt die »Trompete«, wurde von 1862 bis 1879 ein »kühles Blondes« gebraut. Später befand sich dort die Bäckerei Carle.

Erinnert sei auch an den Landwirt Christian Hoffmann, der im 19. Jahrhundert in der Alsfelder Straße (heute Parkdeck) eine Brauerei eröffnete. Nach Hedrich erfreute sich dessen Produkt nicht nur in Grünberg, sondern auch in der Umgebung großer Beliebtheit. Mangels männlicher Erben aber blieben nach Hoffmanns Tod 1895 die Sudkessel kalt. Tochter Ottilie heiratete den Brauer Gontrum aus Bensheim und übernahm als Witwe die Leitung der Brauerei, die noch bis 1959 bestand.

Von größter Bedeutung, auch wenn damit die Grünberger Brautradition endete, war das Hotel »Zum Hirsch« am Marktplatz, das zeitweise gar einen eigenen Diener auf der Lohnliste hatte. Wilhelm Duchhardt aus Stockhausen bei Lauterbach hatte hier 1879 eine Brauerei, sogar mit eigener Malzdörranlage, eingerichtet. Nachfolger Hermann Eiertänzer betrieb von 1907 bis zur Aufgabe Anfang der 1920er Jahre den »Hirsch« - und nach Sellner auch die Hausbrauerei.

Die große Nachfrage nach Bier und mithin das Auskommen Dutzender Gastwirte rührte übrigens nicht - zumindest nicht allein - daher, dass die Grimmicher mit einem außerordentlichen Durst gesegnet waren. Die Gallusstadt lag an der bedeutenden Handelsstraße Kurze Hessen, also machten in ihren Gaststätten viele Reisende halt. Dazu sorgten die zahlreichen Märkte für Absatz, also der Frucht-, Bartholomäi-, der Elisabethen-, Jakobi- und der Pfingstmarkt.

Da war doch noch was? Klar, der anno 1481 von Kaiser Friedrich III. gestiftete Gallusmarkt, der als einziger erhalten geblieben ist und heute einem großen Braukonzern guten Umsatz beschert - sofern Corona es denn mal wieder erlauben sollte.

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Grünbergs ehemaliges Brauhaus, erbaut zwischen 1700 und 1715: Ein imposantes Fachwerkgebäude, das nach Einstellung des nicht mehr rentablen Braubetriebs 1893 und Umbau zum Wohnhaus 1920 vernachlässigt wurde. Ende der 1980er Jahre wurde es für 1,22 Millionen D-Mark saniert. © Thomas Brueckner

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