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Das Interesse am Thema Digitalisierung in den Handwerksberufen ist groß, der Saal im Kinopolis gefüllt.

"Großes Kino"

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Gießen (sel). 360 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Verbänden, Schulen und dem heimischen Handwerk füllten den großen Kinopolis-Saal in Gießen. "Großes Kino" also. Und das versprach auch die Einladung zum "Meet and Greet des Gießener Handwerks", zu dem die Kreishandwerkerschaft Gießen und die Handwerkskammer Wiesbaden gemeinsam eingeladen hatten. Thematisch ging es um die Digitalisierung im Allgemeinen und die "Voraussetzungen und Herausforderungen der Digitalisierung im Handwerk" im Besonderen.

Stefan Füll, neuer Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, und Gießens Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker hatten das "Opening" des erstmals in dieser Form stattfindenden Handwerkertreffens mit Gästen übernommen, interviewt vom Moderatoren-Ehepaar Franzi und Christian Kaempfert aus Lich. In der Digitalisierung sieht Becker einen wichtigen Weg, der Kreishandwerkerschaft und dem Handwerk jene öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, "die ihnen gebührt".

Eine Gesprächsrunde beleuchtete das Thema von unterschiedlichen Seiten. Teilnehmer waren Jeanette Spanier, Gerüstbau-Meisterin und "Best-Practice-Gründerin" aus der Pfalz, die den hohen Grad und die damit verbundenen Vorteile der Digitalisierung in ihrem Familienunternehmen schilderte. Landrätin Anita Schneider erläuterte die Breitband-Strategie des Landkreises und wies auf eine Versorgung hin, die aktuell bei 98 Prozent liege. In einer dritten Ausbauphase, die sich derzeit in der Ausschreibung befinde, erhalten alle Gebäude Glasfaseranschlüsse, was 2020/21 abgeschlossen sein soll. Schneider räumte noch "weiße Flecken" in der Mobilfunk-Versorgung ein, deren Beseitigung von etlichen nicht beim Kreis angesiedelten Faktoren abhänge. Sie geht davon aus, dass es in drei oder vier Jahren keine "weißen Flecken" mehr gebe.

Hessens Staatsministerin für Digitales, Prof. Kristina Sinemus, versteht Digitalisierung als klassische Querschnittsaufgabe, bei der ihr neues Ministerium den Prozess von analog zu digital gestalten wolle - mit dem Ausbau der Infrastruktur als grundlegender Aufgabe. Dabei sei die Bündelung der gesamten Digitalisierungsaufgaben auf ein Ministerium vorteilhaft. 99 Prozent Hessens sei über alle drei Netze hinweg mit dem Mobilfunkstandard LTE (Long Term Evolution) versorgt. "Weiße Flecken" auf noch einem Prozent - an deren Beseitigung die Mobilfunkanbieter aus wirtschaftlichen Gründen kein Interesse haben - werden laut Ministerin mit 50 Millionen Euro aus Landesmitteln geschlossen, beginnend Anfang 2020.

Roman Freund, Digitalisierungsberater der Handwerkskammer, informierte über das Beratungsangebot und die Digitalisierungspraxis im Handwerksbetrieb. Alle Betriebe seien aufgefordert, sich über die Schritte hin zu einer Einbindung der digitalen Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung des Betriebsalltags zu informieren.

Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen, weiß um die großen Herausforderungen, die mit der Suche nach "digitalen Antworten" für das Handwerk verbunden sind. Er ging unter anderem auf die KH-App als neues Info-Medium für das heimische Handwerk ein.

Den großen Bogen in Sachen Digitalisierung schlug Prof. Klemens Skibicki, Betriebs- und Volkswirtschaftler mit Promotion im Fach Wirtschaftsgeschichte und mittlerweile erfolgreicher Unternehmer und vor allem Experte für hoch informative, dabei kurzweilige und humorvolle Vorträge zum Thema digitale Transformation und Social Media. Das Publikum im Kinopolis kam in den Genuss eines solchen.

Dass die Digitalisierung die neue industrielle Revolution ist, steht für Skibicki außer Frage. "Was gestern der Wandel von Agrar- auf Industriegesellschaft war, ist heute die Transformation von analog auf digital." Der Einfluss der neuen Medien auf Wirtschaft und Gesellschaft sei immens und unumgänglich. "Die Digitalisierung ist gekommen, um zu bleiben", was die Umstellung von bisherigen Wertschöpfungsketten auf Wertschöpfungsnetzwerke mit sich bringe. Auf diese unumkehrbare Entwicklung sollten Unternehmen jeder Größe unbedingt vorbereitet sein. Die Möglichkeiten der Digitalisierung dürften nicht verschlafen werden, Netzwerkprozesse und "überall vernetzte Menschen" sind laut Skibicki die Zukunft. Es gelte, die Angst vor der Digitalisierung und die eigene Bequemlichkeit zu überwinden und die Veränderungsprozesse anzunehmen. "Erobern wir möglichst schnell dieses digitale Neuland. Das kommt ohnehin, passen wir uns also bestmöglich daran an."

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