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Auf Reisen in der Sonne entspannen und abschalten - das ist nun wieder eingeschränkt möglich und auch für manche Abiturienten eine Option. SYMBOLFOTO: Daniel Reinhardt/dpa

Große Freiheit mit Abstrichen

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Für die Abiturienten im Kreis Gießen beginnt nach der Schulzeit nun ein neuer Lebensabschnitt. Wie haben sie die Abi-Zeit unter Corona-Bedingungen empfunden? Und welche Pläne haben sie für die nächsten Monate? Eine Schülerin und ein Schüler der CBES in Lollar geben Einblick.

Die Abi-Prüfungen sind geschafft. Nun gilt es, den Lernstress der letzten Wochen hinter sich zu lassen, die Reifeprüfung zu feiern. Beim Abi-Ball mit stolzen Eltern in großer Runde anstoßen, noch einmal mit dem Jahrgang eng an eng die Gemeinschaft zelebrieren, in Erinnerungen an die Abschlussfahrt schwelgen, bevor sich die Wege trennen - auch das macht das Ende der Abi-Zeit aus. Zumindest üblicherweise. Für jene, die das Abi in diesem Jahr hinter sich gebracht haben, ist vieles wegen Corona nicht möglich, obwohl der jüngste Lockdown nun überstanden ist.

»Ich habe noch die Abiturienten anderer Jahrgänge im Kopf, die nach dem schriftlichen Abi groß gefeiert haben«, sagt Mika Belchhaus leicht wehmütig, »das ging bei uns so nicht.« Irgendwie fehle nun etwas, so der 19-Jährige aus Treis. Anfang April hatte sein Jahrgang an der Lollarer Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) den letzten Schultag in Präsenz, danach konnten er und die gut 60 anderen sich in Ruhe auf die Prüfungen vorbereiten. In Lerngruppen unmittelbar über Aufgaben brüten - auch das war diesmal nur sehr bedingt möglich. Allerdings hatten die Abiturienten im Vergleich zu anderen Schülern seit Frühjahr 2020 deutlich mehr Präsenzunterricht, und die Betreuung durch die Lehrer sei gut gewesen, betont Belchhaus. »Ich habe mich relativ schnell mit der Situation abgefunden«, teils sei das Abi unter Ausnahmebedingungen auch eine Motivation für ihn gewesen.

Wie haben sich die ungewöhnlichen Rahmenbedingungen auf den Zusammenhalt ausgewirkt? Zwar habe gerade die heiße Phase samt Verkleiden in der Mottowoche und dem Feilen am Abi-Buch zusammmengeschweißt, sagt Belchhaus. Doch ein echtes Gemeinschaftsgefühl konnte sich schwer einstellen.

»Mir hat es gefehlt, gemeinsam zu feiern und auch mal neue Leute aus der Stufe kennenzulernen. Man war dauerhaft in seiner Freundesgruppe. Ich habe auch gemerkt, wer die wahren Freunde sind, wer sich bei einem meldet«, blickt er auf die vergangenen Monate zurück.

Nina Lückemann aus Daubringen ist es teils ähnlich ergangen. »Man hat eine gewisse Angst, dass man etwas verpasst hat«, äußert sich die 19-jährige CBES-Abiturientin. Einerseits habe die »abgespeckte Mottowoche« das Miteinander gestärkt. Aber das könne den Mangel an Unternehmungen mit der Stufe kaum wettmachen. »Mir haben Erlebnisse gefehlt, um gemeinsame Erinnerungen zu schaffen, etwa bei Feiern oder beim Grillen, auch mal mit den Tutoren.« Wenn sie einmal auf die letzten Monate in der Schule zurückblickt, wird Corona wohl immer mitschwingen.

Auf Erinnerungen an tolle Tage während einer Abi-Fahrt wird sie dagegen nicht zurückgreifen können: Eigentlich wollten alle Kurse im April 2020 gemeinsam nach Prag fahren, hatten schon gebucht. Dann kam Corona. Diese Lücke wird bleiben. Beim Pauken fürs Abi sei der Pandemiekontext aber vielleicht sogar ein Vorteil gewesen, meint Lückemann. Es sei ihr teils leichter gefallen, sich zu fokussieren, »man konnte ja nicht sagen: Ich gehe am Wochenende mal auf eine Geburtstagsfeier«.

Sie habe gelernt, besser selbstständig und auch von zu Hause zu arbeiten, das werde sich an der Uni womöglich auszahlen. Ab Herbst will sie Medizin studieren - und hofft, dass dann wieder mehr Präsenzvorlesungen stattfinden.

Was die Lerninhalte betrifft, fühlen sich Belchhaus und Lückemann gut gewappnet. Beide sind froh, dass nicht auf Präsenzprüfungen verzichtet wurde. Die leidige Diskussion um die Wertigkeit des »Corona-Abis« war aus Belchhaus‘ Sicht »absolut nervig«.

Den Sommer wollen sie zum Reisen nutzen. Belchhaus plant, mit einem Interrail-Ticket gemeinsam mit Freunden im August per Zug in Österreich, Italien und Frankreich unterwegs zu sein. Angesichts sinkender Corona-Zahlen scheint das machbar, doch ein Restzweifel bleibt: »Ich hoffe, dass es möglich ist.« Danach will der Treiser weiter in einem Einkaufsmarkt jobben, anschließend ab Dezember ein halbes Jahr in Australien verbringen. Auch die Zeit danach plant er im Ausland: Ihm schwebt ein Studium »Richtung Businessmanagement« in den USA vor, möglichst mit Stipendium.

Nach dem Abi unterwegs zu sein, das habe er auch schon vor Corona geplant. Doch nachdem 2020 außer einer kleinen Campingtour Reisen flachgefallen sind, hat sich der Wunsch nach Weite verstärkt. »Da gibt es schon ein bisschen Nachholbedarf: Ich versuche, so viel wegzukommen, wie es geht, will neue Leute treffen. Es ist vielleicht der einzige Zeitpunkt, an dem ich noch mal so viel Zeit habe. Ich habe gemerkt, dass ich diese Freiheit mehr schätzen, mehr rauskommmen sollte.«

Auch bei Lückemann steht Jobben auf dem Plan, damit will sie den Umzug in eine WG finanzieren. Auch Reisen soll im Sommer nicht zu kurz kommen, »aber leider nur in abgespeckter Version per Flugzeug«. Sie zieht es mit Freunden an Portugals Nordküste, »irgendwas, wo kein Risikogebiet ist«. Von einem eher spontanen Städtetrip hat sie aber Abstand genommen, das sei ihr wegen der Pandemie noch zu unsicher.

Am heutigen Nachmittag steht erst einmal die Abiturfeier an der CBES an. Zumindest können laut Lückemann auch die Eltern zuschauen - per Livestream.

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