Seit dem Ende der Weihnachtsferien lernen die meisten Schüler wieder zu Hause. Doch der Distanzunterricht erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Anstrengung und Disziplin. 	 SYMBOLFOTO: TI
+
Seit dem Ende der Weihnachtsferien lernen die meisten Schüler wieder zu Hause. Doch der Distanzunterricht erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Anstrengung und Disziplin. SYMBOLFOTO: TI

»Große Anstrengung für alle«

  • vonChristina Jung
    schließen

Zum Schulstart vergangene Woche hat die Pandemie einmal mehr die Defizite in Sachen Digitalisierung der Schulen aufgezeigt. Auch wenn die größten technischen Probleme behoben sind - wer einen adäquaten Distanzunterricht bieten soll, braucht mehr als eine funktionierende Informations- und Kommunikationsplattform.

Mit meinem Passwort stimmt etwas nicht. Ich kann mich nicht anmelden. Das dauert alles so lange. Die Videokonferenz funktioniert nicht. Zum digitalen Schulstart in der vergangenen Woche musste so mancher Lehrer die technischen Probleme seiner Schüler lösen. Gerade an den weiterführenden Schulen hatten die für die Informationstechnik zuständigen Pädagogen alle Hände voll zu tun. Denn im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr soll diesmal ein digitaler Unterricht stattfinden, der im Anschluss auch Leistungsbewertungen ermöglicht und deshalb irgendwie laufen muss.

Immerhin: Nachdem es zu Wochenbeginn große Schwierigkeiten mit der von den Schulen im Landkreis Gießen verwendeten Informations- und Kommunikationsplattform IServ gab, funktioniert die Technik wieder. »Es läuft, aber es erfordert eine große Disziplin und Anstrengung von allen Beteiligten«, sagt Alexandra Kuret, Leiterin der Gesamtschule Hungen. Heißt konkret: Lehrern verlangt die derzeitige Arbeitsweise sehr viel mehr ab. Morgens sind sie im Präsenz-, nachmittags im Distanzunterricht gefordert.

Auch für viele Schüler ist die Situation eine große Herausforderung. Sie werden mitunter mit Arbeitsaufträgen überflutet, müssen sich neu organisieren. Kuret: »Das sind ganz andere Anforderungen als im normalen Unterricht.« Dazu kommt: Bei den jüngeren Jahrgängen sind oft die Erziehungsberechtigten mit im Boot. »Wir bekommen Rückmeldungen, dass manche Eltern an ihre Grenzen stoßen«, berichtet die Direktorin.

Neben diesen Belastungen, sind es die technischen Rahmenbedingungen, an denen Schulleiter Kritik üben. Zwar sei die große Mehrheit der Schüler mittlerweile mit Endgeräten versorgt. Dafür mangele es an anderer Stelle: zu wenig Bandbreite bei den Internetanschlüssen etwa.

»Wir wurden vom Kultusministerium aufgefordert, einen adäquaten Distanzunterricht zu gewährleisten, haben aber gar nicht die technischen Möglichkeiten«, ärgert sich Peter Blasini, Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) in Lich. Schon vor Jahren habe man einen Glasfaseranschluss beim Landkreis beantragt. »Geschehen ist bis heute nichts.«

Ganz so stimmt das nicht, Nach einem mehr als einjährigen, komplexen Vergabeverfahren steht man kurz vor der Auftragsvergabe und Landrätin Anita Schneider sagt, dass die Breitbandanbindungen der Schulen höchste Priorität habe (siehe Interview auf Seite 29) .

Eine weitere Forderung von Schulseite: Fachleute vor Ort, die für die Administration und Betreuung des IT-Bereiches zuständig sind. »Jedes mittelgroße Unternehmen hat dafür seine eigene Abteilung. Wir als Schule mit 760 Schülern und 70 Lehrkräften haben diese Größe«, sagt Blasini. Doch wie andernorts kümmern sich an der DBS vielfach Lehrer um den Support, wenn es technische Probleme gibt und erhalten als Ausgleich einige Deputatsstunden. Darüber hinaus werden die Schulen von Mitarbeitern des Landkreises unterstützt. Doch das reiche laut Blasini nicht aus. Jörg Keller, Leiter der Theo-Koch-Schule in Grünberg, findet zudem: Lehrer sind keine IT-Spezialisten, außerdem zu teuer. Und Alexandra Kuret meint, dass die Pädagogen an anderer Stelle gebraucht würden.

Der Schulträger hat in den vergangenen Jahren schon reagiert und Stellen aufgestockt. »Aktuell haben wir sieben Stellen für Supporter, eine Teamleiterstelle und einen IT-Koordinator - das sind neun Leute. Außerdem gibt es noch einen Stellenanteil bei der stellvertretenden Leitung des Fachdienstes«, sagt Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl. Und es sollen noch mehr Fachleute dazukommen. »Im Medienentwicklungsplan sind bis 2023 insgesamt zwölf Stellen vorgesehen, davon eine Teamleitung und eine Koordinationsstelle. Die Aufstockung erfolgt jährlich«, so Schmahl.

Wird das reichen, um die Lehrer vor Ort zu entlasten? Im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen ja, sagt Schmahl und nennt beispielsweise die Vereinheitlichung von Geräten, um den Fachleuten des Landkreises die Arbeit zu erleichtern oder die Ausstattung der Schulen mit Breitband. Letzteres verbessere die Möglichkeiten der Geräte-Fernwartung und spare so Arbeitszeit.

Bis es soweit ist, lautet die Maxime an den Schulen: Durchhalten. »Es ist eben eine schwierige Gemengelage. Jammern hilft uns nicht weiter. Wir müssen schauen, dass wir es mit unseren Ressourcen irgendwie hinbekommen«, sagt Jörg Keller und verweist auf die Ausnahmesituation, in der wir uns befinden. Seine Hoffnung für die Zukunft: Dass die Politik die richtigen Schlüsse zieht, wenn alles vorbei ist.

Wie die Situation in der Stadt Gießen ist, lesen Sie auf Seite 17.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare