Eine Strafkammer des Landgerichts Gießen versucht zu klären, warum ein 28-Jähriger im März seine Frau in Heuchelheim lebensbedrohlich verletzte. FOTO: KHN
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Eine Strafkammer des Landgerichts Gießen versucht zu klären, warum ein 28-Jähriger im März seine Frau in Heuchelheim lebensbedrohlich verletzte. FOTO: KHN

Große Ängste und Erinnerungslücken

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Gießen/Heuchelheim(so). Gleich mehrfach bittet die zierliche Frau: "Lassen Sie meinen Mann zu uns zurückkommen. Die Kinder brauchen ihn sehr." Und überhaupt, es sei das erste Mal, "dass er sich von uns als Familie entfernt hat", sagt die 24-Jährige zu Richterin Regine Enders-Kunze mit flehendem Ton.

Jener Mann, ein heute 28 Jahre alter Syrer, hat im März seine Frau, die nun für ihn bittet, in der gemeinsamen Wohnung in Heuchelheim schwer verletzt und sich mit den drei gemeinsamen Kleinkindern für mehr als sechs Stunden in der Wohnung verschanzt. Ein Großaufgebot an Polizei war vor Ort, bis der Mann in den späten Abendstunden aufgab. Die Kinder bleiben körperlich unversehrt. Er ist seitdem in einer Klinik.

Mutmaßlich mit einem Messer hat der Mann seiner Frau die Nase halb abgeschnitten und einen Schnitt am Rücken zugefügt. Lebensgefährlich aber war ein Schnitt oder Stich in den Unterbauch, der so heftig war, dass der Darm verletzt wurde und ein Stück davon aus der Wunde quoll. Zudem wurde eine Arterie beschädigt. Ohne schnelle medizinische Versorgung hätte die Frau verbluten können. Sie war blutüberströmt in einen nahen Imbiss geflüchtet und wurde später notoperiert.

Warum der Mann gewalttätig wurde, das versucht die 5. Strafkammer des Gießener Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Enders-Kunze zu erhellen. Der Beschuldigte selbst sagt, er habe daran keine Erinnerung. Er schließt aber nicht aus, dass es sich so wie geschildert zugetragen hat. Er habe da, so lässt er am zweiten Verhandlungstag gleich eingangs erklären, "vollstes Vertrauen in die Aussagen meiner Frau". Doch die sind gekennzeichnet von Erinnerungslücken, die die Richterin mehrfach verdutzt nachfragen lassen. Denn die Angaben der Frau vor Gericht sind wesentlich weniger präzise, als das, was sie direkt nach der Tat bei der Polizei in einer ersten Vernehmung zu Protokoll gegeben hat.

Woran sich die Ehefrau partout nicht mehr erinnert: Ob ihr Mann mit einem Messer auf sie losgegangen ist, wie es die medizinische Begutachtung der Wunden nahelegt, und dass er sie womöglich gewürgt hat. Sie sprach im Zeugenstand immer wieder nur davon, geschlagen worden zu sein. Die Verletzung der Nase ("Teil-Amputation", so der Gutachter), stamme von einem Biss, sagt die Ehefrau.

"Als er mich geschlagen hat, hat er mich gar nicht gesehen. Er wusste überhaupt nicht, was er tut", berichtet das Opfer. Auf Nachfrage nach Details erklärt die 24-Jährige mehrfach, es nicht mehr genau zu wissen oder vielleicht etwas durcheinandergebracht zu haben.

Verhaltensänderung

Die Frau berichtet, dass ihr Mann sich in den letzten vier Tagen vor dem Drama außergewöhnlich verhalten habe: Er habe Ängste gehabt, fühlte sich verfolgt und bedroht, fürchtete um sein Leben sowie um das ihre und das der Kinder. "Er war überhaupt nicht mehr normal. Er aß und schlief nicht mehr. Er hat nicht mehr gesehen, was vor sich war und große Ängste vor allen Menschen in seiner Umgebung entwickelt", so die Schilderung der Zeugin. Auch das Medikament, das er in der Klinik bekommen habe, nahm er nicht: "Er hatte auch davor Angst." Er selbst äußert sich zu den Ängsten und den angenommenen Bedrohungen eher zurückhaltend.

Wenige Tage vor den Ereignissen in der Wohnung in Heuchelheim war der Mann durch die Schreibe eines nahe gelegenen Discounters "marschiert", hatte sich dabei Verletzungen zugezogen. Auch sollen weitere Fenster in der Nachbarschaft zu Bruch gegangen sein. Die Polizei hatte ihn seinerzeit mitgenommen, nach einem Kurzaufenthalt in einer Klinik war er jedoch schnell wieder zu Hause. Der Beschuldigte selbst kann sich nicht mehr erinnern, warum er einen Tag in der psychiatrischen Klinik verbracht hat.

Die Eheleute jedenfalls sprechen von einem glücklichen Familienleben und einem guten Verhältnis. "Ich liebe meine Frau und will zu ihr zurückkehren", sagt der 28 Jahre alte Beschuldigte.

Enders-Kunze machte der mittlerweile mit den Kindern in Stuttgart lebenden Frau klar: "Es geht nicht darum, Ihren Mann zu bestrafen, sondern um zu prüfen, ob er krank ist und ob er behandelt werden muss." Die Verhandlung wird fortgesetzt.

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