Max Sprenger (rechts) zeigt, wie man humorvoll mit einem schweren Schicksal umgeht. Sein bester Freund Till liest im Statt Gießen Passagen aus Sprengers Buch "Tsunami im Kopf" vor. FOTO: LUN

"Er ist der größte Dickkopf"

Mit 14 Jahren erlitt Max Sprenger im Urlaub eine Hirnblutung und ist seitdem schwerstbehindert. In seinem Buch "Tsunami im Kopf" verarbeitet er die Erlebnisse. Jüngst war er in der Kinokneipe Statt Gießen in Lich zu Gast, um daraus vorzulesen und von seinem Weg zurück ins Leben zu erzählen.

Als Max Sprenger in der Kinokneipe in Lich ankommt, müssen erst einmal Stühle beiseitegerückt werden. Der Saal ist so prall gefüllt, dass der 21-Jährige mit seinem Rollstuhl kaum bis zur Bühne gelangt. Ursprünglich sollte die Lesung aus seinem Buch "Tsunami im Kopf" in der Asklepios-Klinik stattfinden. Aber bei so vielen Anmeldungen vorab wurde die Veranstaltung kurzerhand ins Statt Gießen verlegt. Trotzdem müssen manche stehen oder sogar auf der Bühne sitzen. Das Schicksal des jungen Mannes interessiert die Menschen.

Mit 14 erlitt er während eines Urlaubs in Holland eine Hirnblutung. Was folgte, wäre wohl für viele ein Albtraum: Locked-in-Syndrom. Praktisch über Nacht war er gefangen im eigenen Körper, konnte sich weder bewegen noch sprechen. Aber aufgeben kam für ihn nicht infrage.

Heute ist Max Sprenger 21, sitzt im Rollstuhl und spricht mit viel Mühe. Sein Buch hat er komplett auf dem Handy geschrieben. Das Vorlesen überlässt er lieber einem langjährigen Freund. Im Buch spricht Sprenger seinen Leser direkt an, schreibt sehr locker, aber auch entwaffnend ehrlich. In den kurzen Passagen, die im Statt Gießen vorgelesen werden, erfahren die Zuhörer von den wichtigsten Stationen auf seinem Weg zurück ins Leben. Vom Aufwachen auf der Intensivstation und dem Gedanken: "Das konnte alles nicht echt sein."

Er schildert die ersten Tage in der Reha-Klinik und die absolute Hilflosigkeit, der er sich anfangs ausgesetzt sah. "Das Schicksal hat viele Varianten, grausam zu sein", hat er in diesen Tagen gelernt. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, wie viel Persönlichkeit verloren geht, wenn ein Mensch nicht mehr sprechen und keinen Witz erzählen kann.

Aber so schwer diese Passagen zu verdauen sind, umso eindrucksvoller ist die Kehrtwende, die Sprenger gemacht hat. Anfangs konnte er sich nur durch Augenzwinkern mitteilen. Seine Mutter musste das Alphabet aufsagen, damit er bei dem gesuchten Buchstaben zwinkern konnte. Eine Physiotherapeutin half ihm, wieder ein "Töne machender Mensch" zu sein. Nach vielen Therapiestunden schaffte er es, endlich sein erstes Wort zu formen: Mama.

Auf die Fragen des Publikums antwortet Sprenger selbst. Trotz des ernsten Themas ist die Stimmung in der Kinokneipe erstaunlich fröhlich. Denn noch beeindruckender als seine Geschichte ist der Mensch Max Sprenger. Er stellt sich auch sehr intimen Fragen, antwortet ehrlich und ernst. Aber schon im nächsten Moment kann er wieder Witze machen.

Auch Sprengers Begleiter teilen ihre Erfahrungen mit. Ob Mutter oder guter Freund - für sie war das, was ihm widerfuhr, niederschmetternd: "Wenn einem guten Freund so etwas passiert, fühlt sich das gar nicht real an." Aber die Hoffnung, dass er sich zurück ins Leben kämpfen würde, kam nach dem ersten mühevollen Lachen. "Er ist einfach der größte Dickkopf, den ich kenne", sagt sein bester Kumpel Till. Und das bezweifelt keiner im Saal.

Ob Sprenger zwischendurch den Mut verloren hat? Absolut. Er fühlte sich einsam, wollte seiner Mutter nicht zur Last fallen. Aber zum Glück setzte sich der Dickkopf durch. "Ich wollte einfach weiterleben", erzählt er. "Ich wollte nicht akzeptieren, dass es mit 14 schon vorbei ist."

Warum Sprenger seine Geschichte so offen erzählt, ist klar. Er will aufmerksam machen auf das Geschenk, das das Leben darstellt, will den Blick der Menschen abwenden von Status und Oberflächlichkeit. All das kann schließlich innerhalb einer Nacht verschwinden. Mit seinem starken Team an Unterstützern will er jetzt gesundheitlich weiter vorankommen, sein Abitur machen und am liebsten studieren. Was er nicht will, ist seine Situation einfach akzeptieren. So viel unverhofft Gutes sei ihm jetzt schon passiert, dass er überzeugt ist, da geht noch mehr.

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