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Auch in Viola Millers Garten in Grünberg findet sich Basaltstein aus dem Vogelsberg. Ihr Roman "Toms Reise zu den Göttern", der auf dem Hoherodskopf spielt, erscheint ab Montag, 17. Juni, als Fortsetzungsroman in dieser Zeitung.

Götter auf dem Hoherodskopf

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"Woran merkt man, dass man im Vogelsberg ist? - Wenn die Kühe schöner werden als die Frauen!" Viola Millers Debütroman "Toms Reise zu den Göttern" handelt nicht nur von einem Jugendlichen, der auf dem Hoherodskopf allerhand mystischen Gestalten begegnet. Im Werk der Grünbergerin geht es auch um Klischees und Vorurteile.

Gibt es für Jugendliche ein langweiligeres Ziel als den Hoherodskopf, wenn es auf Klassenfahrt geht? Wohl kaum, meint Tom jedenfalls: "Dieser langweilige Berg im noch langweiligeren Vogelsberg."

Der 13-Jährige ist die Hauptfigur in "Toms Reise zu den Göttern", dem Debütroman der Grünbergerin Viola Miller. Tom ist ein Außenseiter in seiner Klasse. Er wird gemobbt, weil er sich immer wieder in erfundenen Geschichten verstrickt. Doch all sein Jammern hilft nichts, er muss mit auf den Berg. Auf dem höchsten erloschenen Vulkan Europas angekommen, eröffnet sich dem Jugendlichen dann aber im wahrsten Sinne des Wortes eine sagenhafte Welt.

"Der Vogelsberg und seine Mythen sind ein regionaler Schatz, der es wert ist, erzählt zu werden", sagt die Autorin. So begegnen dem Jugendlichen in der Geschichte allerhand gute, aber auch gefährliche Wesen aus der nordischen Mythologie und heidnische Gottheiten, die offenbar nur er sehen kann. Darunter etwa die schicksalsbestimmenden Frauen Urd, Verdandi und Skuld, die weiße Ilse vom Bilstein oder der grüne Mann, der Geist der Wälder. Dieser dürfte nicht zuletzt einigen Laubachern bekannt sein, gibt es dort doch den Grünemannsbrunnen und die Grünemannsgasse.

Die Idee, einen Roman zu verfassen, hatte die 38-Jährige bereits vor längerer Zeit. "Ich habe schon immer gerne geschrieben", sagt sie. "Allerdings keine Geschichte bis zum Ende." Bis jetzt. "Ich habe mir diesmal eine Frist gesetzt und meinen Schweinehund verprügelt", sagt die Autorin, die sich selbst aber noch nicht als solche bezeichnen will. "Wenn man erzählt, dass man schreibt, wird man schnell als Spinner abgestempelt", meint sie. Dennoch schrieb sie weiter und legte das Ergebnis zunächst ihrer Familie und Freunden vor. Das Echo war positiv. "Sogar meine Kinder fanden es gut. Und die sind schonungslos ehrlich, wenn es nicht so wäre", sagt die dreifache Mutter und schmunzelt.

Das Buch richte sich gleichermaßen an Kinder und Jugendliche wie an Erwachsene, die sich für die Region interessieren. "Ausbildungstechnisch bin ich Grundschullehrerin", sagt Miller von sich. Man hört heraus, dass sie sich kaum noch mit diesem Job identifiziert. Am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn wurde sie von einem befristeten Vertrag zum nächsten gereicht - bis es ihr dann reichte. "Zeitweise hatte ich zwei Stellen gleichzeitig, dazu kleine Kinder - da musste ich mich fragen, ob ich diese Arbeit noch die nächsten 30 Jahre machen will", sagt Miller. Sie überlegte nicht lange, bewarb sich als "Hausdame" in der Jugendherberge auf dem Hoherodskopf und wurde eingestellt.

Diese Arbeit hat Miller auch beim Schreiben geholfen. "Die Recherche ergab sich fast von allein", sagt sie. Gespräche mit Kollegen halfen ihr ebenso wie ihre Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Sie ist mit ihren Eltern oft dort oben gewesen und war mit ihrem Großvater, der Jäger war, viel in der Natur unterwegs. "Ich habe einfach ein Feeling für die Sache", sagt sie. Dennoch lagen beim Schreiben immer Pflanzen- und Naturkundeführer zum Nachschlagen bereit. "Ich beschreibe ausgiebig die Natur." So ist im Roman etwa von den Hecken- und Heidelandschaften, rosaroten Stockmalven, orangegelben Ringelblumen, pinkfarbenen Lichtnelken und weißen Margariten die Rede.

Aber gerade auch die grauen, nebligen Tage dort oben im Wald inspirierten die Autorin. "Wenn man spazieren geht, die bizarren Fels- und Baumformationen sieht, hat der Ort etwas Mystisches", sagt sie. Alte Sagen und Legenden von Brunnengeistern, Feen und anderen Fabelwesen hätten sie schon immer fasziniert. So verband sie kurzerhand beide Welten - die aus Sagen und Legenden mit der modernen Welt der Jugendlichen, in der Smartphones und WLAN die Hauptrolle spielen.

Aber auch der Humor sollte nicht zu kurz kommen. "Das war mir sehr wichtig. Es soll ja auch unterhaltsam sein." Im Roman spielt sie auch mit Vorurteilen. So fragt ein Schüler seine Klassenkameraden: "Woran merkt man, dass man im Vogelsberg ist? - Wenn die Kühe schöner werden als die Frauen!"

Das Thema ihres Romans trifft den Zeitgeist, findet Miller. "Gerade in unsicheren Zeiten, in unserer hoch technisierten Welt, boomt der Zugang zur Zauberwelt." Auf rund 100 Seiten begleitet der Leser Tom auf seiner "Heldenreise" durch die Landschaft des Vogelsbergs, der dank seiner mystischen Verbündeten aus dem Reich der Legenden seinen Platz in der Gesellschaft findet. "Am Ende siegen Hilfsbereitschaft und Loyalität über die Mächte des Bösen", fasst Miller zusammen.

In ihrem Computer schlummern noch weitere angefangene Geschichten und Ideen, die sie weiterverfolgen will. Aber erst mal komme es darauf an, wie ihr erster Roman bei den Menschen ankommt. "Die Beziehung zwischen Autor und Leser ist freiwillig", stellt sie fest. Und hofft, dass sich viele Leser finden werden, die gern "ihre Zeit dafür opfern".

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