Phänomenale Erzählerin: Karen Köhler im "Ulenspiegel"

Ihr Buch schlug ein wie eine Bombe. Mit "Wir haben Raketen geangelt" eroberte sich Karen Köhler nicht nur die Sympathien der Leser, auch die Kritiker waren sich selten so einig in ihren Lobeshymnen.

Dabei bedient die in Hamburg lebende Autorin mit ihrem Debüt das eher selten gepflegte Genre der Erzählungen. Dass die es aber in sich haben, konnte man am Mittwochabend live im "Ulenspiegel" erleben: Die aparte Schwarzhaarige ist nicht nur eine phänomenale Geschichtenschreiberin, sondern auch eine brillante Vorleserin. Wen wundert’s, hat Köhler doch zwölf Jahre lang als Theaterschauspielerin gearbeitet, bevor sie die Seiten wechselte.

Das stimmt allerdings nur bedingt. Denn geschrieben habe sie eigentlich schon immer, weil sie Geschichten in sich trage, erklärt die 40-Jährige im Gespräch mit Gastgeberin Karina Fenner vom Literarischen Zentrum Gießen (LZG). Und was für Geschichten! In "Cowboy und Indianer", die sie für ihre Lesung in Gießen ausgewählt hat, explodiert die Sprache geradezu. In schillernden Farben malt die fabelhafte Fabuliererin die Begegnung einer jungen Deutschen namens Katharina, kurz Kat genannt, mit dem Indianer Bill mitten in der Wüste von Nevada im Death Valley aus.

Dabei verwebt sie geschickt dieses schräge Roadmovie mit einer packenden Rückblende in Katharinas Kindheit und Jugend, in der die Cowboy- und Indianerspiele aus dem Ruder liefen und sie schließlich vom Großmaul Markus vergewaltigt wurde.

Es steckt so viel pralles Leben in diesen rund 50 Seiten, die Köhler mit sicherem Gespür für Betonungen und Atempausen derart fesselnd vorträgt, dass das Publikum tief eintauchen kann in die entrückte Welt, in der Mutter Erde schwarze Tränen weint. Dabei spielt Köhler gekonnt mit Assoziationen zu Cowboy und Indianer, Las Vegas und gelangweilten Jugend-Gangs, sodass die Bilder problemlos im Kopf entstehen und die Story wie ein rauschender Film am Zuhörer vorbeizieht.

Welches Talent in ihr gärt, das hat auch die Jury des renommierten Ingeborg-Bachmann-Preises erkannt, die sie im vergangenen Sommer einlud, ihr damals noch unveröffentlichtes Manuskript "Il Comandante" in Klagenfurt vorzutragen. Die Koffer waren schon gepackt, der Flieger sollte in wenigen Stunden starten, da erhielt die Erwachsene die niederschmetternde Diagnose "Windpocken", also Quarantäne.

"Ich habe damals geheult", erinnert sich Karen Köhler heute, "aber für das Buch war es eine versteckte Werbekampagne." Das ging dann tatsächlich ab wie eine Rakete und liegt inzwischen in der sechsten Auflage im Hanser Verlag vor. Übrigens, den Schutzumschlag des 240 Seiten starken Bandes hat die vielfältig Begabte auch gleich selbst gestaltet.

Was wird auf diese neun sensationellen Short Storys folgen, will Moderatorin Fenner wissen. Nun, erst einmal will die Dramatikerin ihren Verpflichtungen beim Deutschen Nationaltheater in Weimar nachkommen und ihr drittes Kinder- und Jugendtheaterstück zum Thema Helden liefern. Für den SWR hat sie bereits eine neue Erzählung verfasst, und ein Arbeitsstipendium des Goethe-Instituts wird sie nach Reykjavik führen – eine Chance, in Ruhe einen Roman zu entwickeln. Wer weiß. Marion Schwarzmann

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