1908 tragen die Bergleute noch Froschlampen und Karbidlampen. Zehn Jahre später sind in dem Bergwerk mehr als 1300 Menschen tätig. FOTOS: PM/SRS
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1908 tragen die Bergleute noch Froschlampen und Karbidlampen. Zehn Jahre später sind in dem Bergwerk mehr als 1300 Menschen tätig. FOTOS: PM/SRS

"Glück auf" unter Linden

  • vonStefan Schaal
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Das bedeutendste deutsche Eisenmanganerz- Vorkommen, 7,8 Millionen Tonnen, wurde von 1843 bis 1976 in Großen-Linden, Leihgestern und angrenzenden Gebieten abgebaut. Einige Stollen gibt es noch heute. Nur hat sie seit Jahrzehnten niemand mehr betreten.

Eine Kamera senkt sich durch ein gebohrtes Loch nach unten. Hinab in die Dunkelheit. Hinab in die Vergangenheit. Es ist das Jahr 1968, bei Vorbereitungen für den Bau des Gießener Rings werden bei Linden die Untergründe im Erdboden untersucht. Die Kamera erfasst unten in 30 Metern Tiefe Bretter, Isolierkabel, die Markierung "343" an einer Wand und Gänge in einem verzweigten Stollensystem. Wie durch ein Schlüsselloch geben die Fotos einen Blick auf eine Welt frei, die seit Jahrzehnten niemand mehr betreten hat. Es ist ein Einblick in eine einst große Bergbauwelt.

In Großen-Linden, Leihgestern und in angrenzenden Gebieten existierte von 1843 bis 1976 ein Bergbaubetrieb, in dem in den Hochzeiten mehr als 1300 Arbeiter tätig waren. Zwischen Oberhof, Unterhof, dem Südrand von Kleinlinden und dem heutigen See "Grube Fernie" lag das bedeutendste deutsche Eisenmanganerz-Vorkommen. Insgesamt wurden über und unter Tage 7,8 Millionen Tonnen abgebaut. Von 1853 bis 1897 war das Bergwerk teilweise, dann vollständig im Besitz der englischen Industriellenfamilie Fernie, später im Besitz von Krupp.

Es ist ein sonniger Samstagnachmittag im Herbst. Hunde tollen auf einer riesigen grünen Wiese am östlichen Rand des Bergwerkwalds. Hier, an dieser Stelle, lag das frühere Zentrum des Erzabbaus, der Betrieb 8. Ein Großteil der Stollen lief hier zusammen, außerdem befanden sich hier der Eingang des Hauptstollens sowie eine Erzwäsche, das Elektrizitätswerk und viele Betriebsgebäude.

Auf den ersten Blick fallen Spuren dieser Zeit zumindest auf der grüne Wiese nicht ins Auge. Doch nur wenige Meter entfernt gibt es zahlreiche Gebäude, die an den Erzabbau erinnern. Am Oberhof und am Unterhof in Linden stehen beispielsweise mehrere Wohnhäuser der ehemaligen Bergwerkssiedlungen.

Zahlreiche Lindener erinnern sich daran, als im Oberhof im April 1993 das frühere Kutscherhaus der Bergwerkssiedlung eines Tages plötzlich einstürzte und drei Jahre später abgerissen werden musste. "Dort hatten Bergarbeiter unter Tage im Schichtverfahren abgebaut und die Stellen nicht verfüllt", berichtet Dr. Philipp Bockenheimer, der sich seit Jahren mit der Lindener Bergbaugeschichte beschäftigt.

Ein Grillgebäude und das Vereinsheim des Tennisclubs im Naherholungsgebiet der Grube Fernie sind frühere Zechengebäude. Und in der Sudetenstraße in Großen-Linden hatte in dem Haus, in dem bis vor kurzem der Kleintierzuchtverein H 40 zu Hause war, der Wiegemeister sein Büro. Auch Sanitär- und Sozialräume für die Arbeiter waren dort untergebracht. Nach der zehn Stunden langen Schicht wuschen sich die Bergleute hier notdürftig Gesicht und Hände.

Braune Spuren hinterließen die Erzfuhrwerke vom Unterhof zur Lahn und die Seilbahn über die Klinikstraße in Gießen. Viele Bergleute, meist Landwirte im Nebenerwerb, liefen nach ihrer Schicht oft Stunden nach Hause in ihre Dörfer nördlich der Lahn. Aus Großen-Linden, Leihgestern oder den Pohlheimer Dörfern waren nur wenige der Arbeiter. "Viele kamen aus dem weiteren Umland wie zum Beispiel aus dem Lahn-Dill-Revier", berichtet Bockenheimer. "Es wäre deshalb nicht ganz zutreffend, Linden als Bergbaustadt zu bezeichnen. Die Leihgesterner und die Großen-Lindener waren eher wohlhabende Bauern und hatten eine kritische Haltung zum Bergbau in ihrer Gemarkung."

Die kürzlich verstorbene Edith Satzinger lebte mit ihrer Familie in einer Werkswohnung auf dem Unterhof, den die Leihgesterner, erzählte sie einmal, als "Ende der Welt" bezeichneten. Ihr Vater war der Büroleiter des Bergwerks. In einem Interview mit Bockenheimer berichtete sie, wie sie Anfang der 1930er Jahre als sieben Jahre altes Mädchen ihren Vater begleitete, als er die Lohntüten verteilte. An der Hand ihres Vaters schritt sie durch den Eingang, stieg eine Wendeltreppe hinunter. Eine kleine E-Lok, ausgepolstert mit Kissen, brachte sie 30 Meter tief in den Hauptstollen. Die Arbeiter hätten ihr Geld in Empfang genommen. "Und wenn sie rauskamen, haben sie es meist sofort versoffen", erzählte Satzinger.

In dem riesigen System von Fahrstollen wurde das Erz in den ersten Jahren noch mit Grubenpferden, später unter Einsatz von Dampflokomobilen befördert. "Da gibt es eine tragische Geschichte", berichtet Bockenheimer. "Einmal wurde ein Pferd von einer Benzinlokomotive totgefahren." Die Arbeiter hätten das Tier in ihr Herz geschlossen gehabt. "Sie haben deshalb zusammengelegt, um es beerdigen zu können." Doch die Verwaltung habe es bereits dem Pferdemetzger überstellt.

1976 wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Das Bergwerk hatte zu diesem Zeitpunkt noch eine Belegschaft von einem Steiger und drei Bergleuten. Ende des Jahres erwarb die Stadt Großen-Linden für 55 000 Mark die 529 500 Quadratmeter große Fläche des Tagebaus Feldwiesen und baute sie zum Naherholungsgebiet "Grube Fernie" aus.

Ein 20 Kilometer langer Radwanderweg, erarbeitet von Bockenheimer, macht heute auf die Spuren des Erzabbaus aufmerksam. An sieben Stationen erinnern große Schautafeln an den Bergbau in Großen-Linden und Leihgestern. Doch Bockenheimer befürchtet, dass die bewegte Bergbaugeschichte mehr und mehr in Vergessenheit gerät. "Die Tafeln verblassen." Und im Heimatkundlichen Arbeitskreis sei kein Nachwuchs absehbar.

Bockenheimer wirft nochmal einen Blick auf die Fotografien des unterirdischen Stollensystems aus dem Jahr 1968 vor dem Bau des Gießener Rings. "So wie auf den Bildern sieht es dort noch heute aus", sagt er. Das Areal rund um den Zugang zum früheren Hauptstollen sei in Privatbesitz, sagt er. Die Hoffnung, diese Gänge in mehr als 30 Metern Tiefe noch einmal zu betreten hat er nicht aufgegeben. "Klar wäre es reizvoll, da einmal hinabzusteigen."

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