Giftig, ansteckend, ätzend

  • Patrick Dehnhardt
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Wenn Gas aus einem Leck austritt oder nach einem Unfall auf der Autobahn Chemikalien auslaufen, dann sind sie zur Stelle: Die Gefahrstoffzüge der Feuerwehr. Im Landkreis Gießen übernehmen vor allem Ehrenamtliche diese Aufgabe. Wie arbeiten sie im Ernstfall?

Dieser Einsatz ist Kreisbrandinspektor Mario Binsch besonders in Erinnerung geblieben: Ein Flüssiggastank war undicht. Der Inhalt verteilte sich über das Areal einer Tankstelle, es herrschte Explosionsgefahr. Die zuständige Wartungsfirma hatte einen Anfahrtsweg von mehreren Stunden, konnte die Situation also nicht kurzfristig beheben. Dafür wussten die Freiwilligen Feuerwehrleute des Gefahrstoffzugs, was zu tun ist.

Feuerwehrleute gingen mit Strahlrohren in Stellung, um bei einer Explosion die Flammen sofort niederzuschlagen. Mit Ventilatoren wurde Luft auf das Areal der Tankstelle geblasen, um das Gasgemisch so lange zu verdünnen, bis es nicht mehr explosiv war. Schließlich schloss einer der Feuerwehrmänner in spezieller Schutzkleidung den Haupthahn.

Wenn Chemikalien nach einem Unfall austreten oder eine Tierseuche in einem Stall festgestellt wird, kommen die Gefahrstoffzüge der Feuerwehren zum Einsatz. Dabei handelt es sich um Spezialisten. Im Landkreis Gießen sind es großteils Ehrenamtliche, die sich für den Einsatz in den zwei Gefahrstoffzügen weitergebildet und auf bestimmte Aufgaben spezialisiert haben.

So kümmert sich beispielsweise die Messkomponente, eine Gruppe aus Laubach, darum, an Einsatzstellen herauszufinden, mit welchem Stoff sie es zu tun hat oder ob giftige Stoffe in die Luft, Bäche oder das Abwasser gelangt sind. Andere Feuerwehrleute haben trainiert, im Chemikalienschutzanzug undichte Fässer abzudichten. Und wieder andere wissen genau, wie man Verletzte bei Kontakt mit gefährlichen Stoffen reinigt - im Fachjargon Dekontamination genannt.

Da es eine Vielzahl an Stoffen gibt, ist die Ausbildung recht umfangreich. Generell wird in drei Gefahrenklassen unterteilt, erklärt Kreisbrandinspektor Binsch: Atomar, biologisch und chemisch. Atomare Stoffe findet man beispielsweise in Krankenhäusern - Stichwort Chemotherapie. Da diese Medikamente auch transportiert werden, kann einem das Atomzeichen auch an Fahrzeugen auf der Straße begegnen.

Beispiel für einen Einsatz mit biologischer Gefahr war der Ausbruch von Q-Fieber in einem Tierstall vor einigen Jahren, sagt Binsch. Damals mussten die Einsatzkräfte einen Stall hermetisch abdichten und dafür sorgen, dass das Virus auch nicht über das Abwasser nach draußen gelangte.

Chemische Gefahren gibt es fast überall, vom mit Lack beladenen Laster bis hin zum giftigen Rauch nach einem Großbrand. In Buseck, Gießen, Lich und Linden gibt es zudem Betriebe und Labore, die aufgrund der Mengen der Gefahrtstoffe oder der Gefährlichkeit des Stoffs, Virus oder Bakteriums als sogenannte Störfallbetriebe klassifiziert sind. Für diese gibt es genaue Pläne, was bei einem Unfall zu tun ist. Ein Vorteil: Hier ist genau bekannt, was die Risiken sind.

Das sieht beispielsweise bei einem Unfall mit mehreren Gefahrstofflastern anders aus. "Da kommen Stoffe zusammen, die sonst nie aufeinandertreffen", sagt Binsch. Dann arbeiten die Feuerwehren oft nach einem Ausschlusskriterium. Wenn sich beispielsweise zwei Stoffe miteinander vermischt haben, von denen sich einer durch Metall fressen kann, würde es wenig Sinn ergeben, diesen in ein Metallfass zu füllen.

Die Einsätze der Gefahrstoffzüge im Landkreis Gießen sind glücklicherweise recht selten. Im vergangenen Jahr etwa wurden sie nur sieben Mal alarmiert. Eine überschaubare Zahl im Vergleich zu den vielen Verkehrsunfällen und Bränden. Doch wenn sie nicht auf Stand wären, könnte schon ein Unfall verheerende Folgen haben.

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