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Trockene Bachbette - dieses Szenario droht auch im Landkreis Gießen. Der Seenbach etwa war in Freienseen bereits ausgetrocknet. Für die Wasserlebewesen hat dies dramatische Folgen. (Symbolfoto: dpa)

Niedrige Pegel

Im Landkreis Gießen droht Verbot für Wasserholen aus Bächen

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Die Pegel an Horloff, Wetter und Co. sind trotz Regens niedrig. Es drohen Entnahmeverbote. Auch die Wasserlebewesen leiden unter dem Wassermangel.

Der Regen der letzten Tage kann über eines nicht hinwegtäuschen: Die Wasservorräte in den Böden sind seit Frühjahr 2018 deutlich gesunken. Ein deutlicher Beweis dafür ist, dass bereits wenige Stunden nach den Regenschauern die Gräben zwischen den Feldern wieder trocken sind, die Pegel der Bäche niedrig bleiben. Es fließt nichts nach.

Die leeren Wasserspeicher im Boden sind nicht nur für die Landwirtschaft ein Problem, sondern auch für das Leben in den Bächen. Bei der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) des Landkreis Gießen ist man deshalb besorgt. "Mittlerweile haben wir die Situation, dass seit dem letzten Jahr unsere Bäche zu niedrige Pegel aufweisen", sagt Umweltdezernentin Dr. Christiane Schmahl. "Die Niederschläge im Winter haben die Defizite des letzten Sommers nicht ausgeglichen. Sollte sich das so fortsetzen, können Dauerschäden eintreten." Vor dem Hintergrund des Klimawandels sei das nicht völlig unwahrscheinlich.

Es sickert zu wenig nach

Kurze starke Regenschauer bringen hier keine Abhilfe: Das Wasser kommt zu schnell, um im Boden zu versickern. Es fließt ab. Doch auch in den Bächen und Flüssen sorgt es nur für einen kurzen Pegelanstieg. Denn wenn aus dem Boden nichts nachsickert, sinkt dieser wieder schnell. Wie ernst die Lage ist, zeigt folgendes: Der Landkreis hat bereits ein Verbot der Wasserentnahme aus Bächen und anderen Oberflächengewässern vorbereitet. Die Regenfälle der letzten Tage dürften dies nun ein wenig verzögern. Die Pegel an der Horloff oder dem Seenbach sind noch immer niedrig (siehe Kasten).

Die niedrigen Wasserstände in Bächen und Teichen haben für die Wasserlebewesen ernste Folgen. Das verbliebene Wasser heizt sich schneller auf. "Es fließt weniger oder gar nicht, der Sauerstoffgehalt sinkt", schildert die UNB die Folgen. Tiere wie Fische, Insektenlarven oder Bachflohkrebse wandern gewässerabwärts, um dem zu entgehen. Doch manchmal ist der Fluchtweg abgeschnitten. In solch einem Fall droht der Tod, vor allem durch Sauerstoffmangel. Dies ließ sich im Sommer 2018 in mehreren Seen und Teichen beobachten, etwa bei Utphe.

Biber als Lebensretter

Ein Tier, dass bei Trockenheit eine wichtige Rolle spielt, ist der Biber. Mit Dämmen versucht er dafür zu sorgen, dass die Eingänge seiner "Wohnung", der Biberburg, möglichst unter Wasser liegen. Hinter diesen Dämmen steht auch in trockenen Sommern dann noch Wasser, wenn sonst das Bachbett fast trocken ist. "Das sind oft die letzten Rückzugsorte für andere Wassertiere, in denen sie die Trockenheit überdauern können. Biber werden dann zu Lebensrettern", schreibt die Naturschutzbehörde. Die Tiere leiden jedoch auch unter der Trockenheit. In Sachsen wurde im Sommer 2018 beobachtet, dass sie aufgrund der Dürre die Fortpflanzung einstellten.

Der in Mittelhessen beliebte Eisvogel kommt hingegen mit der Trockenheit eigentlich gut zurecht. Er fliegt an andere Gewässer, die noch Wasser führen, um sich Futter zu holen. Davon können Fische nur träumen.

Auenlandschaften verkraften Trockenheit

Die Auenlandschaften und Pflanzen am Ufer selbst stecken die Trockenheit bislang gut weg. Daher drohe auch keine verstärkte Erosion, also der Abbruch von Uferstreifen. "Die Stabilität der Flussufer wird durch die Pflanzen gesichert", sagte Stefan Schulz, Betriebsleiter beim für die Wetter zuständigen Wasserverband Nidda. Bisher habe man keine größeren Schäden verzeichnet.

Der Wasserverband nutze hingegen die Trockenheit für Pflegearbeiten, etwa um ansonst aufgrund von Feuchtigkeit für Maschinen unzugängliche tote Bäume zu fällen. "Im letzten Jahr kamen wir an Stellen, wo wir seit Jahr und Tag nicht hinkamen", sagte Schulz.

Starkregen kaum beherrschbar

Sorgen machen dem Wasserverband jedoch die starken Gewitterregen. Auf diese könne man sich gerade bei kleinen Bächen nur schwer einstellen. Für ein Jahrhundertgewitter wie in Bellersheim 2018 ausreichende Regenrückhaltebecken vorzuhalten, sei praktisch unmöglich und kaum bezahlbar. "Je kleiner das Einzugsgebiet eines Gewässers ist, desto schlimmer wirken die Extremwetterereignisse", erklärte Schulz. Da ist der Wasserverband mit den Landwirten einer Meinung: Lieber 150 Liter Regen über mehrere Wochen verteilt als in 15 Minuten.

Die aktuellen Messwerte: Vom Regen der vergangenen Tage kommt in den Bächen teils nichts an: Die Horloff beispielsweise ist extrem niedrig. Lediglich 5 Zentimeter hoch ist der Pegelstand in Ruppertsburg. Die Wetter stagniert an der Messstelle Münster seit gut einem Monat bei rund 24 Zentimetern, im Muschenheim bei um die 30 Zentimeter. Die durch den Regen vom vergangenen Donnerstag und Freitag verursachte Welle ist schon verschwunden. Der Seenbach war an der Messstelle in Freienseen gar schon ausgetrocknet. Er führt derzeit 6 Zentimeter Wasser.

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