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Im Herbst steigt die Gefahr eines Wildunfalls rapide an. Um die Autofahrer für die Gefahren zu sensibilisieren, veranstalten Polizei, ADAC und Jägerschaft am Sonntag, 13. Oktober, einen Aktionstag auf dem Gießener Schiffenberg.

Wildunfälle

Zahl der Wildunfälle im Kreis Gießen steigt - Konkrete Zahlen

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Der Trend ist eindeutig, Wildunfälle im Kreis Gießen nehmen zu. Vor allem zwei Schwerpunktstrecken hat die Polizei ausgemacht. Besonders kritisch wird es im Herbst.

Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ereigneten sich 2018 rund 268 000 Wildunfälle. Rechnerisch also alle zwei Minuten. Eine weitere Statistik der Versicherer belegt: Am höchsten ist die Unfallgefahr im April und Mai sowie von Oktober bis Dezember. Im Frühjahr ließen vor allem Wildschweinrotten mit Frischlingen die Zahl der Crashs um rund 20 Prozent ansteigen, im Herbst komme es zu vielen Unfällen mit Hirschen, die in der Brunftzeit sehr aktiv sind. 2018 zahlten die Versicherer für jeden Wildunfall im Schnitt gut 2800 Euro. Gesamtschaden: 757 Millionen Euro, zwei Prozent mehr als im Vorjahr.

Wie sieht es im Kreis Gießen aus? Laut Statistik der Polizei zeigt der Trend - vor allem aufgrund der Zunahme der Kfz-Zulassungen - auch hier nach oben: Waren es 2014 982 Wildunfälle, waren es im Vorjahr schon 1167. Bezogen auf die Gesamtzahl aller Crashs ein Anteil von rund 20 Prozent.

Kreis Gießen: Ein Wildunfall alle 90 Minuten

Nicht anders ist das Bild im kompletten Gebiet des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Hier stieg die Zahl binnen zehn Jahren von 2871 auf zuletzt 5500 - somit ereignete sich 2018 alle 90 Minuten ein Wildunfall.

Im Kreisgebiet, so die Polizei auf GAZ-Anfrage, haben sich zwei Schwerpunkte in Sachen "Wildunfälle" herauskristallisiert: Zum ersten die L 3481 von Lich nach Nieder-Bessingen, wo sich in einem nur 300 Meter langen Abschnitt gleich mehrere Wildunfälle ereigneten. Zweiter "Hotspot" ist die L 3137 zwischen Hungen und Villingen, wobei es auch dort die meisten Crashs zwischen 5.30 und 7.45 sowie zwischen 18 und 23.30 Uhr gab. Eine Temporeduzierung ist es in beiden Abschnitten nicht gegeben, erlaubt sind somit 100 km/h.

Oft ist das viel zu schnell: Taucht ein Reh in 60 Meter Entfernung vor einem Pkw auf, ist der Anhalteweg schon 19 Meter zu lang, eine Kollision nicht zu vermeiden. Selbst bei einem Anprall mit nur 60 km/h wird aus einem 15 Kilo schweren Reh ein 800-Kilo-Trümmer. Ist der Unfallgegner aber ein Rothirsch, sind es gar fünf Tonnen. "Das ist so, als ob ein Elefant auf Ihr Auto fällt", machte gestern Guido Rehr, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen die Gefahr auch für den Autofahrer deutlich.

Kreis Gießen: Aktionstag auf dem Schiffenberg

Gemeinsam mit Dieter Mackenroth (Jagdverein Gießen), Markus Stifter (Landesjagdverband) und Wolfgang Herda (ADAC Hessen-Thüringen) - allesamt Vertreter des Veranstalterteams - stellte Rehr die Planung für den Aktionstag am Sonntag, 13. Oktober, 10 bis 15 Uhr, auf dem Schiffenberg in Gießen vor.

Unter dem Motto "Wildunfälle vermeiden - Tierleid verhindern" erwartet die Besucher ein informatives Programm. Fahrsimulatoren, Fahrzeugcheck, "Lernort-Natur-Mobil" oder ein Hindernis-Parcours gehören dazu.

Das Highlight aber dürfte ein Live-Crash-Test mit einem Wildschwein-Dummy samt Rettungsszenario von Feuerwehr, Johanniter und Polizei sein.

"Im Fokus des Aktionstags steht der Mensch", machte Polizeipressesprecher Rehr deutlich. Und verwies dazu auf die 17 Schwer- und 57 Leichtverletzten, die die Wildunfälle im Vorjahr forderten.

Kreis Gießen: 35 Rehe jeden Tag Opfer des Straßenverkehrs

Doch geht es auch um das Leid der Tiere: Mackenroth rechnete anhand von Statistiken vor, dass jeden Tag 35 Rehe und acht Wildschweine Opfer des Straßenverkehrs werden. "Und jeden zweiten Tag ein Rothirsch." Dabei konzentrierten seine Kollegen die Jagd auf Gefahrenschwerpunkte an Landstraßen, im Kreis Gießen werde das Abschusssoll sogar übererfüllt.

Schon aus Verantwortung fürs Wild übernehme man die Nachsuche bei einem Unfall, fügte Mackenroth an. Dass dies im Ehrenamt erfolge, betonte er. Mackenroth vergaß aber auch nicht, dass der Kreis Gießen dafür die Jagdsteuer erlassen hat. "Die Straßen führen nun mal durch die ›Wohn- und Esszimmer‹ des Wildes", sagte der Hubertus-Vorsitzende: Dessen sollten sich Autofahrer immer bewusst sein:

Dass diese sich oft überschätzten, räumte ADAC-Sprecher Herda ein "Der Anhalteweg ist oft länger als gedacht." Gerade an Wald- und Feldrändern seien derzeit selbst 80 km/h oft schon zu schnell. Von daher sei es geboten, mit Aktionen wie der am Sonntag auf das Verhalten der Autofahrer einzuwirken.

Denn, und darin waren sich am Ende alle einig, Ende alle einig: Anders als der Mensch, der sein Verhalten der jeweiligen Situation anpassen kann, sind Tiere instinktgesteuert, kennen keine StVO. Gerade im Herbst, auch wegen der früheren Dunkelheit, der schlechteren Sicht, der oft nassen oder laubbedeckten Straßen und des Futtermangels der Tiere im Wald, sei daher erhöhte Vorsicht geboten.

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