Shirley Bade (43) aus Wißmar im Landkreis Gießen tastet sich nach einer Covid-Erkrankung auf dem Crosstrainer an ihre alte Leistungsfähigkeit heran.
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Shirley Bade (43) aus Wißmar im Landkreis Gießen tastet sich nach einer Covid-Erkrankung auf dem Crosstrainer an ihre alte Leistungsfähigkeit heran.

Landkreis Gießen

Milder Corona-Verlauf, heftige Spätfolgen: „Als würde mir jemand die Beine aufschneiden“

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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  • Stefan Schaal
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Shirley Bade (43) aus Wißmar im Landkreis Gießen muss sich ihren Alltag zurück erkämpfen. Sie leidet bis heute unter den Nachwirkungen einer Covid-Erkrankung.

Wißmar – Mit den Kindern spielen und die Zeit vergessen. Wild mit den Kleinen auf der Couch tanzen. Lachen und gar nicht mehr aufhören. Shirley Bade erinnert sich an Momente, die nur drei Monate zurückliegen – und doch wie eine Ewigkeit entfernt erscheinen. Eine Corona-Erkrankung Anfang Dezember hat ihr Leben bis heute auf Stopp gestellt. »Vor ein paar Tagen habe ich probiert, draußen mit den Kindern Fußball zu spielen«, sagt die 43 Jahre alte Wißmarerin. »Nach zwei Minuten musste ich mich hinlegen. Ich war völlig fertig.«

Landkreis Gießen: Corona hat Frau aus Wißmar Alltag geraubt

Bade hat die Erkrankung selbst mit vergleichsweise milden Symptomen überstanden. Sie hatte kein Fieber und auch keine Lungenschmerzen, litt allerdings unter Atemnot und Schmerzen in den Beinen und Gelenken. Zwei Wochen später stieg sie wieder in den Beruf als Pflegedienstleiterin in einem Seniorenzentrum in Marburg ein. Allerdings musste sie die Arbeit wenige Tage später erneut aufgeben. Die Schmerzen wurden schlimmer und schlimmer. »Es ist, als würde mir jemand die Beine aufschneiden«, erklärt sie. Wenn sie liegt, spüre sie tausend Nadelstiche. »Wenn ich laufe, habe ich das Gefühl, dass das Blut in meinen Gefäßen kocht.«  Es ist eine durch Corona ausgelöste Polyneuropathie, die die Schmerzen auslöst und Bade in einen ständigen Erschöpfungszustand versetzt. Sie habe ihre Muskelkraft in den Beinen verloren, berichtet sie. Treppenstufen seien unüberwindbare Hürden. »Morgens wache ich mit einem Puls von 120 auf.« 

Die Corona-Nachwirkungen rauben ihr den Alltag. Vor vier Wochen, erzählt sie, habe sie Frühstück für ihre Familie zubereitet. »Danach war meine Kraft verbraucht.«  Sie spüre in den vergangenen Wochen eine leichte Besserung. »An vier von sieben Tagen lassen sich die Schmerzen halbwegs aushalten«, sagt sie. »Dann kann ich auch mal drei bis vier Stunden in der Nacht schlafen.« Oft denkt sie darüber nach, wo und wie sie sich angesteckt haben könnte. »Ich frage mich, wo mein Versagen war.« Und eine bedrückende Frage quält sie, wenn sie wach im Bett liegt. »Ob ich jemals wieder so sein werde wie ich war?«

Corona im Landkreis Gießen: Quarantäne macht „viel mit einer Familie“

Es ist kurz nach acht Uhr am Morgen des 2. Dezember, als Bade im Büro des Pflegeheims, in dem sie arbeitet, per Fax das Ergebnis mehrerer Corona-Abstriche erhält. Darunter ist auch der Befund ihres eigenen PCR-Tests: Er fällt zu ihrer Überraschung positiv aus. Kurz darauf holt sie die sechs, acht und 13 Jahre alten Kinder von der Schule ab und informiert ihren Mann, dann schließt sich die Familie in die Quarantäne ein.  »Ich habe gedacht, es reicht, dass man 14 Tage mal die Zähne zusammenbeißt«, sagt Bade. »Aber so eine Zeit macht viel mit einer Familie.« Sie quartiert sich im Schlafzimmer ein, die Kinder und ihr Mann leben im Wohnzimmer und in den eigenen Räumen. Ein Hauch von Normalität kehrt beim Essen ein, wenn sie sich sehen und für einige Augenblicke unterhalten, die Mutter aber an einem getrennten Tisch sitzt.

Gießener erzählen Corona-Geschichten

Vor einem Jahr, am 28. Februar 2020, wurde der erste Corona-Fall im Landkreis publik. Mehr als 8700 Menschen haben sich seitdem mit dem Virus infiziert. Ein Großteil gilt als genesen. Aber was heißt schon genesen? Nicht jeder findet zurück in den Alltag. Manche kämpfen noch Monate später mit Beschwerden. In einer kleinen Serie erzählen sechs Menschen aus dem Landkreis ihre Corona-Geschichte-

Frau aus Wißmar (Kreis Gießen) hat Angst vor zweiter Corona-Ansteckung

Irgendwann, als die Kinder immer wieder weinend vor der Schlafzimmertür stehen, wird klar, dass die Familie so manche Routinen nicht völlig aufgeben kann. Abends lesen sie sich im Bett Geschichten vor. »Kinder brauchen körperliche Nähe«, sagt Bade. »Die Vorstellung, eine Mutter von ihren kleinen Kindern zu distanzieren, ist utopisch.« Dass ihre Kinder gesund und ohne Symptome geblieben sind, ist in diesen Tagen Bades größtes Glück. 

Die Wißmarerin ist ein geselliger Mensch. »Ich bin eigentlich fröhlich und manchmal auch durchgeknallt.« Doch ob sie eine solche Stimmungslage wieder empfinden wird, »kann ich mir momentan nicht vorstellen«. Treffe sie vor dem Haus Nachbarn, suche sie nach Ausreden, um einem Gespräch auszuweichen. »Da ist diese unterschwellige Angst, dass ich mich noch mal anstecken könnte«, erklärt sie. Ihre Persönlichkeit habe sich verändert. »Als würde eine Gewitterwolke über mir schweben.« Selbst der Hund spüre es, »wenn ich mit ihm nicht mehr jogge, sondern nur noch spaziere.« Seit anderthalb Wochen arbeitet sie wieder im Rahmen einer Wiedereingliederung für derzeit drei Stunden am Tag. Ob sie das trotz der Schmerzen durchhält, wisse sie nicht. Hoffnung gibt ihr, dass sich die halbwegs erträglichen Tage häufen. 

Corona-Leugner machen Wißmarerin wütend

Dass es in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis Corona-Leugner gibt, macht sie wütend. Einige sagen ihr trotz ihrer Erkrankung und der schweren Nachwirkungen, sie dürfe die Corona-Regeln nicht so streng sehen. »Sei kein Spielverderber. Du warst doch schon positiv.« Sie antworte dann: »Es geht nicht nur um mich, sondern um alle anderen drum herum.« Sie und ihr Mann haben ihren Bekanntenkreis nach derartigen Erlebnissen streng aussortiert. Sie sage jedem: »Pass auf. Corona ist kein Spaziergang. Auch wenn man jung ist.«

Ein Morgen im Februar. Kühle Luft und Sonnenstrahlen dringen ins Wohnzimmer. Bade steigt mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen auf einen Crosstrainer, sie stellt das Gerät auf 20 Watt ein, »vor der Erkrankung waren es immer 100«, sagt sie, dann schreitet die Wißmarerin auf und ab. Zehn Minuten hält sie durch. Jeder Schritt schmerzt. Doch mit jedem Schritt kämpft sich Bade zurück. Zurück in die Normalität. Zurück ins Leben.

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