Im Prozess gegen einen 42-Jährigen ist vor dem Amtsgericht nun das Urteil gefallen.	ARCHIVFOTO: SRS
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Im Prozess gegen einen 42-Jährigen ist vor dem Amtsgericht nun das Urteil gefallen. ARCHIVFOTO: SRS

Embryo starb ab

Prozess um Tritte gegen schwangere Ehefrau: Mauer des Schweigens vor Gericht

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ein heute 42-Jähriger soll seiner schwangeren Ehefrau 2017 mehrmals in den Bauch getreten haben, der Embryo starb wenig später ab. Das Gericht hatte es nun mit einer Mauer des Schweigens zu tun.

Die Verhandlung läuft noch keine 30 Minuten, als Richterin Maddalena Fouladfar am Freitagmorgen das Urteil verkündet: Der 42-Jährige auf der Anklagebank wird freigesprochen - obwohl es, wie Fouladfar in der Begründung ausführt, »möglich und wahrscheinlich ist, dass der Angeklagte die Tat begangen hat«. Nicht nur Verteidiger Carsten Marx, sondern auch Staatsanwältin Dr. Julia Vorländer hatten in ihren Plädoyers einen Freispruch gefordert. Rechtlich schien nach der im Ergebnis kaum ergiebigen Beweisaufnahme schlicht kein anderes Urteil denkbar.

Dabei wogen die Vorwürfe der Anklage schwer: Der 42-Jährige, gebürtig in Aleppo und vor Gericht von einem Dolmetscher begleitet, soll im Februar 2017 in der damals gemeinsamen Wohnung der Familie in Laubach seine Frau und eine Tochter misshandelt haben. »Er war verärgert über das Verhalten der Tochter«, trug Vorländer aus der Anklageschrift vor, habe sie an den Haaren gezogen und gekratzt.

Dann sei seine Ehefrau dazwischen gegangen, sie war damals in der elften Woche schwanger. Laut Anklage schubste der vierfache Vater sie daraufhin zu Boden »und trat ihr zwei- bis dreimal in den Bauch«, außerdem habe er wüste Drohungen ausgesprochen. Sie habe Prellungen erlitten und danach über Bauchschmerzen geklagt.

Vor dem Amtsgericht musste sich der Mann wegen Körperverletzung und Schwangerschaftsabbruchs verantworten. Denn nach der Tat war der Embryo abgestorben - laut Anklage aufgrund der Tritte in den Bauch. Ermittelt wurde damals wegen einer Anzeige der Frau.

Doch die Beweisaufnahme ergab nichts Handfestes, die Staatsanwaltschaft stand am Ende mit leeren Händen da. Das hing vor allem mit der mangelnden Aussagebereitschaft vor Gericht zusammen: Schon beim Prozessauftakt im April hatte die Ehefrau von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und sagte nicht aus. Auch die Tochter war damals geladen, laut der Mutter aber erkrankt.

Tritte gegen schwangere Ehefrau: Auch Töchter wollen nicht aussagen

Äußerlich ungerührt verfolgte die Frau nun den zweiten Verhandlungstag als Zuschauerin. Zwei Töchter des mittlerweile geschiedenen und getrennt lebenden Paares erschienen diesmal als Zeuginnen. Sie wurden von Fouladfar sorgsam belehrt: Sie müssten wegen der Verwandschaft nicht aussagen - wenn sie es tun, dann müsse es aber der Wahrheit entsprechen.

Beide Töchter machten schließlich keine Aussage. »Ich möchte nichts mehr sagen, ich habe das schon erklärt«, sagte eine der Töchter. Als Folge der Aussageverweigerungen dürfen auch die jeweiligen Angaben während der Ermittlungen nicht vor Gericht eingebracht werden. Auch der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Im Ergebnis gab es nicht eine Zeugenaussage, auf die Fouladfar bei der Urteilsfindung hätte zurückgreifen könnnen. Auch objektive Beweise für die Schuld des Angeklagten lagen nicht vor: Die Frau hatte erst neun Tage nach den mutmaßlichen Tritten eine Ärztin aufgesucht und dort von dem Übergriff berichtet. Dann wurde festgestellt, dass der Embryo abgestorben war. Die Frau wollte ihn danach nicht obduzieren lassen.

Laut Attest war die Schwangerschaft zuvor »unauffällig und intakt« gewesen. Ein Kausalzusammenhang zwischen der angeklagten Gewalttat und dem Schwangerschaftsabbruch lässt sich - da waren sich alle Seiten einig - unterm Strich aber nicht nachweisen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass aus ärztlicher Sicht ohnehin aufgrund von vier vorherigen Kaiserschnitten ein Risiko für die Schwangerschaft bestand und die Frau erst Tage nach den mutmaßlichen Tritten die Ärztin aufsuchte.

»Das war ein sehr mühevolles Verfahren«, sagte die Richterin am Ende, »wir haben keine Erkenntnisse«.

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