Nur ein kleiner Pieks: Die jährliche Grippeschutzimpfung wird allen Menschen über 60 Jahren empfohlen.
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Nur ein kleiner Pieks: Die jährliche Grippeschutzimpfung wird allen Menschen über 60 Jahren empfohlen.

Geduldsprobe

Gießen: Grippe-Impfstoff ist knapp – Patienten beklagen horrende Wartezeiten 

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Patienten treibt es bisweilen die Zornesröte ins Gesicht, gegenüber den Sprechstundenhilfen wird der Ton rauer, in Praxen und Apotheken rund um Gießen wartet man händeringend auf Grippe-Impfstoff-Nachschub.

Gießen – Der Termin ist seit Wochen vorgemerkt - und wird dennoch am Tag zuvor von der Hausarztpraxis storniert: Kein Einzelfall im Gießener Land, wenn es aktuell um Grippe-Impfung geht. Patienten treibt es bisweilen die Zornesröte ins Gesicht, gegenüber den Sprechstundenhilfen wird der Ton rauer, in Praxen und Apotheken wartet man händeringend auf den Impfstoff-Nachschub.

Landkreis Gießen: Kurzfristige Absage per Telefon vor Grippe-Impfung

„Das kann doch einfach nicht wahr sein«: Wiederholt wenden sich in diesen Tagen Leser an die Redaktion, um ihrem Unmut Luft zu verschaffen. Während etwa Bundesgesundheitsminister Jens Spahn unverdrossen Befürchtungen vor Versorgungsengpässen beim Grippe-Impfstoff zurückweist und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen dazu aufruft, sich impfen zu lassen, müssen sich Impfwillige vielerorts weiterhin in Geduld üben.

So wie beispielsweise Karl Keller aus Lich (*Name geändert). Vor rund sechs Wochen schon hatte er bei seiner örtlichen Hausärztin einen Impftermin für sich und seine Ehefrau für Ende Oktober vereinbart. Knapp 24 Stunden vor dem vereinbarten »Pieks« klingelte das Telefon. »Sie brauchen morgen nicht zu kommen - wir haben keinen Impfstoff mehr«, habe ihm die Arzthelferin bedeutet und ihm vorgeschlagen, das Paar auf eine Warteliste zu setzen, erinnert sich Keller. Alternativvorschlag: Das Influenza-Vakzin via Privatrezept in einer Apotheke des Vertrauens zu ordern, und sich anschließend die Impfung vom Arzt verabreichen zu lassen. Das aber gestaltete sich nicht so einfach.

Grippe-Impfungen im Gießener Land: Vier Wochen Warten und kein Ende

Nachdem er zunächst vergeblich in Lich nachgeforscht hatte, sei er in der Limes-Apotheke in Watzenborn-Steinberg zumindest nicht gleich weggeschickt worden, berichtet der 78-Jährige. Dort habe man ihm versprochen, ihn zu informieren, sobald wieder Impfstoff eingetroffen sei. Keller musste nicht lange warten: Der erhoffte Anruf kam am gleichen Tag.

Weniger Fortune war beispielsweise Ulrich Ackermann aus Gießen-Petersweiher beschieden. Viermal sei er in Sachen Grippe-Impfung bei seinem Hausarzt in Pohlheim vorstellig geworden, ebenso oft habe man ihn abgewiesen. »Es gibt keinen Impfstoff«, resümierte der 75-Jährige.

Impfstoff-Knappheit im Kreis Gießen: Laubacher Apotheke führt Warteliste

Diese Beispiele sind keine Einzelfälle. Stichprobenartige Nachfragen dieser Zeitung ergaben, dass man auch in Apotheken sehnsüchtig auf neue Lieferungen wartet. »Der Impfstoff ist extrem knapp. Uns wurde nun zwar noch eine kleine Menge geliefert, doch das war ein Tropfen auf den heißen Stein«, erläutert etwa Fritz Rossbach (Engel-Apotheke in Laubach). Rund 30 Namen umfasst allein hier die Liste der Vorbestellungen auf Privatrezept (Rossbach: »Es waren auch schon 60«) - ganz zu schweigen von den noch nicht abgearbeiteten Bestellungen der Arztpraxen: »Die bestellen für die Kassenpatienten und sitzen nun auf dem Trockenen«. Die Folge: »Die Leute sind zunehmend ungehalten«.

Impfstoff-Knappheit im Kreis Gießen: Warten auch in Steinbach

Ähnlich gestaltet sich das Bild in der Hessen-Apotheke in Fernwald. »Der Impfstoff, der reinkommt, ist im Grunde schon wieder weg«, sagt Andreas Fitzthum. Vom Großhandel werde ein gewisses Kontingent erwartet, Bestelllisten würden abgearbeitet, die Ware sei unterwegs, aber niemand wisse, wann sie tatsächlich eintreffe. »Ich weiß nicht, an welcher Stelle der Lieferkette wir stehen«, so der Steinbacher Apotheker.

Dabei folgt der Dreiklang Arzt - Apotheke - Hersteller stets dem gleichen Muster: Zum Jahresbeginn wird der Grippe-Impfstoff für die Saison im Herbst bestellt. Fitzthum: »Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel. Aber dieses Jahr war es ein ganz anderes Spiel.« Die Ärzte seien aufgefordert gewesen, vorsorglich mehr Impfstoff zu ordern. »Sie haben auch kräftig bestellt, doch das ist inzwischen schon wieder alles aus dem Haus«.

Impfstoff-Knappheit im Kreis Gießen: Flächendeckendes Phänomen

Der aktuelle Engpass ist auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen angekommen: »Insgesamt kann man schon von einem verbreiteten Problem sprechen. Die Meldungen dazu aus den Praxen häufen sich«, sagt Pressesprecher Karl M. Roth. Flächendeckend scheine auch das Phänomen zu sein, dass noch längst nicht alle bestellten Impfdosen ausgeliefert wurden - was wiederum den Mangel erkläre. Laut einem großen Hersteller sollten im November noch zusätzliche Impfdosen auf den Markt kommen.

Die KV habe ihren Mitgliedern geraten, sich an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut zu halten - also den Fokus zu legen auf Schwangere, Personen über 60, chronisch Kranke sowie Personen, die mit vielen Menschen zusammenkommen, etwa im Gesundheitswesen. Nun aber stelle sich die Situation so dar, dass in diesem Jahr trotz einer Rekordzahl zur Verfügung stehender Impfdosen viele Menschen im eine Impfung gebeten haben, die nicht zu den genannten Risikogruppen gehören.

Impfstoff-Knappheit im Kreis Gießen: Zuerst Risikogruppen impfen

Roth weiter: »Die von dem einen oder anderen Politiker zu hörende Aufforderung, sich auf jeden Fall impfen zu lassen, führt zwar in Summe möglicherweise zu dem Effekt, dass vergleichsweise viele Impfdosen verimpft wurden, unter Umständen aber die Risikogruppen nicht komplett abgedeckt werden können.«

In der Tat hatte Hans-Peter Stock, Gesundheitsdezernent des Landkreises, erst vor wenigen Tagen in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass auch für Personen, die zu keiner Risikogruppe gehören, eine Impfung sinnvoll sei: »Wer sich gegen die Grippe impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst, sondern trägt auch dazu bei, dass das öffentliche Gesundheitswesen bei zusätzlich steigenden Corona-Fallzahlen nicht überlastet wird«.

Impfstoff-Knappheit im Kreis Gießen: Apothekerverband macht Hoffnung

Hinsichtlich des Impfstoffes könne es »zeitweise zu regionalen Problemen bei der Zustellung« kommen, sagt Katja Förster, Pressesprecherin des Hessischen Apothekerverbandes (HAV). Auch beim HAV mehrten sich Anrufe von Patienten, aus Arztpraxen und Apotheken. »Viele Menschen sind beunruhigt« sagt Förster. Und: »Kaum jemand hat einen genauen Überblick, was aktuell auf dem Markt ist. Aber wir sind zuversichtlich, dass in den nächsten Wochen weiterer Impfstoff in die Apotheken und Praxen kommt«.

In diesem Jahr seien über 27 Millionen Impfdosen verfügbar - davon seien rund 22 Millionen bereits behördlich freigegeben. Die Impfmüdigkeit vergangener Jahre scheint anno 2020 passé. Förster ist zuversichtlich: »Es ist doch ein toller Erfolg, dass sich so viele Menschen impfen lassen wollen. Das Risiko, an einer Grippe zu erkranken, ist schon deswegen geringer, weil wir die AHA-Regeln einhalten.«

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