Andrea Wiedemann-Schumacher, Inhaberin des Schuhhauses "Per Pedes" in Lich, merkt ein deutliches Umsatzminus seit der Gastro-Schließung.	FOTO: JWR
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Andrea Wiedemann-Schumacher, Inhaberin des Schuhhauses »Per Pedes« in Lich, merkt ein deutliches Umsatzminus seit der Gastro-Schließung. FOTO: JWR

Corona-Einbußen

Landkreis Gießen: Gastro-Schließung trifft Einzelhandel – „Es ist tote Hose“

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Die Corona-Zwangsschließung im Frühjahr hat auch im Kreis Gießen Einzelhändler hart getroffen. Wie haben sich die Umsätze seither entwickelt? Ein Besuch in Grünberg und Lich offenbart: Manche bangen nun erneut um ihre wirtschaftliche Existenz.

Der Einzelhandel ist mit einem blauen Auge davon gekommen - das könnte man zumindest auf den ersten Blick annehmen. Denn während Gastronomen seit Anfang dieser Woche vorerst keine Kunden mehr bewirten dürfen, können die Geschäfte weiter öffnen. Allerdings werden Gastro-Betriebe, die nun komplett schließen, dafür entschädigt. Für die Einzelhändler dagegen macht eine offene Tür allein noch keinen Umsatz. Eine Umfrage in Grünberg und Lich zeigt: Der stationäre Handel hat nun im Fahrwasser der Gastro-Einschränkungen erneut teils große Probleme.

Diesen Eindruck hat auch Corinna Becker, Mitarbeiterin von Schuh-Frank in Grünberg. »Es lief wieder besser, wir waren guter Hoffnung«, blickt sie dieser Tage auf die vergangenen Wochen zurück, »aber jetzt ist es eine Katastrophe«. Schon in der Vorwoche seien die Kundenzahlen »merklich eingebrochen«. Die Verunsicherung über mögliche Risiken und ständig neue Maßnahmen sei groß: »Die Leute hören nur Schlechtes, jeder erzählt etwas anderes.« Gerade ältere Kunden wirkten nun verängstigt, »viele stehen erstmal vor dem Geschäft und gucken rein«. Einige Produkte seien äußert schwer zu verkaufen: »Was braucht man denn im Moment? Tanzschuhe jedenfalls nicht.«

Nicht allen Einzelhändlern hat die Krise hart zugesetzt, manche kamen - je nach Produktbereichen - besser durch die unsicheren Monate. Ingrid Langwald, Inhaberin des »Wäschefachs« nahe dem Grünberger Marktplatz, hatte noch im April, nach der Schließung im Einzelhandel, bekundet: »Die letzten Wochen waren grässlich.« Für sie werde es künftig eng, so erwartete sie damals. Doch so schlimm sei es für sie nicht gekommen: »Es ist nicht eng geworden, aber anders«, äußert sie sich Anfang der Woche. Die Stammkunden seien ihr treu geblieben - und zusätzlich neue aus dem Umland hinzugekommen.

Existenzsorgen im Einzelhandel: Kleinere Städte im Kreis Gießen im Vorteil?

Steuern Kaufwillige nun womöglich eher Geschäfte in kleineren Orten an, statt sich etwa im Gießener Seltersweg zu tummeln? Friedrich-Wilhelm Reinhard, Inhaber der Buchhandlung Reinhard in Grünberg, hält das für durchaus plausibel. »Dem Seltersweg fehlt jetzt die Frequenz«, sagt er. In kleineren Städten wie Grünberg mache Stammkundschaft einen größeren Anteil aus, »die Laufkundschaft ist das Sahnehäubchen«. Das habe ihm zuletzt geholfen - neben Neukunden und einem gestiegenen Online-Umsatz.

Andrea Wiedemann-Schumacher ist in ihrem Schuhhaus »Per Pedes« in der Licher Innenstadt gerade allein auf weiter Flur. So sei es dieser Tage häufig, berichtet die 62-Jährige. »Es ist tote Hose, es läuft schlecht.« Sie führt ihren Laden nun im zehnten Jahr, doch von heiterer Jubiläumsstimmung kann keine Rede sein. Zwar sei sie einigermaßen gut durch den Sommer gekommen, wenn auch auf niedrigerem Niveau als im Vorjahr. Doch seit der Corona-bedingten Gastro-Schließung am Montag wirke die Innenstadt teils wie ausgestorben.

»Die Leute sind ängstlich, gehen weniger raus«, sagt sie. Auch seien bei einigen die Sorgen um den eigenen Job gewachsen, was den Konsum natürlich nicht gerade ankurbelt. Und jene, die es doch in die Innenstadt zieht, können den Besuch von Geschäften vorerst nicht mehr mit einem gemütlichen Abstecher in die Gastronomie verbinden.

Existenzsorgen im Einzelhandel des Gießener Landes: Konkurrenz im Internet

Sie habe viele Stammkunden, längst nicht nur aus Lich, berichtet Wiedemann-Schumacher. Das sei in den vergangenen Monaten ein Vorteil gewesen, weil sie daher weniger abhängig von Laufkundschaft sei. Doch insgesamt, so ihr Eindruck, habe sich das Konsumverhalten vieler zuletzt gewandelt: »Ich glaube, es wird einfach mehr online bestellt.« Und von etlichen älteren Frauen habe sie gehört, dass sie nun verstärkt auf Verkaufssendungen im TV zurückgriffen. Auch seien aus ihrem Damenschuh-Sortiment in den vergangenen Wochen manche Modelle deutlich stärker als andere nachgefragt worden: »Schicke Schuhe gehen überhaupt nicht, alles muss jetzt bequem sein.«

Seit der Corona-Zwangspause im Frühjahr habe sie vieles versucht, um für Kunden weiter präsent zu sein, erläutert die Inhaberin. So habe sie Fotos vom Schaufenster online gestellt, die Kunden konnten sich etwas aussuchen und sie lieferte nach Hause. Ein »echter« Internet-Shop sei für sie eigentlich keine Option. »Das ist für mich zu teuer«, sagt Wiedemann-Schumacher, »die Rücksendequoten sind enorm hoch und die Leute erwarten kostenlosen Versand«. Doch am Ende dieser überaus mauen Woche denkt sie darüber nach, es doch mit einem Online-Shop zu versuchen. »Ich bin immer zweckoptimistisch«, sagt die Inhaberin, »aber wenn es jetzt so weitergeht, mache ich meinen Laden zu«.

Existenzsorgen im Einzelhandel: Geschäfte im Landkreis Gießen »absolut ausgestorben«

Sollte sie ihren Laden wirklich aufgeben müssen, wäre sie in Lich nicht die erste: Bereits im Sommer hat einen Steinwurf entfernt das Traditionsgeschäft Lederwaren Dörmer dicht gemacht, die Schaufenster sind nun abgeklebt. Letztlich habe die Corona-Situation den Ausschlag für die Schließung gegeben, berichtete Inhaberin Monika Böhler-Stoppel damals.

In einem Modegeschäft, ein paar Meter weiter, wartet die Verkäuferin am Dienstag auf Kunden, doch den ganzen Vormittag über kommt fast niemand. Soweit sie es beurteilen könne, seien die letzten Monate noch okay gewesen. Bis jetzt. »Lich ist wie tot, absolut ausgestorben«, sagt sie. Neuerdings komme kaum noch Laufkundschaft.

»Ich hätte im Moment auch keine Lust, shoppen zu gehen«, bekundet die Frau im Laden. Die geöffneten Türen des Einzelhandels allein helfen da wenig weiter.

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