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Mal schnell für einen Abstrich zum Apotheker um die Ecke? An der Umsetzung des von Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigten Angebotes kostenloser Schnelltests für alle hapert es im Landkreis noch.

Corona-Pandemie

Probleme mit kostenlosen Schnelltests im Kreis Gießen: Nicht genug Platz, zu wenig Personal

270 000 Menschen leben im Kreis Gießen. Jedem steht seit Montag ein kostenloser Corona-Schnelltest pro Woche zu. Doch bei der Organisation der Angebote gibt es Schwierigkeiten.

Gießen – Gleich am Montagmorgen geht es los. Immer wieder klingelt in der Apotheke am Licher Stadtturm das Telefon. Doch die Frage nach der Durchführung der kostenlosen Corona-Schnelltests müssen Olaf Herde und seine Mitarbeiter verneinen. »Wir wissen ja gar nicht, wie die Rahmenbedingungen aussehen sollen«, sagt der Apotheker. Bevor er die nicht kenne, könne er nicht entscheiden, ob er seinen Kunden das Angebot überhaupt machen werde.

Mit Rahmenbedingungen meint er insbesondere Durchführungsmodalitäten. Wo soll das Ganze stattfinden? Wie sind Testpersonen von der übrigen Kundschaft zu trennen? Wie viel Personal müsste er dafür vorhalten und kann er das mit seinem Mitarbeiterstamm überhaupt? Wie sollen die Testzertifikate aussehen? Fragen über Fragen. Ebenso unklar waren zu Wochenbeginn die Abrechnungsmodalitäten oder ob unter diesen Umständen die Möglichkeit besteht, die Belegschaft impfen zu lassen. Herde: »Das ist für mich Voraussetzung.«

Corona-Schnelltests im Landkreis Gießen: Neue Allgemeinverfügung in Kraft

Seit Montag hat jeder Bürger einen Anspruch auf einen kostenlosen Corona-Schnelltest pro Woche. Doch die Umsetzung läuft nur schleppend an. Der Kreis vergibt seit Dienstag Termine für Schnelltests in der Rivers-Sporthalle, vier weitere Standorte in Grünberg, Wißmar, Staufenberg und Pohlheim - hier allerdings nicht wie berichtet in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg, sondern im Hausener Bürgerhaus - gehen am 15. März an den Start. Doch das Gesundheitsamt übernimmt in der Teststrategie nur eine Säule. Auch von weiteren Anbietern wie Apotheken, Ärzten und Privaten werden Angebote erwartet.

Und mittlerweile lichtet sich für diese der Nebel am Schnelltest-Himmel. Am Dienstag »hat das Bundesgesundheitsministerium die bereits dringend erwartete neue Testverordnung (TestV) veröffentlicht und in Kraft gesetzt«, teilt das Hessische Ministerium für Soziales und Integration auf Anfrage mit. Man habe den Kommunen und Landkreisen daraufhin eine Muster-Allgemeinverfügung bereitgestellt, um Apotheken, Ärzte und andere Dienstleister mit der Durchführung der Tests zu beauftragen. Denn nur, wer vom Gesundheitsamt beauftragt wurde, darf auch testen. Eine entsprechende Allgemeinverfügung hat der Kreis Gießen gestern erlassen (siehe Kasten).

Corona-Schnelltests im Landkreis Gießen: Für Massentests nicht gerüstet

Ob die Bemühungen ausreichen, um jedem, der möchte, allwöchentlich einen kostenlosen Test anbieten zu können, bleibt zu bezweifeln. 270 000 Menschen leben im Landkreis, das Gesundheitsamt kann rund 10 000 Tests pro Woche anbieten. Apotheker und Ärzte sehen sich für Massentests nicht gerüstet.

Mira Sellheim, Inhaberin der Apotheke am Ludwigsplatz in Gießen und Mitglied im Vorstand des hessischen Apothekerverbandes, sieht die räumliche Situation als eines der größten Hindernisse. Eine Trennung von Testpersonen und übriger Kundschaft sei in sehr vielen Apotheken im Kreis nicht möglich. Schwierig beurteilt sie mit Blick auf massenhafte Testungen auch die Personalsituation, denn sie und ihr Team müssten das Angebot ja irgendwie neben der normalen Arbeit stemmen. Sellheim: »Unter den jetzigen Bedingungen schaffen wir das gar nicht.«

Corona-Schnelltests im Landkreis Gießen: Wenig Interesse von Apotheken?

Fehlende räumliche Kapazitäten, zu wenig Mitarbeiter. Zwar heißt es seitens des Landkreises, dass »eine Reihe von Apotheken die Bereitschaft bekundet hat, Tests vorzunehmen«. Die Recherchen von Olaf Herde bei seinen Kollegen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Mehr als 100 Mitbewerber vom Vogelsberg bis in die Wetterau hat er in Sachen Schnelltests angeschrieben. Aber nur drei Apotheker in Stadt und Landkreis Gießen hätten bisher ihre Bereitschaft erklärt, kostenlose Schnelltests anzubieten.

Eine davon ist Silke Werner, Inhaberin der Rathaus-Apotheke in Garbenteich, wo bereits kostenpflichtige Schnelltest angeboten werden. Doch das seien je nach Anfrage gerade mal eine Handvoll. »Wenn die Leute in Massen kämen, könnten wir das nicht leisten«, so Werner.

Corona im Landkreis Gießen: Impfen statt testen

Argumente, die auch aus der Ärzteschaft kommen. Dr. Michael Knoll, im Hausärzteverband Hessen Vorsitzender des Bezirks Gießener Land, führt zwar bereits Schnelltests in seiner Praxis in Lich durch. Massentestungen seien für ihn personell aber nicht leistbar, Dr. Günter Stephan, Allgemeinmediziner in Laubach, warnt sogar davor. Bei zu niedriger Viruslast führten diese zu falsch negativen Ergebnissen und wiegten die Getesteten in trügerischer Sicherheit. Den einzigen Weg aus der Pandemie sieht der Allgemeinmediziner im großflächigen Impfen unter Einbeziehung der Hausärzte. Stephan: »Das wäre die Lösung des Problems.«

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