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»Drei Ärzte im Praktikum, die in unserer Praxis arbeiten, haben keine Einladung zur Impfung erhalten«, sagt der in Laubach praktizierende Allgemeinmediziner Günter Stephan. »Sie stehen genauso sehr an der Front wie wir.«

Coronavirus

Landkreis Gießen: Mehrere Hausärzte nach Appell geimpft – aber das Unverständnis bleibt

  • vonStefan Schaal
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Nachdem zehn Hausärzte in Landkreis Gießen darauf gedrängt haben, durften einige von ihnen das Impfzentrum in Heuchelheim aufsuchen. Doch in die Erleichterung mischt sich weiterhin Unverständnis.

Landkreis Gießen – Günter Stephan ist erleichtert. »Ich fühle mich besser«, sagt der 65 Jahre alte Hausarzt. »Das macht psychologisch enorm viel aus.« Vor wenigen Tagen noch hat der Laubacher es als »Skandal« bezeichnet, dass er bisher nicht geimpft worden ist, obwohl er regelmäßig in einem Seniorenzentrum Patienten versorgt. Nun haben er und drei weitere Ärzte seiner Praxis das Impfzentrum in Heuchelheim aufgesucht.

»Ich freue mich sehr«, sagt Stephan über die Corona-Schutzimpfung für ihn und seine Kollegen. Dann fügt er einen einschränkenden Satz hinzu: »Zumindest für uns freue ich mich.«

Landkreis Gießen: Hausärzte forderten im Januar Corona-Impfungen

Ende Januar haben er und neun weitere Hausärzte aus Laubach, Grünberg und Lich einen Appell in dieser Zeitung veröffentlicht, der hohe Wellen geschlagen hat. Sie forderten, bei den Corona-Impfungen stärker berücksichtigt zu werden. Die Hausärzte seien ein »zentrales Bollwerk« im Kampf gegen die Pandemie. Sie und ihre Mitarbeiter seien täglich »einer extremen Infektionsgefahr« ausgesetzt. Dennoch, kritisierten sie, seien für die Hausärzte und ihr Personal noch keine Schutzimpfungen vorgesehen. Der epidemiologisch wichtige Einsatz der Hausärzte werde von der Politik in keiner Weise gewürdigt. Stephan wies auf seine Tätigkeit in einem Altenheim, im Laubacher Stift, hin. »Wir sind dadurch Gefährder für die Bewohner eines Seniorenzentrums.«

Landrätin Anita Schneider habe ihn nach der Veröffentlichung des Appells angerufen, berichtet Stephan. Schneider habe Verständnis für das Anliegen der Hausärzte geäußert, dabei aber auch auf den aktuellen Mangel an Impfstoff hingewiesen. Außerdem habe die Landrätin versprochen, sich für die Hausärzte einzusetzen.

Landkreis Gießen: Hausärzte, die in Seniorenzentren arbeiten, bekommen Impfung

Wenige Tage später ging ein Rundschreiben an alle im Landkreis niedergelassenen Hausärzte, die in Seniorenzentren tätig sind - mit dem Angebot eines Termins im Impfzentrum in Heuchelheim. »Sie sind einem besonders hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt«, heißt es in dem Schreiben des Landkreises. »Daher sind Sie priorisiert zu impfen.«

Der Appell Stephans und seiner Kollegen hat gefruchtet. »Regulär wären wir frühestens Mitte März dran gewesen«, sagt Stephan. »Wir sind froh, dass wir die Impfung vorziehen konnten.«

Landkreis Gießen: Corona-Impfung bei Hausärzten minimiert Risiken

So werde das Risiko, Patienten mit Corona anzustecken, minimiert. Und auch den Hausärzten selbst gebe die Impfung Sicherheit. »Es wäre schade, wenn ich so früh an Covid-19 sterben würde«, sagt Stephan. Einer der Ärzte seiner Praxis fühle sich am Tag nach der Impfung schwach und zittrig und habe sich krankschreiben lassen, berichtet der Laubacher, er selbst habe die Impfung derweil gut vertragen. Es dauere zehn Tage, bis sich Antikörper bildeten, sagt Stephan. »Aber der Schutz fängt an zu wirken.«

In die Erleichterung mischt sich dennoch eine Portion Unverständnis, was die Prioritäten und die Reihenfolge bei den Corona-Schutzimpfungen angeht. »Drei Ärzte im Praktikum, die in unserer Praxis arbeiten, haben keine Einladung zur Impfung erhalten«, sagt Stephan. »Sie stehen genauso sehr an der Front wie wir.« Auch weitere Mitarbeiter wie medizinische Fachangestellte, die bei Abstrichen von Corona-Tests involviert sind und die außerdem Hausärzte bei Visiten und Untersuchungen von Patienten im Altersheim begleiten, würden bisher nicht geimpft. Wochenlang hat sich Stephan vehement für die Impfung der Hausärzte eingesetzt. Nun, nach seiner Schutzimpfung in Heuchelheim, räumt er ein: »Ich bin Teil eines Teams in meiner Praxis. Ein wenig fühle ich mich zu Unrecht privilegiert.«

Landkreis Gießen: Debatte um Corona-Impfung für Ärzte geht weiter

Stephan weist auf weitere Kollegen hin, die zur ersten Prioritätengruppe bei den Impfungen zählen sollten: »Meine Solidarität und meine Gedanken richten sich an die Zahnärzte und deren Mitarbeiter«, sagt Stephan. »Sie arbeiten ständig in den Mundhöhlen ihrer Patienten, sind einem extrem hohen Risiko ausgesetzt.« Auf absehbare Zeit werde genügend Impfstoff zur Verfügung stehen, versichert unterdessen der Landkreis, »sodass jeder impfwillige und impffähige Arzt geimpft werden kann«.

Stephan bekräftigt den Vorschlag, die Corona-Schutzimpfungen im Kreis in Hausarztpraxen vorzunehmen. »Keiner ist so gut über seine Patienten informiert wie der Hausarzt.« Zu dieser Forderung habe es kein Signal der Landrätin gegeben, erklärt Stephan. Dass es dazu mittelfristig kommen wird, bestätigt allerdings ein Sprecher des Hessischen Innenministeriums. Schutzimpfungen sollen in Hausarztpraxen durchgeführt werden, sobald ein »leicht handhabbarer Impfstoff« verfügbar sei, der unter einfachen Bedingungen gelagert und transportiert werden kann.

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