Dr. Rolf Tobisch und Jan Leister präsentieren den Prototyp von ConMaCept. Das Gerät soll die hormonfreie Verhütung für den Mann möglich machen.	FOTO: US
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Dr. Rolf Tobisch und Jan Leister präsentieren den Prototyp von ConMaCept. Das Gerät soll die hormonfreie Verhütung für den Mann möglich machen.

ConMaCept

Hormonfreie Verhütungsmethode für den Mann: Tüftler sorgen mit besonderem Gerät für Schlagzeilen

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Drei Tüftler haben eine hormonfreie Verhütungsmethode für den Mann erdacht, einen Prototyp entwickelt und im Kreis Gießen ein Start-up gegründet. Wie funktioniert das Gerät?

Gießen – Spermien mögen es schön kühl. Das wissen die Männer mancher afrikanischer Stämme, die ihre Hoden zum Zwecke der Verhütung in heißen Sand halten. Das wusste in den 1980er Jahren auch die Hodenbadegruppe in der Schweiz, deren Mitglieder ihre Familienplanung mit 45 Grad warmem Wasser zu regeln suchten. Und das zeigen medizinische Studien, die die Auswirkungen von hohem Fieber auf das Spermiogramm nachgewiesen haben.

Nun ist ein Start-up angetreten, um sich diese Erkenntnisse für eine neue Verhütungsmethode für den Mann nutzbar zu machen. Die Ronikja GmbH mit Sitz in Reiskirchen (Kreis Gießen) hat den Prototyp eines Geräts entwickelt, das nach 30-minütiger Anwendung die Spermien für einen Monat unbeweglich machen soll. »Sicher, nachhaltig, hormonfrei und zeitlich überschaubar«: So schildert der Butzbacher Jan Leister die Vorzüge des Geräts namens ConMaCept, das er gemeinsam mit dem Elektroingenieur Dr. Rolf Tobisch aus Reiskirchen und dem norddeutschen Mediziner Niklas Grohs entwickelt hat.

Neue Verhütungsmethode für den Mann: Start-up aus dem Kreis Gießen braucht rund eine Million Euro

Ein internationales Patent für ihre Erfindung haben die drei Männer bereits. Aber für die Marktzulassung müssen sie noch die Hürden überwinden, die das jüngst noch einmal strenger gefasste Medizinproduktedurchführungsgesetz aufstellt. Zahlreiche Tests unter externer wissenschaftlicher Begleitung, sind erforderlich, um die Sicherheit und die Leistungsfähigkeit von ConMaCept nachzuweisen und eine Zulassung für die klinische Studie mit Tests an Menschen zu erhalten. »Das alles kostet wahnsinnig viel Geld«, sagt Tobisch. »Schätzungsweise eine Million Euro. Die haben wir nicht.« Deshalb will die Ronikja GmbH mit einer Crowdfunding-Kampagne an den Start gehen.

Die Grundidee für ConMaCept hatte Grohs. Auf der Suche nach einem Experten für die Erwärmung biologischen Gewebes stieß er vor etwa drei Jahren auf den Elektroingenieur Tobisch von der THM in Friedberg. Der wiederum holte seinen damaligen Studenten Jan Leister mit ins Boot. Leister ist mittlerweile Wirtschaftsingenieur und zudem ausgebildeter Mechatroniker. »Ich habe praktisch umgesetzt, was die beiden anderen sich theoretisch ausgedacht haben«, beschreibt er seine Rolle.

Der Prototyp von ConMaCept besteht aus einer Halterung, mit deren Hilfe zwei Elektroden außerhalb des Hodens über den Nebenhoden platziert werden. Nicht die Hoden, sondern nur Teile der Nebenhoden werden dann allmählich erwärmt, die Temperatur muss anschließend drei Minuten lang gehalten werden.

Die Erwärmung erfolgt nach der Arbeitsweise der Diathermie, die nach Angaben der Entwickler seit über 100 Jahren in verschiedenen Bereichen der Medizin eingesetzt wird.

Start-up aus dem Kreis Gießen: Tüftler probieren Verhütungsgerät an sich selbst aus

Tut das nicht weh? »Nein«, sagen die Erfinder. Weil die Erwärmung homogen zwischen den beiden Elektroden erfolge und das Gewebe von innen erwärmt werde, seien Temperaturen zwischen 39 und 41 Grad ausreichend. Die empfinde der Mensch nicht als unangenehm. Zudem sei die Hodensackhaut, auf der sich die Halterung abstützt, nicht schmerzempfindlich. In diesem Punkt sind sich die drei Tüftler ganz sicher. Sie haben ihre Entwicklung nämlich an sich selbst ausprobiert.

Außerdem haben sie die Ergebnisse ihres Selbstversuchs anschließend mittels Spermiogramm überprüft. »Es hat funktioniert«, sagt Tobisch. Werde das Gerät alle vier Wochen angelegt, sei der Mann dauerhaft unfruchtbar. Stoppe man die Anwendung, sei die Beweglichkeit der Spermien sechs Wochen später in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt.

Diese Form der Selbstkontrolle soll übrigens auch künftigen Nutzern möglich sein. Parallel arbeiten die drei Experten an SpermView, einem Gerät zur Analyse von Ejakulat, das zusammen mit ConMaCept als Komplettpaket angeboten werden soll. »Man kann die Wirksamkeit selbst überprüfen. Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal unserer Methode«, betonen die Verantwortlichen von Ronikja.

Kreis Gießen: Verhütungsgerät für Männer hat langen Weg zur Marktreife

Doch bis zur Marktreife haben Grohs, Tobisch und Leister noch einen weiten Weg vor sich. Die Entwicklung bis zum funktionsfähigen Prototyp konnten sie aus eigener Tasche finanzieren. Auch der Test im Selbstversuch war gestattet. Doch jetzt stoßen sie an ihre Grenzen. Schon 2019 haben sie die Ronikja GmbH gegründet, um Investoren eine Beteiligung zu ermöglichen. »Für die abschließende klinische Studie haben wir Interessenten an der Hand«, berichtet Tobisch. »Für die umfangreichen Voruntersuchungen aber nicht.« Tests an biologischem Gewebe seien notwendig, Normprüfungen beim TÜV, Genehmigungen der Ethikkommission und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Um das Risiko breit zu streuen, setzt die Ronikja GmbH jetzt auf Crowdfunding.

Die drei Erfinder haben keinen Zweifel, dass es einen Markt für ihr Produkt geben wird. Eine Umfrage, deren Ergebnisse auf der Ronikja-Homepage veröffentlicht wurden, spreche eine eindeutige Sprache. 58,3 Prozent der mehr als 900 Befragten wünschten sich alternative Verhütungsmethoden. 69,2 Prozent der Männer gaben an, selbst aktiv verhüten zu wollen. Und 82,2 Prozent konnten sich vorstellen, das mit ConMaCept zu tun. (Ursula Sommerlad)

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